Die Strassenzeitung aus Freiburg
  

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Mahlzeit! Heute ist Sonntag, der 01. August 2010


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Hörproben

Bernadette La Hengst
auf My Space

 

 

 

 


Ehrlichkeit statt Mitleid!

 

Ursprünglich wollte ich die Probenarbeiten zur „Bettleroper“ eigentlich nur fotografisch begleiten. Bei dem zweiten Vorbereitungstreffen entschied ich mich dann aber spontan, an dem Projekt aktiv teilzunehmen. Ich wollte mir einfach mal eine kleine Auszeit vom redaktionellen Alltag nehmen und etwas komplett Neues machen. Im Nachhinein gesehen war dies eine richtige Entscheidung.

Die ersten Treffen im November im Ferdinand-Weiß-Haus sind reine Vorbereitungsgespräche. Christoph (Regie), Cornelia (Dramaturgie) und Bernadette (Musik) erklären uns ihr Konzept der „Bettleroper“ und das sich das Stück eigentlich erst bei den Probearbeiten entwickeln wird. Einige von uns sind leicht irritiert, denn sie hatten gedacht, dass Text und Musik komplett fertig sind und das Ganze nur noch geprobt werden muss.

Nun sitzen wir im Ferdinand-Weiß-Haus und reden über Armut. Christoph will genau wissen, wie es ist, mit 351,- Euro im Monat zu leben, wie schafft man das? „Was ist für euch überflüssig und wie stellt ihr euch eure Zukunft vor?“

Bernadette hat den ersten Song „Avantgarde Bettler“ fertig, spielt ihn uns vor und nach den Gesprächen probt der Chor dieses Stück.

Bei den meisten kommt der Text gut an, allerdings gibt es auch einige, die sich damit nicht identifizieren können. Schade, ich steh voll hinter diesem Stück, denn es drückt genau das aus, wie ich lebe und leben möchte.

Anfang Dezember

(Nikolaus) trifft sich das gesamte Ensemble zum ersten Mal bei einem gemeinsamen Frühstück im Ferdinand-Weiß-Haus. Berührungsängste gibt es keine und ich stelle sehr schnell fest, dass wir – der Bettlerchor – nicht als Kulisse gebraucht werden, sondern ein Teil der „Bettleroper“ sind. Die Schauspieler sind neugierig, wollen mehr wissen über uns und diese Ehrlichkeit – uns ernst zu nehmen – ermöglicht es überhaupt, dass dieses Stück aufgeführt werden kann. Ich hatte in der ganzen Zeit niemals den Eindruck, dass einer der Schauspieler oder die anderen Theater-Mitarbeiter, dieses Projekt nur als „lästige“ berufliche Pflichtaufgabe ansahen, sondern wir wollten uns gemeinsam als Team mit dem Thema Armut auseinandersetzen.

Mit Anna und Bettina mache ich eine Stadtführung und zeige ihnen die sozialen Einrichtungen in Freiburg. Bei einer weiteren Stadtführung versuchen wir den Schauspielern zu erklären, wie und wo man in der Innenstadt betteln kann und was der Unterschied zwischen Betteln und Schnorren ist. Bernadette hat ihre Gitarre dabei und möchte Straßenmusik machen.

Ich gebe ihr den Tipp in der Kaufhofpassage zu spielen und sollte dort ein Verkäufer vom FREIeBÜRGER sein, der das nicht so toll findet, dass sie direkt neben ihm Musik macht, soll sie ihm einfach erklären, dass sie ja was ganz anderes macht und hier die Akustik so gut ist. Fünf Minuten später kommen wir dazu und ich sehe unsern leicht genervten Verkäufer Balacz. Wir erklären ihm das Ganze und er erzählt Bernadette, dass dies für ihn eine vollkommen normale Situation ist, denn die meisten Musiker nehmen keine Rücksicht auf ihn. Diese ganzen Stadtrundgänge werden mit einer Videokamera gefilmt, damit auch die anderen Schauspieler einen Einblick in unser Leben bekommen.

Bald darauf finden die Proben im Theater statt, die Bühne und die Theaterkantine werden zu unserem zweiten Zuhause. Die Probenarbeiten werden immer zeitaufwendiger und ab Januar proben wir morgens und nachmittags. Mein kompletter Tagesrhythmus gerät durcheinander.

Noch 14 Tage bis zur Premiere

und wir wissen immer noch nicht, wie die komplette „Bettleroper“ aussehen wird. Christoph erklärt uns, dass das Stück aus verschiedenen Bausteinen besteht, die nur noch zusammengesetzt werden müssen. Auf meine Frage, ob es denn schon einen Anfang gibt, erklärt er mir seelenruhig, dass der auch noch nicht ganz feststeht.

Ich erzähle ihm meine Idee, wie ich mir den Anfang vorstellen könnte und später stelle ich fest, dass er ein paar Elemente übernommen hat, allerdings an ganz anderer Stelle eingesetzt. Die Schauspieler beruhigen uns, erklären, dass Christoph so arbeitet und schlagen uns vor, wir sollen uns doch mal eine Produktion von ihm anschauen. Am nächsten Tag schauen wir uns „Die Europäische Verfassung“ an und sind beruhigt. Endlich haben wir eine – wenn auch nur vage – Vorstellung, wie die „Bettleroper“ aussehen könnte.

Noch knapp eine Woche bis zur Premiere.

Christin bekommt einen Zusammenbruch. Sie wirft die Frage auf, ob wir nicht doch nur die nützlichen Statisten in diesem Stück sind. Denn im Gegensatz zu den Schauspielern, fallen die meisten vom Bettlerchor nach den Aufführungen wieder in ihr alltägliches Loch zurück. Sie erzählt, was Hartz IV für sie persönlich bedeutet. Hartz IV heißt Einsamkeit, denn ein Mensch ohne Geld ist vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.

Wir versuchen darüber zu reden, keiner von uns hat ein Patentrezept und wir gehen alle mit einer Hilflosigkeit nach den Proben nach Hause. Dieser emotionale Ausbruch war wichtig, denn die letzten Tage vor der Premiere arbeiten wir noch intensiver zusammen. Der ganze Bettlerchor spürt nun, dass das Theater-Ensemble uns ernst nimmt und nicht als notwendige Statisten sieht. Ehrlichkeit statt Mitleid!

Montag, noch vier Tage bis zur Premiere.

Wir haben nur zehn Stunden in zwei Tagen Zeit um die sieben Lieder für die CD einzuspielen und danach geht es weiter mit den Probearbeiten. Ich glaube zum ersten Mal spielen wir die komplette „Bettleroper“ in einem Rutsch durch.

Mittwoch,

wir führen die „Bettleroper“ zum ersten Mal vor Publikum auf. Zwei Schulklassen sitzen im Kleinen Haus. Ehrlich gesagt kann ich nach der Aufführung nicht sagen, ob wir gut oder schlecht waren. Der Funke ist anscheinend noch nicht so ganz rübergekommen. Johanna hat sich beim Kochen die Hand verbrannt und muss ins Krankenhaus.

Donnerstag,

einzelne Passagen werden noch einmal umgebaut und abends fehlen zwei Leute vom Bettlerchor. Die Proben zum sozialen Stadtplan enden deshalb in einem Chaos. George und ich beenden den Abend mit einem Teil des Ensembles im Theatercafe. Nachts um drei bin ich zu Hause und weil ich Angst habe, am Freitag nicht pünktlich um elf im Theater zu sein, schlafe ich bei laufendem Fernseher im Stuhl ein.

Premieretag,

leicht gerädert bewege ich meine müden Knochen ins Theater, noch einmal werden einzelne Bausteine durchgespielt.

18 Uhr, noch zwei Stunden bis zur Premiere.

Wir singen noch einmal die Lieder, ganz leise, um so unsere Stimme zu schonen.

Noch eine halbe Stunde bis zur Aufführung.

Es gibt eine Überraschung: Jeder bekommt ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Bettleroper“ und das Programmheft in einer Plattenhülle verpackt, als Andenken geschenkt. Danach kommt das Premieren-Ritual, alle an dieser Produktion Beteiligten umarmen sich, spucken nach links und wünschen sich toi toi toi. Das Kleine Haus ist gut gefüllt und wir fangen an. Nach ca. zehn gefühlten Minuten, die ersten Lacher, das Eis ist gebrochen und wir merken, die „Bettleroper“ kommt beim Publikum an.

Ende der Aufführung

der Applaus ist einfach toll und falls man den Gerüchten der Garderobe-Frauen im Foyer glauben kann, hat man solch einen Applaus bis hierhin schon seit langem nicht mehr gehört. Johanna, Anna und Sonja haben während der Aufführung gekocht und am Schluss der „Bettleroper“ essen wir – Ensemble und Zuschauer – gemeinsam das leckere Chili con Carne.

So kommen wir mit dem Publikum ins Gespräch und diese Gespräche finden dann auch bei der anschließenden Premierefeier in der Jackson Pollock Bar weiter statt. Erst jetzt verspüre ich dieses Lampenfieber und mein ganzer Körper zittert im Nachhinein.Das ganze Ensemble ist voll zufrieden und wir feiern bis in den nächsten Morgen hinein.

Wie üblich sind wir Wagenburgler bei solchen Feiern mal wieder die letzten. George, Wolfgang und ich verlassen morgens um vier die Bar und ich schlafe zufrieden in meinem Stuhl ein. Fragen Sie mich bitte nicht, wie ich den Samstag verbracht habe. Ursprünglich wollte ich mir einen ruhigen Tag machen, etwas lesen und Musik hören. Keine Ahnung was ich gelesen habe und beim Fernsehen kam immer einer kleiner, kurzer, zufriedener Schlaf.

So, jetzt heißt es eigentlich nur noch den Montag abwarten, denn da kommt dann die alles entscheidende Kritik der Badischen Zeitung. Tja, die ist auch okay und wir können gemeinsam den nächsten Aufführungen entgegensehen.

Mein persönlicher Höhepunkt ist das lange Theaterwochenende (13.-15. Februar) am Samstag, denn dort tritt dann auch das „Stimmgewitter“ unserer Straßenzeitungs-Kollegen aus Wien auf. Die haben uns schon ’ne nette E-Mail geschickt: „Das Stimmgewitter Augustin (ist der Chor der Straßenzeitung Augustin, Wien) tritt am Samstag, den 14.02.09 im Theater Freiburg auf.

Uli

 



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