Was nach den Räumungen und Vertreibungen mit diesen Menschen
passiert ist, hat fast niemanden groß interessiert, auch nicht
die Tatsache, dass die Straßenpunks immer mehr aus bestimmten
Innenstadtbereichen vertrieben wurden. Dass man mit dieser Vertreibungspolitik
das „Problem“ Straßenpunks immer nur weiter verdrängt
hat, anstatt sich endlich mal mit diesen Menschen zusammen zu setzen,
um gemeinsam nach konkreten Lösungen zu suchen, scheint unseren
Stadtoberen bis jetzt nicht in den Sinn gekommen zu sein.
Auch nicht die Frage, wer diese Menschen eigentlich sind und warum
sie so leben, wie sie leben. Viele der Straßenpunks waren
am Beginn ihrer Straßenkarriere noch sehr jung, fast noch
Kinder, eine Tatsache, über die auch mal nachgedacht werden
sollte.
Eine
der wenigen die sich bisher wirklich für die Straßenpunks
interessiert und eingesetzt hat, ist die Freiburger Strassen-Schule.
Dort konnten sich die Straßenpunks etwas Warmes kochen, Wäsche
waschen, sich duschen, oder einfach mal nur ein paar Stunden am
Tag im Warmen sitzen. Nachdem dann eine größere Gruppe
der Straßenpunks zum wiederholten Mal von ihren Schlafplätzen
unter der Leo-Wohleb-Brücke vertrieben wurde, setzten die Mitarbeiter
der StrassenSchule alle Hebel in Bewegung, um ein Winterquartier
für diese Gruppe zu finden.
Die Suche verlief erfolgreich und die Straßenpunks konnten
mit einem auf die Wintermonate (vom 1.Oktober bis 31.März)
befristeten Mietvertrag im alten Gasthaus „Zum Hirschen“
in Ebnet einziehen.
Das war vor ungefähr fünfeinhalb Jahren und seitdem leben
die Straßenpunks in immer nur auf die Wintermonate beschränkten
Mietverhältnissen. Kaum fühlen sie sich irgendwo zuhause
und kaum bekommt ihr Leben mehr Stabilität, schon müssen
sie wieder auf die Straße zurück.
Nachdem die Straßenpunks ihr erstes Winterquartier in Ebnet
fristgerecht verlassen hatten, verbrachten sie die folgenden Monate
wieder auf der Straße, um dann - man suche erst gar nicht
nach dem Sinn - Anfang Oktober erneut im alten Gasthaus „Zum
Hirschen“ einzuziehen. Natürlich nur befristet. Danach
folgte wieder ein halbes Jahr Straßenleben, bis man den Straßenpunks
eine Holzbaracke im Stühlinger für die Wintermonate überließ.
Im vierten Winter kam es dann zu einem Mietvertrag mit der Freiburger
Stadtbau für das Haus Laubenweg 1 in Weingarten, auch wieder
nur befristet, da das Haus im darauf folgenden Frühjahr abgerissen
werden sollte. Auch dieses Haus wurde (letztes Jahr) von den Straßenpunks
fristgerecht verlassen.
Da es in den Zeiten zwischen den Wintermonaten, die die Straßenpunks
auf der Straße verbrachten, auch in den letzten Jahren immer
wieder zu Vertreibungen von Schlafplätzen kam, machten sich
die Straßenpunks im letzten Frühjahr auf die Suche nach
einem Platz außerhalb der Stadt, an dem sie endlich in Ruhe
gelassen werden.
Diesen
Platz fanden sie auf dem Gelände vom alten Schießplatz
beim Flughafen. Sie besorgten sich Wohnwägen und Zelte und
fingen damit an, sich dort richtig wohl zu fühlen.
Damit war aber auch schon bald Schluss, denn im Herbst kamen Leute
vorbei, die Bodenproben entnahmen und meinten, dass das gesamte
Schießplatzgelände bleiverseucht sei und umgehend geräumt
werden müsse, da man sofort in den nächsten Tagen mit
den Entseuchungsarbeiten beginnen wolle. Auf diesem Gelände
ist bis zum heutigen Zeitpunkt noch nichts entseucht worden, aber
wen interessiert das schon groß?
Die Straßenpunks standen mal wieder vor dem Nichts und der
Frage „Wohin?“. Nach Überlegungen, die Straßenpunks
auch zwangsweise zu räumen, kam es dann aber doch noch kurzfristig
zu einer anderen Lösung in Form eines neuerlichen befristeten
Mietvertrags.
Die Stadtbau erklärte sich ein zweites Mal dazu bereit, den
Straßenpunks ein Winterquartier zur Verfügung zu stellen
und zwar in einem Haus, das zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar nicht
mehr hätte existieren dürfen: Die Straßenpunks zogen
erneut in das Haus Laubenweg I.Dort lief der offiziell befristete
Mietvertrag Ende März diesen Jahres aus, doch inoffiziell konnten
die Straßenpunks noch ein paar Monate länger im Laubenweg
bleiben, immer angewiesen auf das Wohlwollen der Stadtbau.
Die schickte ab und zu Mitarbeiter in den Laubenweg, die den Zustand
des Hauses überprüften und die Vollmacht hatten, den Straßenpunks
jedes Mal mündlich mitzuteilen, wie lange diese noch im Laubenweg
bleiben können. Zumeist handelte es sich dabei um eine Frist
von 4 Wochen. Das ging von Anfang April so, bis dann die endgültige,
schriftliche Kündigung der Stadtbau eintraf, datiert auf den
30. Juni 06, in der die Stadtbau ganz klar mitteilte, dass sie nicht
gewillt ist, den Mietvertrag mit den Straßenpunks aus dem
Laubenweg zu verlängern.
Aufgrund
dieser Kündigung begaben sich die Straßenpunks erneut
auf die Suche nach einem Platz und fanden dabei ein geeignetes Gelände
in der Nähe der Wagenburg Eselwinkel.
Sie holten sich ihre noch vorhandenen Wägen zurück, welche
letzten Herbst abgeschleppt und aufgrund von Platzmangel außerhalb
des Geländes des Abschleppunternehmens unter freiem Himmel
abgestellt wurden, wodurch zwei Wägen gestohlen und einige
Wägen zu Schaden kamen und bezogen am 30. Juni das Gelände
neben der Wagenburg. Wie sich später herausstellte, war dieses
Gelände eigentlich für die
Schattenparker vorgesehen, die diesen Platz jedoch ablehnen,
da dieser mit einer Gesamtfläche von 2.200 qm für sie
viel zu klein ist.
Am 4. Juli erfolgte dann die Aufforderung der Stadt an die Straßenpunks,
ihren neuen Platz am 5.Juli bis spätestens 9.00 Uhr zu verlassen,
ansonsten würde der Platz geräumt. Die Straßenpunks
blieben und viele Sympathisanten kamen. Als am 5. Juli gegen 10.30Uhr
das Räumkommando eintraf, waren u. a. auch Mitglieder des Gemeinderats
und Vertreter der Presse anwesend. Die Straßenpunks leisteten
aktiven, gewaltfreien Widerstand und nach etwa einer Stunde wurde
der Räumungsversuch abgebrochen, was eventuell auch daran lag,
dass Pressevertreter vor Ort waren und man nicht so konnte, wie
man vielleicht gewollt hätte.
Die Straßenpunks werden nun schon seit Jahren von einem Ort
zum anderen getrieben, ohne je die Möglichkeit gehabt zu haben,
ihr Leben langfristig auf einem eigenen Platz zu gestalten. Es wäre
an der Zeit, den Straßenpunks endlich diese Möglichkeit
zu geben.
Wir luden Ellen und Jan
von den Straßenpunks zu uns in die Redaktion ein um durch
ein Interview mehr über deren Situation zu erfahren. Nach einem
informativen Vorgespräch ging es dann in gemütlicher Atmosphäre
zur Sache.
Gab es vor dem Auszug aus dem Laubenweg Verhandlungen
mit der Stadt bezüglich einer erneuten Mietzeitverlängerung?
Ellen: Es gab Gespräche
darüber, dass wir ausziehen sollen. Der Mietvertrag war
ja nicht von Anfang an bis Juni, sondern wurde ab Ende April
immer wieder um 4 Wochen verlängert.
Jan: Es gab keinerlei Gespräche
darüber, was nach dem Auslaufen des Mietvertrag mit uns
passieren soll.
Wie kommen die Widersprüche zwischen den Aussagen
der StrassenSchule und der Stadt zustande?
Jan: Wir haben ein offizielles
Kündigungsschreiben der Mietverhältnisse bekommen
(dieses Schreiben liegt der Redaktion vor) in dem stand, dass
die Stadtbau nicht gewillt ist, unseren Mietvertrag zu verlängern.
Wir haben die Wohnungen - wie im Mietvertrag vereinbart -
rechtzeitig verlassen. Es war sogar schon ein Termin für
die Schlüsselabgabe mit der StrassenSchule vereinbart
worden.
Wir denken, dass hier die gleiche Schiene gefahren
wird, wie damals mit den Schattenparkern am OBI-Gelände.
Dass sich die Stadt erst überhaupt nicht interessiert
und nun im Nachhinein, um ihr Gesicht zu wahren, behauptet,
wir hätten ja noch bleiben können, obwohl das definitiv
nicht stimmt.
Ellen: Das ist fast genau wie
letztes Jahr (Oktober 2004 – Mai 2005). Da hat die Stadt
den Mietvertrag auch erst gekündigt und im kommenden
Winter konnten dieselben Leute wieder einziehen
.
Jan: Die Wohnungen standen also
den ganzen Sommer lang leer.
Könnt ihr der Stadt nach den vergangenen 5 Jahren
noch in irgendeiner Weise vertrauen?
Jan: Nein, wir vertrauen der
Stadt nicht mehr. Wir wurden immer nur vertröstet und
es wurde nie etwas unternommen
.
Ellen: Das Vertrauen in die Stadt
ist für uns gefallen, als man uns letzten Herbst auf
dem Platz am Flugplatz sagte, er müsse geräumt werden,
da die Bagger am nächsten Tag schon kommen würden
um das Gelände zu entbleien und zu entseuchen! Bis heute
ist da noch nichts gemacht worden!!
Dazu kommt, dass der Laubenweg im letzten Jahr geräumt
werden musste, da die Häuser angeblich abgerissen werden
sollten, die heute noch stehen!
Jan: Für uns ging die Glaubwürdigkeit
der Stadt auch mit den Aktionen auf dem OBI-Gelände und
der Räumung der Schattenparker vom Vauban-Gelände
verloren.
Wie seid ihr auf den Platz am Eselwinkel gekommen?
Ellen: Da wir uns gegen Ende
des Mietvertrags im Laubenweg nach einer Ausweichmöglichkeit
umgesehen hatten und öfter mal zu Besuch auf dem Eselwinkel
und in der näheren Umgebung waren, ist uns der Platz
als geeignet aufgefallen. Wir wussten nicht, dass es sich
dabei um den für die Schattenparker vorgesehenen Platz
handelt, zumal er für die Größe dieser Gruppe
viel zu klein ist.
Jan: Die Entscheidung, den Platz
zu besetzen, war unsere Idee, die
Freiburger StrassenSchule hat mit der Besetzung des Geländes
nichts zu tun, auch wenn das gerne so dargestellt wird! Die
StrassenSchule
bietet uns immer dann Hilfe an, wenn wir sie brauchen, sie
hat uns aber nie dazu ermutigt einen Platz zu besetzen.
Wie lief der Räumungsversuch vom 4.7.2006 auf
eurem Platz am Eselswinkel ab?
Jan: Die Stadt ist morgens mit
vier Abschleppwagen des Abschleppunternehmens Bauer vorgefahren.
Da wir die Presse und einige Stadträte rechtzeitig über
die Räumung informieren konnten, waren Vertreter der
Presse und Mitglieder des Gemeinderates anwesend. Die Polizei
und ein Herr Meier („Meier mit ei, nicht mit ai“!)
vom Liegenschaftsamt waren bereits anwesend, als damit begonnen
wurde unser riesiges Holzgatter an eine Kabelwinde anzuhängen.
Dann haben sie das Gatter - obwohl ein paar Leute von uns
darunter lagen und sich daran festgehalten hatten - einfach
angehängt und weggezogen. Dabei wurden in Kauf genommen,
dass sich die Leute dabei verletzen könnten. Da dadurch
die Gefahr der Körperverletzung im Raum stand, hat die
Polizei dem Ganzen dann irgendwann Einhalt geboten.
Ellen: Ich glaube, dass der Räumungsversuch
nur abgebrochen wurde, da die Presse und Mitglieder des Gemeinderates
anwesend waren. Ich denke, sie hätten das Gatter einfach
weiter gezogen, wenn da keiner gewesen wäre.
Jan: Ich meine, bei ein paar von uns sind ja schon Nägel
vom Gatter im Rücken stecken geblieben und sie hörten
trotzdem nicht auf. Der Mann vom Abschleppunternehmen hat
einfach nur gelacht!
Wie sieht eure Vorstellung für die Zukunft das
Gelände am Eselwinkel betreffend aus?
Jan: Wir wollen auf jeden Fall
auf dem Anschlussgelände vom Eselwinkel stehen bleiben
und selbstverwaltet versuchen mit eigenen Leuten einen eigenen
Wagenplatz mit eigenen Regeln aufzubauen
.
Ellen: Wir bilden eine homogene
Gruppe und der Eselwinkel bildet eine homogene Gruppe, wir
mögen und respektieren einander und gegenseitige Hilfe
gibt es auch. Wir möchten aber nicht zusammen mit den
Eselwinklern wohnen. Wir werden uns deswegen weigern, gezwungenermaßen
auf den Eselwinkel zu ziehen. Es wäre eine Zumutung für
den Eselwinkel uns alle zusammen mit unseren Hunden aufnehmen
zu müssen und ohne das Einverständnis von jedem
Bewohner des Eselwinkel sogar ein Vertragsbruch.
Wärt ihr im Falle der Legalisierung eures Platzes
auch dazu bereit, eine Pacht für den Platz zu bezahlen?
Ellen: Klar, wir bezahlen ja
auch jetzt schon unser Dixiklo und entsorgen unseren ganzen
Müll. Da wir auch im Laubenweg I, im Laubenweg II und
in den Baracken zur Miete gewohnt haben, wäre es für
uns kein Problem für die Miete des Geländes aufzukommen.
Wir wollen ja nichts umsonst, haben immer zur Miete gewohnt
und werden das auch weiter tun wollen. |
Micha & Christian |