Die Strassenzeitung aus Freiburg

Artikel und Beiträge aus einem anderen Blickwinkel

 


 

 

Hörproben

Bernadette La Hengst
auf My Space

 


Vorhang auf für unsere Stars

 

Seit November haben wir Ihnen von der Bettleroper berichtet, wie die Idee entstanden ist und wie sich diese weiter entwickelt hat. Man wollte „Beggars Opera“ – welche 1728 entstanden ist und dem damaligen Bürgertum in England einen Spiegel vorhielt – in die heutige Zeit und nach Deutschland versetzen.

Wie alles anfing

Ausgabe November

Ausgabe Dezember

Ausgabe Januar

Eine Chronologie

 

Wie im letzten Monat erwähnt, wirken indieser Aufführung sechs professionelle Schauspieler mit und der Rest, der auf der Bühne steht sind Laien! Einige kommen von KunstHartz, andere von Freiraum und auch einige unserer Zeitungsverkäufer sind dabei. Was in dieser relativ kurzen Zeit entstanden ist, ist schon erstaunlich.

Die ersten Treffen dienten noch dem gegenseitigen Kennenlernen, doch schon bald kam es zu einem interessanten Erfahrungsaustausch. Die „Bettler“ lernten von den Schauspielern, wie man sich auf der Bühne bewegt und umgekehrt konnten die Schauspieler einen Einblick in das Leben auf der Straße gewinnen.

 

 

 

Anfang Januar gingen sie sogar zusammen auf die Straßen Freiburgs, um das Betteln realistisch zu erleben und um selbst zu erfahren, wie man sich mit dieser Art von Gelderwerb so durchschlagen kann. Ab Januar wurden die Proben intensiviert, fast täglich durfte das Ensemble im Theater antreten und meistens war es schon später Abend, wenn der Regisseur „Feierabend“ sagte. "Ich selbst bin nur ein oder zweimal in der Woche dabei gewesen, konnte aber jedes Mal wieder Fortschritte erkennen, denn das Stück selbst und auch die Lieder für den Bettlerchor entwickelten sich ja erst im Laufe der Zeit, so dass es bei fast jeder Probe etwas Neues zu sehen gab."

Wichtig dabei war auch, dass Regisseur Christoph Frick auch Anregungen der teilweise wohnungslosen Akteure annahm und in das Stück mit einbaute.Vor allem der von Bernadette La Hengst geleitete Chor, hat sich von Woche zu Woche verbessert, obwohl sich die zu erlernenden Gesangsstücke in den drei Monaten auch noch mehrmals geändert hatten bzw. neue dazu gekommen sind.

Und wenn man bedenkt, dass kaum einer auf eine musikalische Karriere verweisen kann, so ist die Kürze der Einspielzeit schon erstaunlich. Aber auf jeden Fall haben irgendwann alle Künstler ihre (mehrfach veränderten Texte) auswendig gelernt und konnten bald ohne Stichwortzettel auf der Bühne stehen.

Und dann war es endlich soweit: 
Am 23. Januar 2009 war die Premiere der Bettleroper und das war wirklich ein kulturelles Highlight!

Freitagabend, kurz vor 20.00 Uhr, strömten die Besucherscharen ins Kleine Haus im Stadttheater, selbst als die Aufführung begann, kamen noch Leute. Als das Theater dann bis auf den letzten Platz gefüllt war, ging es dann richtig los: Der Bettlerchor hatte seinen ersten Auftritt und der war grandios und hat den Mitwirkenden auch die letzte Nervosität und den Rest vom Lampenfieber genommen

.Von Bernadette La Hengst an der Gitarre und FREIeBÜRGER-Verkäufer Hannes am Schlagzeug begleitet, stellten sie musikalisch die Frage: „Wer hat das Geld versteckt?“, ein satirisches Lied auf die weltweite Finanzkrise und deren Auswirkungen.

Vor allem Hannes Bild links)hat mich dabei beeindruckt, er saß mit Sonnenbrille und stoischer Ruhe an seinem Schlagzeug, schlug im monotonen Takt darauf und erinnerte irgendwie an den Drummer von Trio. Witzig war, dass er noch einen Kollegen hatte, der im selben Takt auf eine Mülltonne eintrommelte. (Bild links von Hannes)

Auch die weiteren Musikstücke, die im Laufe der Oper aufgeführt wurden, befassten sich mit sozialkritischen Themen. Es war kein Jammern, wie schlecht es Hartz IV-Empfängern oder Obdachlosen geht, es war ein schonungsloses Aufdecken von gesellschaftlichen Zuständen und Mängeln!

So zum Beispiel in dem Song, „Angst vor dem Abstieg“, in dem geschildert wird, was einem Menschen in der heutigen Gesellschaft alles so geschehen und wie man wirklich rasant sozial absteigen kann.

In dem Lied „Flaschensammler“ wurde dargestellt, wie man sich nach dem Abstieg rumschlagen muss, nämlich in dem man z.B. Pfandflaschen auf der Straße aufsammelt, um sich ein kleines Nebeneinkommen zu verdienen um zu überleben, denn nicht jeder hat den Mut zum Betteln – deswegen fordert Bernadette La Hengst in einem Stück auch das bedingungslose Grundeinkommen.

Bettina Grahs und George Kaiser sangen im Duett eine Art Liebeslied, welches die Armut eines ALG II beziehenden Paares verdeutlicht. Irgendwie haben die beiden dann auch wieder an die Neue Deutsche Welle erinnert, denn sie klangen fast so wie Nena und Marcus mit ihrer Taschenlampe, aber schließlich ging es in dem Stück ja auch um Liebe

. Doch dieses Musikstück war nicht so schnulzig wie das aus den 1980ern, sondern etwas romantischer und soll zeigen, wie schwer es Hartz IV-Empfänger haben, die in einer Beziehung leben.

Doch es wurde nicht nur gesungen, sonst wären ja keine Schauspieler von Nöten gewesen. Denn diese haben mit beklemmender Ernsthaftigkeit den Alltag der Hartz IV-Bezieher auf die Bühne gebracht und das mit den Betroffenen! So beispielsweise in der Szene, als ein Hartz IV-Antrag ausgefüllt werden muss. Bettina Grahs rast ins Publikum und verliest die Fragen des Antragsbogens und stellt dabei selbst die Frage, wozu solche Angaben eigentlich nützlich sein sollen. Hier wird einmal mehr die sture deutsche Bürokratie kritisiert, welche verlangt, dass man einen mehrseitigen Antrag ausfüllen soll, auf dessen Bearbeitung man lange warten muss, um dann endlich das notwendige Geld zu erhalten, mit dem man dann auch noch überleben soll.

Als dann Schauspieler Nicola Fritzen sein Einkommen erwähnte und „Bettlerin“ Christine Arnold verbalerweise auf Anna Böger einprügelte, was sie monatlich für Ausgaben hat, kamen die Darsteller ins Grübeln und überlegten sich lautstark, auf was sie alles verzichten könnten. Der eine wollte sein Auto abgeben, der nächste seine Wohnung und nur noch eine Matratze behalten, um schlafen zu können, jedem fiel etwas ein, was man als ALG II-Empfänger eigentlich nicht besitzen muss, weil es nicht notwendig ist. Das reichte vom Fernseher, über die Stereoanlage bis zur Bekleidung.

Denn am Ende dieses Disputes hatte sich Nicola Fritzen komplett entkleidet, seine Klamotten über die Bühne verstreut und rannte splitternackt nach draußen, weil er der Meinung war, darauf könne man auch verzichten.

Auch das Interview der Schauspieler mit den Bettelexperten war interessant: Auf der Bühne wurde ein riesiger Tisch aufgebaut, um den sich Schauspieler und Bettlerchor formierten.

Dann wurden von den Schauspielern Fragen an die Betroffenen gestellt, wie und wo man richtig bettelt, wo man hingehen kann, wenn man zu einer bestimmten Uhrzeit und mit minimalem Geld in Freiburg ankommt und was man besser vermeiden sollte.

Die Armutsspezialisten gaben bereitwillig Auskunft, mit manchmal schon abstrusen Antworten. So zum Beispiel, als gefragt wurde, mit welchen Sprüchen man am besten betteln kann und Wolfgang einwarf: „Mir ist der Sprit für meinen Helikopter ausgegangen, können Sie mir etwas Geld geben?“. Aber es waren nur wenige solcher Sachen, die von der Ernsthaftigkeit des Themas ein bisschen ablenken konnten, denn das Publikum war von der dargestellten Armut beeindruckt und betroffen.

Am Ende konnte man sagen, dass hier das Problem Armut in Deutschland sehr realistisch dargestellt wurde und bei den Zuschauern auch so ankam, wie es ankommen sollte. Denn nach dem Ende des Stückes wurden die Darsteller mit reichlich Applaus bedacht und mussten nach mehreren nicht einstudierten Verbeugungen (das sah wie eine Laola-Welle aus), noch einmal auf die Bühne und das beste Lied des Abends zum Vortrag bringen, nämlich: „Avantgarde Bettler“!

Danach gab es nochmals tosenden Applaus und endlich waren die Bettler und Schauspieler erlöst, sie hatten ihre Aufgabe sehr gut gemeistert und nun auch endlich etwas Zeit für Gespräche. Denn dazu wurde am Ende noch aufgefordert, zu einer gemeinsamen Diskussionsrunde.

Während der Aufführung wurde auf der Bühne auch noch gekocht, und zwar fast so wie es Obdachlose auf der Platte machen, nämlich mit einem einfachen Kochgerät, nur wurde hier aus Sicherheitsgründen nicht auf dem obligatorischen Gaskocher das Essen zubereitet, sondern ein Zweiplatten-Elektrokocher benutzt. Danach konnte sich das Publikum zu den Darstellern auf die Bühne gesellen und sich über Armut und deren Bekämpfung unterhalten.

Bei leckerem Chili con Carne und einem Bier, entwickelten sich dann auch interessante Gespräche. Selbst Sozialbürgermeister von Kirchbach zeigte sich beeindruckt von der Aufführung – bleibt zu hoffen, dass sich seine Eindrücke auch in der Sozialpolitik der Stadt Freiburg zeigen werden.

Medien-Stimmen:

Hier wird der Bettler-Chor nicht gespielt, hier ist er richtig echt
(veröffentlicht am 24. Januar 2009 auf badische-zeitung.de)

Schon mal Hartz IV gehabt?
(veröffentlicht am 26. Januar 2009 auf badische-zeitung.de)

 

 Stattzeitung     ++  TAZ   ++ Nachtkritik   ++  Infos  ++  Südkurier

 

Insgesamt kann man sagen, dass die Premiere ein voller Erfolg war, denn das Haus war voll und alle Besucher gingen begeistert nach Hause. Auch die beteiligten Darsteller waren glücklich, der Regisseur freute sich über den tobenden Applaus genauso wie Bernadette La Hengst. Am eindrucksvollsten waren aber die Gesichter des Bettlerchores als dieser alles überstanden hatte.

Innerhalb von knapp vier Monaten haben die Leute eine Oper zusammengebracht, auf eine Menge persönliche Belange und auf Freizeit verzichtet, hatten Angst vor der Premiere und dann solch ein Erfolg – Respekt!

Carsten

 

 

 

 

 

nach oben