Die Strassenzeitung aus Freiburg


Mahlzeit! Heute ist Sonntag, der 01. August 2010
   

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Wir luden Ellen und Jan von den Straßenpunks zu uns in die Redaktion ein um durch ein Interview mehr über deren Situation zu erfahren.

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Keine Räumung der Straßenpunx


Seit Jahren schon befinden sich die Freiburger Straßenpunks auf der Suche nach einem Platz, an dem sie endlich in Ruhe und nach ihren Lebensvorstellungen leben können.

Sie wollen selbstorganisiert leben, ohne ständige Kontrolle und erst recht ohne die Bevormundung seitens städtischer Mitarbeiter.

Viele der Straßenpunks haben ohnehin schon lange das Vertrauen in die Stadtverwaltung und deren Stellvertreter verloren, was verständlich ist, angesichts der vielen von der Stadt angeordneten Räumungen und Vertreibungen dieser Menschen.
Viel zu oft wurden leerstehende Häuser geräumt, in denen sich die Straßenpunks notdürftig eingerichtet hatten um sich vor der Kälte zu schützen, viel zu oft wurden die Straßenpunks von ihren Schlafplätzen unter Brücken vertrieben.

 



 

Was nach den Räumungen und Vertreibungen mit diesen Menschen passiert ist, hat fast niemanden groß interessiert, auch nicht die Tatsache, dass die Straßenpunks immer mehr aus bestimmten Innenstadtbereichen vertrieben wurden. Dass man mit dieser Vertreibungspolitik das „Problem“ Straßenpunks immer nur weiter verdrängt hat, anstatt sich endlich mal mit diesen Menschen zusammen zu setzen, um gemeinsam nach konkreten Lösungen zu suchen, scheint unseren Stadtoberen bis jetzt nicht in den Sinn gekommen zu sein.
Auch nicht die Frage, wer diese Menschen eigentlich sind und warum sie so leben, wie sie leben. Viele der Straßenpunks waren am Beginn ihrer Straßenkarriere noch sehr jung, fast noch Kinder, eine Tatsache, über die auch mal nachgedacht werden sollte.

Eine der wenigen die sich bisher wirklich für die Straßenpunks interessiert und eingesetzt hat, ist die Freiburger Strassen-Schule.
Dort konnten sich die Straßenpunks etwas Warmes kochen, Wäsche waschen, sich duschen, oder einfach mal nur ein paar Stunden am Tag im Warmen sitzen. Nachdem dann eine größere Gruppe der Straßenpunks zum wiederholten Mal von ihren Schlafplätzen unter der Leo-Wohleb-Brücke vertrieben wurde, setzten die Mitarbeiter der StrassenSchule alle Hebel in Bewegung, um ein Winterquartier für diese Gruppe zu finden.
Die Suche verlief erfolgreich und die Straßenpunks konnten mit einem auf die Wintermonate (vom 1.Oktober bis 31.März) befristeten Mietvertrag im alten Gasthaus „Zum Hirschen“ in Ebnet einziehen.
Das war vor ungefähr fünfeinhalb Jahren und seitdem leben die Straßenpunks in immer nur auf die Wintermonate beschränkten Mietverhältnissen. Kaum fühlen sie sich irgendwo zuhause und kaum bekommt ihr Leben mehr Stabilität, schon müssen sie wieder auf die Straße zurück.

Nachdem die Straßenpunks ihr erstes Winterquartier in Ebnet fristgerecht verlassen hatten, verbrachten sie die folgenden Monate wieder auf der Straße, um dann - man suche erst gar nicht nach dem Sinn - Anfang Oktober erneut im alten Gasthaus „Zum Hirschen“ einzuziehen. Natürlich nur befristet. Danach folgte wieder ein halbes Jahr Straßenleben, bis man den Straßenpunks eine Holzbaracke im Stühlinger für die Wintermonate überließ.

Im vierten Winter kam es dann zu einem Mietvertrag mit der Freiburger Stadtbau für das Haus Laubenweg 1 in Weingarten, auch wieder nur befristet, da das Haus im darauf folgenden Frühjahr abgerissen werden sollte. Auch dieses Haus wurde (letztes Jahr) von den Straßenpunks fristgerecht verlassen.
Da es in den Zeiten zwischen den Wintermonaten, die die Straßenpunks auf der Straße verbrachten, auch in den letzten Jahren immer wieder zu Vertreibungen von Schlafplätzen kam, machten sich die Straßenpunks im letzten Frühjahr auf die Suche nach einem Platz außerhalb der Stadt, an dem sie endlich in Ruhe gelassen werden.

Diesen Platz fanden sie auf dem Gelände vom alten Schießplatz beim Flughafen. Sie besorgten sich Wohnwägen und Zelte und fingen damit an, sich dort richtig wohl zu fühlen.
Damit war aber auch schon bald Schluss, denn im Herbst kamen Leute vorbei, die Bodenproben entnahmen und meinten, dass das gesamte Schießplatzgelände bleiverseucht sei und umgehend geräumt werden müsse, da man sofort in den nächsten Tagen mit den Entseuchungsarbeiten beginnen wolle. Auf diesem Gelände ist bis zum heutigen Zeitpunkt noch nichts entseucht worden, aber wen interessiert das schon groß?

Die Straßenpunks standen mal wieder vor dem Nichts und der Frage „Wohin?“. Nach Überlegungen, die Straßenpunks auch zwangsweise zu räumen, kam es dann aber doch noch kurzfristig zu einer anderen Lösung in Form eines neuerlichen befristeten Mietvertrags.
Die Stadtbau erklärte sich ein zweites Mal dazu bereit, den Straßenpunks ein Winterquartier zur Verfügung zu stellen und zwar in einem Haus, das zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar nicht mehr hätte existieren dürfen: Die Straßenpunks zogen erneut in das Haus Laubenweg I.Dort lief der offiziell befristete Mietvertrag Ende März diesen Jahres aus, doch inoffiziell konnten die Straßenpunks noch ein paar Monate länger im Laubenweg bleiben, immer angewiesen auf das Wohlwollen der Stadtbau.

Die schickte ab und zu Mitarbeiter in den Laubenweg, die den Zustand des Hauses überprüften und die Vollmacht hatten, den Straßenpunks jedes Mal mündlich mitzuteilen, wie lange diese noch im Laubenweg bleiben können. Zumeist handelte es sich dabei um eine Frist von 4 Wochen. Das ging von Anfang April so, bis dann die endgültige, schriftliche Kündigung der Stadtbau eintraf, datiert auf den 30. Juni 06, in der die Stadtbau ganz klar mitteilte, dass sie nicht gewillt ist, den Mietvertrag mit den Straßenpunks aus dem Laubenweg zu verlängern.

Aufgrund dieser Kündigung begaben sich die Straßenpunks erneut auf die Suche nach einem Platz und fanden dabei ein geeignetes Gelände in der Nähe der Wagenburg Eselwinkel.

Sie holten sich ihre noch vorhandenen Wägen zurück, welche letzten Herbst abgeschleppt und aufgrund von Platzmangel außerhalb des Geländes des Abschleppunternehmens unter freiem Himmel abgestellt wurden, wodurch zwei Wägen gestohlen und einige Wägen zu Schaden kamen und bezogen am 30. Juni das Gelände neben der Wagenburg. Wie sich später herausstellte, war dieses Gelände eigentlich für die Schattenparker vorgesehen, die diesen Platz jedoch ablehnen, da dieser mit einer Gesamtfläche von 2.200 qm für sie viel zu klein ist.

Am 4. Juli erfolgte dann die Aufforderung der Stadt an die Straßenpunks, ihren neuen Platz am 5.Juli bis spätestens 9.00 Uhr zu verlassen, ansonsten würde der Platz geräumt. Die Straßenpunks blieben und viele Sympathisanten kamen. Als am 5. Juli gegen 10.30Uhr das Räumkommando eintraf, waren u. a. auch Mitglieder des Gemeinderats und Vertreter der Presse anwesend. Die Straßenpunks leisteten aktiven, gewaltfreien Widerstand und nach etwa einer Stunde wurde der Räumungsversuch abgebrochen, was eventuell auch daran lag, dass Pressevertreter vor Ort waren und man nicht so konnte, wie man vielleicht gewollt hätte.

Die Straßenpunks werden nun schon seit Jahren von einem Ort zum anderen getrieben, ohne je die Möglichkeit gehabt zu haben, ihr Leben langfristig auf einem eigenen Platz zu gestalten. Es wäre an der Zeit, den Straßenpunks endlich diese Möglichkeit zu geben.

Wir luden Ellen und Jan von den Straßenpunks zu uns in die Redaktion ein um durch ein Interview mehr über deren Situation zu erfahren. Nach einem informativen Vorgespräch ging es dann in gemütlicher Atmosphäre zur Sache.

Gab es vor dem Auszug aus dem Laubenweg Verhandlungen mit der Stadt bezüglich einer erneuten Mietzeitverlängerung?

Ellen: Es gab Gespräche darüber, dass wir ausziehen sollen. Der Mietvertrag war ja nicht von Anfang an bis Juni, sondern wurde ab Ende April immer wieder um 4 Wochen verlängert.

Jan: Es gab keinerlei Gespräche darüber, was nach dem Auslaufen des Mietvertrag mit uns passieren soll.

Wie kommen die Widersprüche zwischen den Aussagen der StrassenSchule und der Stadt zustande?

Jan: Wir haben ein offizielles Kündigungsschreiben der Mietverhältnisse bekommen (dieses Schreiben liegt der Redaktion vor) in dem stand, dass die Stadtbau nicht gewillt ist, unseren Mietvertrag zu verlängern. Wir haben die Wohnungen - wie im Mietvertrag vereinbart - rechtzeitig verlassen. Es war sogar schon ein Termin für die Schlüsselabgabe mit der StrassenSchule vereinbart worden.

Wir denken, dass hier die gleiche Schiene gefahren wird, wie damals mit den Schattenparkern am OBI-Gelände. Dass sich die Stadt erst überhaupt nicht interessiert und nun im Nachhinein, um ihr Gesicht zu wahren, behauptet, wir hätten ja noch bleiben können, obwohl das definitiv nicht stimmt.

Ellen: Das ist fast genau wie letztes Jahr (Oktober 2004 – Mai 2005). Da hat die Stadt den Mietvertrag auch erst gekündigt und im kommenden Winter konnten dieselben Leute wieder einziehen
.
Jan: Die Wohnungen standen also den ganzen Sommer lang leer.

Könnt ihr der Stadt nach den vergangenen 5 Jahren noch in irgendeiner Weise vertrauen?

Jan: Nein, wir vertrauen der Stadt nicht mehr. Wir wurden immer nur vertröstet und es wurde nie etwas unternommen
.
Ellen: Das Vertrauen in die Stadt ist für uns gefallen, als man uns letzten Herbst auf dem Platz am Flugplatz sagte, er müsse geräumt werden, da die Bagger am nächsten Tag schon kommen würden um das Gelände zu entbleien und zu entseuchen! Bis heute ist da noch nichts gemacht worden!!
Dazu kommt, dass der Laubenweg im letzten Jahr geräumt werden musste, da die Häuser angeblich abgerissen werden sollten, die heute noch stehen!

Jan: Für uns ging die Glaubwürdigkeit der Stadt auch mit den Aktionen auf dem OBI-Gelände und der Räumung der Schattenparker vom Vauban-Gelände verloren.

Wie seid ihr auf den Platz am Eselwinkel gekommen?

Ellen: Da wir uns gegen Ende des Mietvertrags im Laubenweg nach einer Ausweichmöglichkeit umgesehen hatten und öfter mal zu Besuch auf dem Eselwinkel und in der näheren Umgebung waren, ist uns der Platz als geeignet aufgefallen. Wir wussten nicht, dass es sich dabei um den für die Schattenparker vorgesehenen Platz handelt, zumal er für die Größe dieser Gruppe viel zu klein ist.
Jan: Die Entscheidung, den Platz zu besetzen, war unsere Idee, die Freiburger StrassenSchule hat mit der Besetzung des Geländes nichts zu tun, auch wenn das gerne so dargestellt wird! Die StrassenSchule bietet uns immer dann Hilfe an, wenn wir sie brauchen, sie hat uns aber nie dazu ermutigt einen Platz zu besetzen.

Wie lief der Räumungsversuch vom 4.7.2006 auf eurem Platz am Eselswinkel ab?

Jan: Die Stadt ist morgens mit vier Abschleppwagen des Abschleppunternehmens Bauer vorgefahren. Da wir die Presse und einige Stadträte rechtzeitig über die Räumung informieren konnten, waren Vertreter der Presse und Mitglieder des Gemeinderates anwesend. Die Polizei und ein Herr Meier („Meier mit ei, nicht mit ai“!) vom Liegenschaftsamt waren bereits anwesend, als damit begonnen wurde unser riesiges Holzgatter an eine Kabelwinde anzuhängen. Dann haben sie das Gatter - obwohl ein paar Leute von uns darunter lagen und sich daran festgehalten hatten - einfach angehängt und weggezogen. Dabei wurden in Kauf genommen, dass sich die Leute dabei verletzen könnten. Da dadurch die Gefahr der Körperverletzung im Raum stand, hat die Polizei dem Ganzen dann irgendwann Einhalt geboten.

Ellen: Ich glaube, dass der Räumungsversuch nur abgebrochen wurde, da die Presse und Mitglieder des Gemeinderates anwesend waren. Ich denke, sie hätten das Gatter einfach weiter gezogen, wenn da keiner gewesen wäre.
Jan: Ich meine, bei ein paar von uns sind ja schon Nägel vom Gatter im Rücken stecken geblieben und sie hörten trotzdem nicht auf. Der Mann vom Abschleppunternehmen hat einfach nur gelacht!

Wie sieht eure Vorstellung für die Zukunft das Gelände am Eselwinkel betreffend aus?

Jan: Wir wollen auf jeden Fall auf dem Anschlussgelände vom Eselwinkel stehen bleiben und selbstverwaltet versuchen mit eigenen Leuten einen eigenen Wagenplatz mit eigenen Regeln aufzubauen
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Ellen: Wir bilden eine homogene Gruppe und der Eselwinkel bildet eine homogene Gruppe, wir mögen und respektieren einander und gegenseitige Hilfe gibt es auch. Wir möchten aber nicht zusammen mit den Eselwinklern wohnen. Wir werden uns deswegen weigern, gezwungenermaßen auf den Eselwinkel zu ziehen. Es wäre eine Zumutung für den Eselwinkel uns alle zusammen mit unseren Hunden aufnehmen zu müssen und ohne das Einverständnis von jedem Bewohner des Eselwinkel sogar ein Vertragsbruch.

Wärt ihr im Falle der Legalisierung eures Platzes auch dazu bereit, eine Pacht für den Platz zu bezahlen?

Ellen: Klar, wir bezahlen ja auch jetzt schon unser Dixiklo und entsorgen unseren ganzen Müll. Da wir auch im Laubenweg I, im Laubenweg II und in den Baracken zur Miete gewohnt haben, wäre es für uns kein Problem für die Miete des Geländes aufzukommen. Wir wollen ja nichts umsonst, haben immer zur Miete gewohnt und werden das auch weiter tun wollen.

Micha & Christian


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