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Ursprünglich wollte ich die Probenarbeiten zur „Bettleroper“
eigentlich nur fotografisch begleiten. Bei dem zweiten Vorbereitungstreffen
entschied ich mich dann aber spontan, an dem Projekt aktiv teilzunehmen.
Ich wollte mir einfach mal eine kleine Auszeit vom redaktionellen
Alltag nehmen und etwas komplett Neues machen. Im Nachhinein gesehen
war dies eine richtige Entscheidung.

Die ersten Treffen im November im Ferdinand-Weiß-Haus sind
reine Vorbereitungsgespräche. Christoph (Regie), Cornelia
(Dramaturgie) und Bernadette (Musik) erklären uns ihr Konzept
der „Bettleroper“ und das sich das Stück eigentlich
erst bei den Probearbeiten entwickeln wird. Einige von uns sind
leicht irritiert, denn sie hatten gedacht, dass Text und Musik
komplett fertig sind und das Ganze nur noch geprobt werden muss.
Nun sitzen wir im Ferdinand-Weiß-Haus und reden über
Armut. Christoph will genau wissen, wie es ist, mit 351,- Euro
im Monat zu leben, wie schafft man das? „Was ist für
euch überflüssig und wie stellt ihr euch eure Zukunft
vor?“
Bernadette hat den ersten Song „Avantgarde Bettler“
fertig, spielt ihn uns vor und nach den Gesprächen probt
der Chor dieses Stück.
Bei den meisten kommt der Text gut an, allerdings gibt es auch
einige, die sich damit nicht identifizieren können. Schade,
ich steh voll hinter diesem Stück, denn es drückt genau
das aus, wie ich lebe und leben möchte.
Anfang Dezember
(Nikolaus) trifft sich das gesamte Ensemble zum ersten Mal bei
einem gemeinsamen Frühstück im Ferdinand-Weiß-Haus.
Berührungsängste gibt es keine und ich stelle sehr schnell
fest, dass wir – der Bettlerchor – nicht als Kulisse
gebraucht werden, sondern ein Teil der „Bettleroper“
sind. Die Schauspieler sind neugierig, wollen mehr wissen über
uns und diese Ehrlichkeit – uns ernst zu nehmen –
ermöglicht es überhaupt, dass dieses Stück aufgeführt
werden kann. Ich hatte in der ganzen Zeit niemals den Eindruck,
dass einer der Schauspieler oder die anderen Theater-Mitarbeiter,
dieses Projekt nur als „lästige“ berufliche Pflichtaufgabe
ansahen, sondern wir wollten uns gemeinsam als Team mit dem Thema
Armut auseinandersetzen.
Mit Anna und Bettina mache ich eine Stadtführung und zeige
ihnen die sozialen Einrichtungen in Freiburg. Bei einer weiteren
Stadtführung versuchen wir den Schauspielern zu erklären,
wie und wo man in der Innenstadt betteln kann und was der Unterschied
zwischen Betteln und Schnorren ist. Bernadette hat ihre Gitarre
dabei und möchte Straßenmusik machen.
Ich gebe ihr den Tipp in der Kaufhofpassage zu spielen und sollte
dort ein Verkäufer vom FREIeBÜRGER sein, der das nicht
so toll findet, dass sie direkt neben ihm Musik macht, soll sie
ihm einfach erklären, dass sie ja was ganz anderes macht
und hier die Akustik so gut ist. Fünf Minuten später
kommen wir dazu und ich sehe unsern leicht genervten Verkäufer
Balacz. Wir erklären ihm das Ganze und er erzählt Bernadette,
dass dies für ihn eine vollkommen normale Situation ist,
denn die meisten Musiker nehmen keine Rücksicht auf ihn.
Diese ganzen Stadtrundgänge werden mit einer Videokamera
gefilmt, damit auch die anderen Schauspieler einen Einblick in
unser Leben bekommen.
Bald darauf finden die Proben im Theater statt, die Bühne
und die Theaterkantine werden zu unserem zweiten Zuhause. Die
Probenarbeiten werden immer zeitaufwendiger und ab Januar proben
wir morgens und nachmittags. Mein kompletter Tagesrhythmus gerät
durcheinander.
Noch 14 Tage bis zur Premiere
und wir wissen immer noch nicht, wie die komplette „Bettleroper“
aussehen wird. Christoph erklärt uns, dass das Stück
aus verschiedenen Bausteinen besteht, die nur noch zusammengesetzt
werden müssen. Auf meine Frage, ob es denn schon einen Anfang
gibt, erklärt er mir seelenruhig, dass der auch noch nicht
ganz feststeht.
Ich erzähle ihm meine Idee, wie ich mir den Anfang vorstellen
könnte und später stelle ich fest, dass er ein paar
Elemente übernommen hat, allerdings an ganz anderer Stelle
eingesetzt. Die Schauspieler beruhigen uns, erklären, dass
Christoph so arbeitet und schlagen uns vor, wir sollen uns doch
mal eine Produktion von ihm anschauen. Am nächsten Tag schauen
wir uns „Die Europäische Verfassung“ an und sind
beruhigt. Endlich haben wir eine – wenn auch nur vage –
Vorstellung, wie die „Bettleroper“ aussehen könnte.
Noch knapp eine Woche bis zur Premiere.
Christin bekommt einen Zusammenbruch. Sie wirft die Frage auf,
ob wir nicht doch nur die nützlichen Statisten in diesem
Stück sind. Denn im Gegensatz zu den Schauspielern, fallen
die meisten vom Bettlerchor nach den Aufführungen wieder
in ihr alltägliches Loch zurück. Sie erzählt, was
Hartz IV für sie persönlich bedeutet. Hartz IV heißt
Einsamkeit, denn ein Mensch ohne Geld ist vom gesellschaftlichen
Leben ausgeschlossen.
Wir versuchen darüber zu reden, keiner von uns hat ein
Patentrezept und wir gehen alle mit einer Hilflosigkeit nach den
Proben nach Hause. Dieser emotionale Ausbruch war wichtig, denn
die letzten Tage vor der Premiere arbeiten wir noch intensiver
zusammen. Der ganze Bettlerchor spürt nun, dass das Theater-Ensemble
uns ernst nimmt und nicht als notwendige Statisten sieht. Ehrlichkeit
statt Mitleid!
Montag, noch vier Tage bis zur Premiere.
Wir haben nur zehn Stunden in zwei Tagen Zeit um die sieben Lieder
für die CD einzuspielen und danach geht es weiter mit den
Probearbeiten. Ich glaube zum ersten Mal spielen wir die komplette
„Bettleroper“ in einem Rutsch durch.
Mittwoch,
wir führen die „Bettleroper“ zum ersten Mal
vor Publikum auf. Zwei Schulklassen sitzen im Kleinen Haus. Ehrlich
gesagt kann ich nach der Aufführung nicht sagen, ob wir gut
oder schlecht waren. Der Funke ist anscheinend noch nicht so ganz
rübergekommen. Johanna hat sich beim Kochen die Hand verbrannt
und muss ins Krankenhaus.
Donnerstag,
einzelne Passagen werden noch einmal umgebaut und abends fehlen
zwei Leute vom Bettlerchor. Die Proben zum sozialen Stadtplan
enden deshalb in einem Chaos. George und ich beenden den Abend
mit einem Teil des Ensembles im Theatercafe. Nachts um drei bin
ich zu Hause und weil ich Angst habe, am Freitag nicht pünktlich
um elf im Theater zu sein, schlafe ich bei laufendem Fernseher
im Stuhl ein.
Premieretag,
leicht gerädert bewege ich meine müden Knochen ins
Theater, noch einmal werden einzelne Bausteine durchgespielt.
18 Uhr, noch zwei Stunden bis zur Premiere.
Wir singen noch einmal die Lieder, ganz leise, um so unsere
Stimme zu schonen.
Noch eine halbe Stunde bis zur Aufführung.
Es gibt eine Überraschung: Jeder bekommt ein T-Shirt mit
dem Aufdruck „Bettleroper“ und das Programmheft in
einer Plattenhülle verpackt, als Andenken geschenkt. Danach
kommt das Premieren-Ritual, alle an dieser Produktion Beteiligten
umarmen sich, spucken nach links und wünschen sich toi toi
toi. Das Kleine Haus ist gut gefüllt und wir fangen an. Nach
ca. zehn gefühlten Minuten, die ersten Lacher, das Eis ist
gebrochen und wir merken, die „Bettleroper“ kommt
beim Publikum an.
Ende der Aufführung
der Applaus ist einfach toll und falls man den Gerüchten
der Garderobe-Frauen im Foyer glauben kann, hat man solch einen
Applaus bis hierhin schon seit langem nicht mehr gehört.
Johanna, Anna und Sonja haben während der Aufführung
gekocht und am Schluss der „Bettleroper“ essen wir
– Ensemble und Zuschauer – gemeinsam das leckere Chili
con Carne.
So kommen wir mit dem Publikum ins Gespräch und diese Gespräche
finden dann auch bei der anschließenden Premierefeier in
der Jackson Pollock Bar weiter statt. Erst jetzt verspüre
ich dieses Lampenfieber und mein ganzer Körper zittert im
Nachhinein.Das ganze Ensemble ist voll zufrieden und wir feiern
bis in den nächsten Morgen hinein.
Wie üblich sind wir Wagenburgler bei solchen Feiern mal
wieder die letzten. George, Wolfgang und ich verlassen morgens
um vier die Bar und ich schlafe zufrieden in meinem Stuhl ein.
Fragen Sie mich bitte nicht, wie ich den Samstag verbracht habe.
Ursprünglich wollte ich mir einen ruhigen Tag machen, etwas
lesen und Musik hören. Keine Ahnung was ich gelesen habe
und beim Fernsehen kam immer einer kleiner, kurzer, zufriedener
Schlaf.
So, jetzt heißt es eigentlich nur noch den Montag abwarten,
denn da kommt dann die alles entscheidende Kritik der Badischen
Zeitung. Tja, die ist auch okay und wir können gemeinsam
den nächsten Aufführungen entgegensehen.
Mein persönlicher Höhepunkt ist das lange Theaterwochenende
(13.-15. Februar) am Samstag, denn dort tritt dann auch das „Stimmgewitter“
unserer Straßenzeitungs-Kollegen aus Wien auf. Die haben
uns schon ’ne nette E-Mail geschickt: „Das Stimmgewitter
Augustin (ist der Chor der Straßenzeitung Augustin, Wien)
tritt am Samstag, den 14.02.09 im Theater Freiburg auf.
Uli
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