Die Strassenzeitung aus Freiburg

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Psychisch krank und wohnungslos

In Freiburg gibt es mittlerweile ein breit gefächertes Hilfeangebot für Wohnungslose und dadurch ist es möglich geworden, gezielter auf die unterschiedlichen Bedürfnisse wohnungsloser Menschen eingehen zu können.

Trotz finanzieller Probleme wird dieses Hilfesystem weiter ausgebaut und seit einem Jahr gibt es das Projekt: „Psychiatrische und sozialpsychiatrische Versorgung wohnungsloser psychisch kranker Menschen“.

Für die Dauer des Projektes (drei Jahre) ist es geplant, „wohnungslose psychisch kranke Menschen durch ein niederschwelliges Angebot zu beraten, zu begleiten und einer notwendigen gemeindepsychiatrischen Grundversorgung zuzuführen“.

 

 

E. Grüssinger, D. Borchardt (Projektleiter),
F. Holyba, J. Ratz (v.l.n.r.)

Hierzu arbeiten die MitarbeiterInnen der Psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) der Uniklinik Freiburg und des Sozialspychiatrischen Dienstes (SpDi; Träger: Caritasverband Freiburg-Stadt e.V., Diakonisches Werk Freiburg) gemeinsam mit verschiedenen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe zusammen.

Man schätzt, dass ca. 70 % aller wohnungslosen Menschen psychisch auffällig, bzw. psychisch krank oder suchtkrank sind. Die häufigsten psychischen Erkrankungen sind Schizophrenie, Depression und Borderline. Ob diese Menschen schon vor ihrer Wohnungslosigkeit psychisch krank waren, lässt sich nicht genau nachweisen.

Allerdings kann man davon ausgehen, dass diese Erkrankungen durch die Wohnungslosigkeit vielleicht erst aufgetreten sind oder, falls vorher schon vorhanden, sich in dieser Lebenssituation verstärken. „Psychisch Kranke ohne festen Wohnsitz sind Menschen, die in absoluter sozialer Randständigkeit leben. Sie sind in hohem Grade stigmatisiert und ziehen sich oft völlig zurück. Weil sie keine Lobby haben, finden sie kaum Beachtung in unserer Gesellschaft“. (BANKEXTRA Januar 2010)

Bisher hatten diese Menschen, subjektiv betrachtet, schlechte Erfahrungen mit den psychiatrischen Einrichtungen gemacht und suchen deshalb die bisher schon vorhandenen Beratungsstellen PIA und SpDi nicht auf, um sich dort beraten zu lassen. Auch den Fachkräften der Wohnungslosenhilfe gelingt es meistens nicht, diese Menschen zu „erreichen“ und sie an eine Beratungsstelle zu vermitteln.

In einem Interview mit dem Dipl.-Psych. Thomas Bock erklärt der wohnungslose Pias seine Erfahrung mit der Psychiatrie: „Die Psychiatrie ist eine gesellschaftliche Kraft, die bestimmte Dinge inszeniert. Eine Art Religionsgemeinschaft, bei der die Priester allein das Sagen haben. Man soll gar nicht alles verstehen.

Aber wie sollen die umgekehrt mich verstehen können? Die haben ihre eigene Sprache, ihre eigenen Gebräuche, ja sogar einen eigenen Knast“. (Brückenschlag, Band 17/2001)

Hier setzt die Arbeit des Projektes an. Um diese Menschen zu erreichen, muss man die Beratungsangebote dorthin verlegen, wo sich die Betroffenen aufhalten, um dadurch die Hemmschwelle, den Weg zum Psychiater, zu überwinden. Die Beratung findet in einer für den Ratsuchenden vertrauten Umgebung statt, also nicht in der Fachpraxis. Dadurch kann ein Vertrauensverhältnis zwischen dem Psychiater und Patienten leichter aufgebaut werden. In diesen Gesprächen geht es darum, sich über die Erkrankung und deren Behandlungsmöglichkeiten zu informieren und, wenn nötig, auch längerfristige Lösungen zu finden und umzusetzen.

Das Projekt hat folgende Leitziele:

  • Wohnungslosen, psychisch kranken Menschen soll ein niedrigschwelliger Zugang zu psychiatrischen und sozialpsychiatrischen Hilfen angeboten werden.
  • Die Hilfesysteme und Angebote sollen vernetzt werden. Dazu arbeiten die Einrichtungen und Dienste der Wohnungslosenhilfe, der Psychiatrie und der Sozialpsychiatrie für den Patienten zusammen.
  • Das psychiatrische Versorgungssystem und das für wohnungslose Menschen sollen dauerhaft durch die Vernetzung weiterentwickelt werden, damit auch wohnungslose psychisch erkrankte Menschen eine psychiatrische Behandlung und sozialpsychiatrische Begleitung erhalten können (Gleichbehandlung).
  • Engagierte Personen aus Gruppen und den Vereinen sollen eingebunden werden und Brückenfunktionen übernehmen. Sie sprechen betroffene Personen an, vermitteln weiterführende Hilfen und begleiten Betroffene ggf. zu den Hilfen. Die ehrenamtlich Tätigen können sich qualifizieren und werden von den Profis unterstützt.
  • Betroffene, Angehörige und freiwillig Engagierte und Fachleute werden über Krankheits-, Behandlungs- und Umgangskonzepte informiert und geschult, ebenso über das Versorgungssystem.

Kontakt zu Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Projektes „Psychiatrische und sozialpsychiatrische Versorgung wohnungsloser psychisch kranker Menschen“

 

Sozialpsychiatrischer Dienst, Tel.: 36894-0
Pflasterstub‘: Tel.: 31916-50

Momentan gibt es dieses Beratungsangebot in der Pflasterstube, dem Ferdinand-Weiß-Haus, FreiRaum und bei den regelmäßigen Sonntagstreffs in den christlichen Gemeinden Freiburgs, mitgetragen von engagierten Personen von Freunde von der Straße.

Das Projekt wird von der Aktion Mensch e.V., dem Caritasverband Freiburg-Stadt e.V. und dem Caritasverband für die Erzdiözese Freiburg finanziert. Dies ist insofern wichtig, da diese Beratungsarbeit, weil sie in einer Wohnzimmeratmosphäre und nicht in einer Praxis stattfindet, von der Krankenkasse nicht bezahlt wird.

 

Die finanzielle Förderung ist bis Januar 2012 gesichert und von daher ist es wichtig, die Unverzichtbarkeit des Hilfeangebotes in das Bewusstsein der fachlichen und politischen Öffentlichkeit zu transportieren, um so Sponsoren zu finden, die die vom Projekt eingerichteten Hilfestrukturen danach finanziell unterstützen.

Uli

 

 

 

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