Die Strassenzeitung aus Freiburg


Guten Abend! Heute ist Donnerstag, der 11. März 2010
   

5 Besucher online


 

 

 


Gemeinsam anders Leben und Wohnen...


In Freiburg gibt es ca. 300 – 400 wohnungslose Menschen und die wenigsten von ihnen leben in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. Sie machen lieber Platte oder besorgen sich einen Wohnwagen.

So war es auch bei Didi, er bekam vor ein paar Jahren günstig einen Wohnwagen angeboten und seitdem lebt er darin.
Im Wagen zu leben hat einige Vorteile, man muss nicht mehr sein ganzes Hab und Gut im Rucksack durch die Gegend tragen und er bietet auch einen Schutz vor Regen oder Kälte, denn meistens funktioniert in diesen „ausrangierten“ Wägen noch die Gasheizung.

 



Allerdings muss Mensch auch sehr mobil sein, denn es ist nicht erlaubt auf öffentlichen Parkplätzen zu wohnen. Als Didi dann 2004 mal wieder darauf hingewiesen wurde, dass er den Parkplatz bis Montag zu verlassen habe, machte er sich auf die Suche nach einem neuen Standort.

Das leerstehende Gelände am Schießplatz in der Nähe des Flughafens war ideal und so stellte er sich auf den Platz. Wolle war in der gleichen Situation und Didi bot ihm an, dass er sich doch mit seinem Wagen dazustellen kann. Drei Monate später kam Reinhold - gerade aus Frankreich zurück – ebenfalls dazu und so entstand diese kleine Wagenburg, auf der mittlerweile 6 Menschen leben.

Da es sich nicht um ein städtisches Grundstück handelte, nahm die Gruppe den Kontakt zum Eigentümer (Liegenschaftsamt des Landes Baden Württemberg) auf und dort hatte man auch nichts dagegen, dass diese Menschen dort leben können, solange das Gelände nicht an die Stadt Freiburg verkauft ist. Bedingung war, dass der Platz nicht vermüllt wird, die Gruppe sich nicht vergrößert und es zu keinen Schwierigkeiten mit der Nachbarschaft kommt.
Nach diesem Okay wurde dann als erstes das mobile Toilettenhäuschen gebaut, denn ein Chemieklo anzumieten, war zu teuer.

Von Anfang an wollten sie nicht an die Öffentlichkeit, sondern ganz einfach ohne große Forderungen nur hier auf diesem Gelände einfach in Ruhe leben. Nun hat sich die Situation geändert, denn im Herbst 2006 ist das Grundstück an die Stadt Freiburg verkauft worden und spätestens im April müssen sie das Gelände verlassen.
Wie es dann weitergeht, weiß keiner von ihnen, allerdings möchten sie sich an ihre bisherigen Abmachungen mit dem alten Besitzer halten, denn dieser hatte sich der Gruppe gegenüber in den letzen drei Jahren fair verhalten und das wollen sie nun auch sein.

Sie möchten auf alle Fälle so weiterleben, denn alleine in einer Wohnung zu leben, kann sich keiner von ihnen vorstellen und deshalb suchen sie nach einem geeigneten Gelände. „Es ist uns wichtig, als kleine überschaubare Gruppe weiterhin zusammen zu leben“ und deshalb möchten sie auch nicht in eine der Freiburger Wagenburgen umziehen. Die Gruppe könnte sich auch vorstellen in einem Haus oder einem Bauerhof in der näheren Umgebung zu leben. Das Haus kann auch gerne renovierungsbedürftig sein, denn handwerklich geschickt sind sie alle.

Auch ihren Optimismus haben sie nicht verloren und deshalb kamen sie dann im letzten Herbst auf die Idee ihre Gemeinschaftshütte wieder aufzubauen, denn die hatten ihnen 2005 ein paar Neider angezündet. „Wir wollten es den Winter über noch einmal gemütlich haben“, meinte Wolle. Um den offenen Kamin herum bauten sie mit dem vorhandenen Material dieses gemütliche Wohnzimmer.
Für die Isolierung und den Innenausbau mussten sie das Material im nahe gelegenen Baumarkt kaufen.
Eine Couch, ein paar Sessel und der Tisch waren schnell organisiert, denn durch den Verkauf des FREIeBÜRGER kommen sie mit vielen Menschen in Kontakt und die halfen ihnen gerne dabei, dass es in ihrer Hütte gemütlich wird.

Hier sitzt man nun an den langen Winterabenden zusammen, spielt Karten, kocht gemeinsam oder schaut in den Fernseher. Ja, auch diesen „Luxus“ haben sie sich geleistet und der Strom kommt vom Aggregat, dass man gemeinsam angeschafft hat. „Wir wollen zusammen leben und nicht einsam vor uns dahin vegetieren“ ist ihr Lebensmotto.

Wer als erster aufsteht, macht schon mal das Feuer im Kamin an, damit es in der Hütte wieder warm wird und kocht auch die erste Kanne Kaffee, denn nach und nach kommen die anderen Mitbewohner herein. Jetzt wird auch der grobe Tagesplan abgesprochen, wer sich heute um was kümmert, denn es gibt in solch einer Gemeinschaft einiges zu tun. Das Wasser muss in Kanistern aus der nahe gelegenen Tankstelle geholt werden, der Müll muss entsorgt werden und auch der Einkauf will organisiert sein. Reinhold und Wolle kümmern sich um das Gemüse, welches sie jeden Samstag von einem Händler auf dem Münstermarkt geschenkt bekommen - da er dieses nicht mehr am Montag verkaufen kann, müsste es sonst in den Müll geworfen werden. Mittlerweile können sie damit auch die anderen Wagenburgen in ihrer Nachbarschaft versorgen. Beim Kochen - denn essen ist für sie wichtig - hilft dann jeder mit.
Jeder von ihnen hat seinen eigenen Wagen, in den er sich zurückziehen kann und wenn er unter Menschen sein möchte, kommt er halt in die Gemeinschaftshütte.

Wie man an Hand dieser Menschen sieht, muss ein Leben im Wagen nicht - wie es anscheinend viele meinen - armselig sein. Im Gegenteil, mit vielen kleinen Dingen des täglichen Alltags geht man wesentlich bewusster um. Wer von uns macht sich schon großartig Gedanken darüber, dass z.B. Wasser nicht einfach so aus der Leitung kommt, sondern ein wichtiger Teil unseres Lebens ist. Wer erst einmal die Erfahrung gemacht hat, mit wie wenig Wasser man im täglichen Leben auskommen kann, wird damit in der Zukunft ganz anders umgehen.

„Wir haben in diesen drei Jahren bewiesen, dass es möglich ist so zu leben“ meint Karlheinz und er kann es deshalb nicht verstehen, warum es nicht möglich sein soll, auch weiterhin in solch einer kleinen Gemeinschaft zusammenleben zu können. Diese Art des gemeinschaftlichen Zusammenlebens ist für diese Wagenburgler sehr wichtig, denn in dieser kleinen Familie ist einer für den andern da, man baut sich gegenseitig auf und dadurch haben sie auch ihre Lust,
am Leben teilzunehmen, wiedergewonnen.

„Alleine in einer Wohnung ist mir die Decke auf den Kopf gefallen“, erzählt mir Wolle und der Rest der Gruppe kann dies nur bestätigen. Durch diese Einsamkeit sind sie letztendlich obdachlos geworden, denn Einsamkeit lässt sich nicht einfach nur mit Alkohol oder Drogen verdrängen. Aus diesem Grund kann sich auch keiner von ihnen vorstellen in einer Einrichtung der Wohnungslosenhilfe zu leben, denn dort wäre der Abstieg von vorneherein wieder vorprogrammiert - darin sind sich alle einig. Wenn man es geschafft hat, sich aus der Obdachlosigkeit heraus wieder etwas Eigenes aufzubauen, dann bedeutet eine Unterbringung in einer Versorgungseinrichtung einen drastischen Rückschritt, bei dem die Selbständigkeit auf der Strecke bleibt.

Dieses Argument sollte berücksichtigt werden, denn an Hand der Wagenburg im Rieselfeld kann man sehen, wie es möglich ist, dass sich Menschen so wieder stabilisieren können. Mittlerweile arbeiten sechs der achtzehn BewohnerInnen und zwei von ihnen machen eine Ausbildung.

Uli


nach oben