| Anfang Januar gingen sie sogar zusammen auf die Straßen
Freiburgs, um das Betteln realistisch zu erleben und um selbst
zu erfahren, wie man sich mit dieser Art von Gelderwerb so durchschlagen
kann. Ab Januar wurden die Proben intensiviert, fast täglich
durfte das Ensemble im Theater antreten und meistens war es schon
später Abend, wenn der Regisseur „Feierabend“
sagte. "Ich selbst bin nur ein oder zweimal in der Woche
dabei gewesen, konnte aber jedes Mal wieder Fortschritte erkennen,
denn das Stück selbst und auch die Lieder für den Bettlerchor
entwickelten sich ja erst im Laufe der Zeit, so dass es bei fast
jeder Probe etwas Neues zu sehen gab."
Wichtig dabei war auch, dass Regisseur Christoph Frick auch Anregungen
der teilweise wohnungslosen Akteure annahm und in das Stück
mit einbaute.Vor allem der von Bernadette
La Hengst geleitete Chor, hat sich von Woche zu Woche verbessert,
obwohl sich die zu erlernenden Gesangsstücke in den drei
Monaten auch noch mehrmals geändert hatten bzw. neue dazu
gekommen sind.
Und wenn man bedenkt, dass kaum einer auf eine musikalische Karriere
verweisen kann, so ist die Kürze der Einspielzeit schon erstaunlich.
Aber auf jeden Fall haben irgendwann alle Künstler ihre (mehrfach
veränderten Texte) auswendig gelernt und konnten bald ohne
Stichwortzettel auf der Bühne stehen.
Und dann war es endlich soweit:
Am 23. Januar 2009 war die Premiere der Bettleroper und das war
wirklich ein kulturelles Highlight!
Freitagabend, kurz vor 20.00 Uhr, strömten die Besucherscharen
ins Kleine Haus im Stadttheater, selbst als die Aufführung
begann, kamen noch Leute. Als das Theater dann bis auf den letzten
Platz gefüllt war, ging es dann richtig los: Der Bettlerchor
hatte seinen ersten Auftritt und der war grandios und hat den
Mitwirkenden auch die letzte Nervosität und den Rest vom
Lampenfieber genommen
.Von Bernadette La Hengst an der Gitarre und FREIeBÜRGER-Verkäufer
Hannes am Schlagzeug begleitet, stellten sie musikalisch die Frage:
„Wer hat das Geld versteckt?“, ein satirisches Lied
auf die weltweite Finanzkrise und deren Auswirkungen.
Vor allem Hannes Bild links)hat mich dabei beeindruckt, er saß
mit Sonnenbrille und stoischer Ruhe an seinem Schlagzeug, schlug
im monotonen Takt darauf und erinnerte irgendwie an den Drummer
von Trio. Witzig war, dass er noch einen Kollegen hatte, der im
selben Takt auf eine Mülltonne eintrommelte. (Bild links
von Hannes)
Auch die weiteren Musikstücke, die im Laufe der Oper aufgeführt
wurden, befassten sich mit sozialkritischen Themen. Es war kein
Jammern, wie schlecht es Hartz IV-Empfängern oder Obdachlosen
geht, es war ein schonungsloses Aufdecken von gesellschaftlichen
Zuständen und Mängeln!
So zum Beispiel in dem Song, „Angst vor dem Abstieg“,
in dem geschildert wird, was einem Menschen in der heutigen Gesellschaft
alles so geschehen und wie man wirklich rasant sozial absteigen
kann.
In dem Lied „Flaschensammler“ wurde dargestellt,
wie man sich nach dem Abstieg rumschlagen muss, nämlich in
dem man z.B. Pfandflaschen auf der Straße aufsammelt, um
sich ein kleines Nebeneinkommen zu verdienen um zu überleben,
denn nicht jeder hat den Mut zum Betteln – deswegen fordert
Bernadette La Hengst in einem Stück auch das bedingungslose
Grundeinkommen.
Bettina Grahs und George Kaiser sangen im Duett eine Art Liebeslied,
welches die Armut eines ALG II beziehenden Paares verdeutlicht.
Irgendwie haben die beiden dann auch wieder an die Neue Deutsche
Welle erinnert, denn sie klangen fast so wie Nena und Marcus mit
ihrer Taschenlampe, aber schließlich ging es in dem Stück
ja auch um Liebe
. Doch dieses Musikstück war nicht so schnulzig wie das
aus den 1980ern, sondern etwas romantischer und soll zeigen, wie
schwer es Hartz IV-Empfänger haben, die in einer Beziehung
leben.
Doch es wurde nicht nur gesungen, sonst wären ja keine Schauspieler
von Nöten gewesen. Denn diese haben mit beklemmender Ernsthaftigkeit
den Alltag der Hartz IV-Bezieher auf die Bühne gebracht und
das mit den Betroffenen! So beispielsweise in der Szene, als ein
Hartz IV-Antrag ausgefüllt werden muss. Bettina Grahs rast
ins Publikum und verliest die Fragen des Antragsbogens und stellt
dabei selbst die Frage, wozu solche Angaben eigentlich nützlich
sein sollen. Hier wird einmal mehr die sture deutsche Bürokratie
kritisiert, welche verlangt, dass man einen mehrseitigen Antrag
ausfüllen soll, auf dessen Bearbeitung man lange warten muss,
um dann endlich das notwendige Geld zu erhalten, mit dem man dann
auch noch überleben soll.

Als dann Schauspieler Nicola Fritzen sein Einkommen erwähnte
und „Bettlerin“ Christine Arnold verbalerweise auf
Anna Böger einprügelte, was sie monatlich für Ausgaben
hat, kamen die Darsteller ins Grübeln und überlegten
sich lautstark, auf was sie alles verzichten könnten. Der
eine wollte sein Auto abgeben, der nächste seine Wohnung
und nur noch eine Matratze behalten, um schlafen zu können,
jedem fiel etwas ein, was man als ALG II-Empfänger eigentlich
nicht besitzen muss, weil es nicht notwendig ist. Das reichte
vom Fernseher, über die Stereoanlage bis zur Bekleidung.
Denn am Ende dieses Disputes hatte sich Nicola Fritzen komplett
entkleidet, seine Klamotten über die Bühne verstreut
und rannte splitternackt nach draußen, weil er der Meinung
war, darauf könne man auch verzichten.
Auch das Interview der Schauspieler mit den Bettelexperten war
interessant: Auf der Bühne wurde ein riesiger Tisch aufgebaut,
um den sich Schauspieler und Bettlerchor formierten.
Dann wurden von den Schauspielern Fragen an die Betroffenen gestellt,
wie und wo man richtig bettelt, wo man hingehen kann, wenn man
zu einer bestimmten Uhrzeit und mit minimalem Geld in Freiburg
ankommt und was man besser vermeiden sollte.
Die Armutsspezialisten gaben bereitwillig Auskunft, mit manchmal
schon abstrusen Antworten. So zum Beispiel, als gefragt wurde,
mit welchen Sprüchen man am besten betteln kann und Wolfgang
einwarf: „Mir ist der Sprit für meinen Helikopter ausgegangen,
können Sie mir etwas Geld geben?“. Aber es waren nur
wenige solcher Sachen, die von der Ernsthaftigkeit des Themas
ein bisschen ablenken konnten, denn das Publikum war von der dargestellten
Armut beeindruckt und betroffen.
Am Ende konnte man sagen, dass hier das Problem Armut in Deutschland
sehr realistisch dargestellt wurde und bei den Zuschauern auch
so ankam, wie es ankommen sollte. Denn nach dem Ende des Stückes
wurden die Darsteller mit reichlich Applaus bedacht und mussten
nach mehreren nicht einstudierten Verbeugungen (das sah wie eine
Laola-Welle aus), noch einmal auf die Bühne und das beste
Lied des Abends zum Vortrag bringen, nämlich: „Avantgarde
Bettler“!
Danach gab es nochmals tosenden Applaus und endlich waren die
Bettler und Schauspieler erlöst, sie hatten ihre Aufgabe
sehr gut gemeistert und nun auch endlich etwas Zeit für Gespräche.
Denn dazu wurde am Ende noch aufgefordert, zu einer gemeinsamen
Diskussionsrunde.
Während der Aufführung wurde auf der Bühne auch
noch gekocht, und zwar fast so wie es Obdachlose auf der Platte
machen, nämlich mit einem einfachen Kochgerät, nur wurde
hier aus Sicherheitsgründen nicht auf dem obligatorischen
Gaskocher das Essen zubereitet, sondern ein Zweiplatten-Elektrokocher
benutzt. Danach konnte sich das Publikum zu den Darstellern auf
die Bühne gesellen und sich über Armut und deren Bekämpfung
unterhalten.
Bei leckerem Chili con Carne und einem Bier, entwickelten sich
dann auch interessante Gespräche. Selbst Sozialbürgermeister
von Kirchbach zeigte sich beeindruckt von der Aufführung
– bleibt zu hoffen, dass sich seine Eindrücke auch
in der Sozialpolitik der Stadt Freiburg zeigen werden.
Insgesamt kann man sagen, dass die Premiere ein voller Erfolg
war, denn das Haus war voll und alle Besucher gingen begeistert
nach Hause. Auch die beteiligten Darsteller waren glücklich,
der Regisseur freute sich über den tobenden Applaus genauso
wie Bernadette La Hengst. Am eindrucksvollsten waren aber die
Gesichter des Bettlerchores als dieser alles überstanden
hatte.
Innerhalb von knapp vier Monaten haben die Leute eine Oper zusammengebracht,
auf eine Menge persönliche Belange und auf Freizeit verzichtet,
hatten Angst vor der Premiere und dann solch ein Erfolg –
Respekt!
Carsten
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