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Juni2009

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Sommerfrüchte


EINE ZUSAMMENFÜGUNG Es ist Zeit, erste kleine, aber pralle, rundum rote Tomaten aus dem verschlungenen Geäst meiner Balkonpflanze zu zupfen. Das war nicht immer selbstverständlich: Freude am Eigentum.

Die Stadt Müllheim hat jetzt ein Sozialzentrum. Am 6. Juni wird das umgestaltete Haus, das nord-östlich nahe dem Bahnhof liegt, seiner neuen Bestimmung übergeben. Als Gebäude mit einem Auftrag zum Nutzen der Gesellschaft soll es auch einen Namen tragen, den des Brücken bauenden, weithin bekannten und zu früh verstorbenen Dekan Doleschal.

Doch die Freude der Stadtväter und -mütter hält sich in Grenzen. Das Pflänzchen wird viel Pflege benötigen – die Mehrheit der Räte brächte bei der Einweihung eines Parkhauses in der Werderstraße vermutlich mehr Verve ein .Zuallererst müssen Beschlüsse realitätstauglich sein .Das kann der Bürger von seinem Gemeinderat erwarten

 

 


.Das Gerangel um die Neunutzung des ehemaligen Gründerzentrums und vor allem um die Zuständigkeit für die nachbarschaftsunverträglichen Bürger, die vor rund fünf Jahren aus städtischen Unterkünften in Container am Rande des Industriegebiets umgesiedelt worden waren, zog und zieht sich in die Länge. Wären da nicht die Medien und einige Sozialdienstleister vor Ort aufgestanden, Stadtverwaltung und Gemeinderat hätten das Problem wohl totgeschwiegen.

Doch nicht für alle ist die Wahlperiode das Maß für Handlungsspielräume. Einwohner und einige Bürgervertreter erkannten, dass Verdrängung die falsche Strategie gegen Vandalismus, Zunahme von Suchtproblematiken und Verwahrlosung im Stadtbild wie in der menschlichen Begegnung sein würde.

Man wurde sich einig: Da musste Rat her – Rat, der strukturell und langfristig wirksam wird. Ein Arbeitskreis, zusammengesetzt aus Fachkompetenz in sozialen Fragen und kommunalpolitischer Entscheidungsfähigkeit, brachte die Planung für einen sozialen Stützpunkt hervor: Jugendwerkstatt, Verkaufsraum der Markgräfler Tafel und Wohnheim auf Zeit für Müllheimer, die sich mit der Gemeinschaft überworfen haben – alles unter einem Dach. Soweit, so friedvoll!

Doch, während „Jugend und Beruf“ und die „Tafel“ etablierte, bereits funktionierende Organisationen sind, braucht das Aufnahmeprojekt ein Betreuungskonzept. Schon vor den Sommerferien 2007 bedankte sich Bürgermeister Lohs bei der Arbeitsgruppe „Unterbringung Wohnungsloser“ für Geleistetes zwischen und in fünf Arbeitsitzungen, wobei er das Thema „Container“ als „weitgehend gelöst“ bezeichnete.

In der Folge genehmigte der Gemeinderat den Umbau des ehemaligen Gründerzentrums Klosterrunsstraße 17. Doch was Ernst Behringer, Stadtrat der Freie Wähler Gruppe und ebenfalls Teilnehmer des Arbeitskreises, optimistisch in „Der Sonntag“ verlautbaren ließ, nämlich, dass in einem viertel bis halben Jahr etwas geschehen werde, erfüllte sich ansonsten nicht: Die Bank, auf welche die Lösung geschoben werden sollte, erwies sich als besonders lange – viel zu lang für die Menschen, denen inzwischen vier Frost- und vier Hitzeperioden in Verpackungscontainern zugemutet worden sind.

In eigener „handverlesener“ Beratergruppe erörterte der Bürgermeister nach Entlassen des Arbeitskreises weiterhin Fragen, die hinsichtlich der schwer Integrierbaren aufgetaucht waren. Die Stadt werde auch nach Einweihung des Wohntraktes im Sozialzentrum die Container nicht verkaufen, um Kapazitätsengpässen oder Eingliederungswiderständen begegnen zu können, hatte er den AK im Juli 2007 noch wissen lassen.

Erst im Oktober 2008 ging an die Arbeitsgruppe „Unterbringung Wohnsitzloser“ erneut eine Einladung von der Stadtverwaltung aus. Schul-Dekan Hauser brachte zu dieser Besprechung eine Grundkonzeption zur Betreuung ein, die Hermann Assies von der AGJ Wohnungslosenhilfe mit den anderen engagierten Fachkräften zu einem konkretisierten Leistungskatalog ausgestalten sollte. Was er tat, doch erst im Dezember vorstellen durfte.

Unter den Container-Insassen breiteten sich hoffnungsvolle Gerüchte aus. Irgendwas tut sich, das war bis zu ihnen durchgedrungen. Und fälschlicherweise nahmen einige an, man werde sie noch vor Wintereinbruch umsiedeln. Doch weit gefehlt!

Andere Ereignisse hatten das Rathaus beschäftigt: Aufgrund einer personellen Veränderung war die Zuständigkeit für eingewiesene Personen an die Verwaltung für Bauwesen und Gebäudemanagement bei Amtsleiter Schilling eingegliedert worden. Er gibt im November letzten Jahres die Zahl von 24 eingewiesenen Personen in städtischen Notunterkünften an, davon 8 bzw. 7 in der Containersiedlung. Endlich hat die letzte Sitzung des Jahres die Beratung und Beschlussfassung der Konzeption und der personellen Betreuung im Sozialzentrum auf der Tagesordnung. Hier heißen die Gremien zwar die Konzeption grundsätzlich gut, können sich zur Finanzierung der Betreuung jedoch noch immer nicht einigen. Der Finanzausschuss tagt daraufhin in nichtöffentlicher Sitzung und das Ergebnis lässt im Januar viele erstaunt aufhorchen...

TOD REIMT SICH AUF NOT

Es ist Zeit, sich zu verabschieden. Viele Menschen in Müllheim haben Tanja Höfer gekannt. Immerhin ist eine Gruppe ihr nach Heiterheim gefolgt, wo sie nach dem Wunsch ihrer Angehörigen ein letztes Mal begleitet werden konnte. Wir begleiten sie bis zu einer Mauer, in deren Nische ihre Urne verschwindet. Vor der Nische kein Sims, um Blumenschmuck abzulegen. Es ist nicht selbstverständlich, dass einer in Armut Verstorbenen Aufmerksamkeit nachgetragen wird. So werden einige Blumensträuße auf dem Boden platziert, als sei es eine Unfallstelle.

War es nicht auch ein Unfall? – Ihr ganzer letzter Lebensabschnitt – war er nicht ein einziger Unfall? Tanja gehörte zu den Eingewiesenen in städtischer Notunterkunft. Eine Weile hat auch sie zu den Containerinsassen gezählt. Nach einer Haftverbüßung, heißt es, kam sie in die Bärenfelsstrasse zurück in Müllheims Innenstadt. Ihr Pech war die Umstrukturierung der Zuständigkeit für Sozialfälle im Rathaus.

Als es noch ein eigener Amtsbereich gewesen ist, sagen die Nachbarn, sei mindestens einmal monatlich in den Notunterkünften nach dem Rechten geschaut worden. Die Nachbarn – sie haben alle mit sich selbst Probleme, sie sind mit einer Übertragung der Verantwortung füreinander völlig überfordert. Tanja hat angeblich bereits Wochen ihren Wohnraum nicht verlassen, ehe sich jemand entschloss, bei der AGJ Hilfe für die junge Frau anzufordern. Die Hilfe kam zu spät: Zu alt waren die Wundliegemale auf schmutziger Unterlage. Im Krankenhaus konnte die Blutvergiftung nicht aufgehalten werden.

Der Schutz von Leib und Leben obdachlos gewordener Personen ist eine ortspolizeiliche Aufgabe. Da es sich bei den untergebrachten Menschen eben nicht um ein, zwei oder drei entgleiste Einzelfälle in einem intakten Kleinstädtchen handelt, wie es Verwaltung und auch viele Bürger Müllheims gern sehen möchten, ist die Bedenkzeit jetzt abgelaufen. Die Stadt muss sich entscheiden: sozial oder gemeinschaftsschädigend. Die Verantwortung der Stadt ist sogar gesetzlich vorgeschrieben.

Die Einweihung des Sozialzentrums am 6. Juni wird Kräfte freisetzen. So oder so. Auch, wenn die Halbherzigkeit bis dato noch andauert: zuletzt beschlossen vom Finanzausschuss im Dezember! Dieser hat in breiten Teilen die Überlegungen von Gremienmitgliedern, Fachleuten sowie hinzu geladenen Berichterstattern anderer sozialer Einrichtungen seit Januar 2007 ignoriert und die Verwaltung beauftragt, ein neues Konzept für die Betreuung der künftigen Sozialzentrumsbewohner zu entwickeln. Die haushaltsschonende Variante sieht Betreuung auf ehrenamtlicher Basis vor. Diese wird sich auf die Fachkompetenz eines einzelnen Rentners stützen.

Dass Ernst Mann eine solche Aufgabe noch schultern will, obwohl er, willenskräftig bewiesenermaßen und so auch Initialzünder für die Markgräfler Tafel, doch aus Gesundheitsgründen, wie man sich erzählt, sich dort aus der Vereinsarbeit inzwischen zurückgezogen hat, das verwundert. Doch fast mehr noch erstaunt darum, dass der Gemeinderat am 19. Januar der Betreuung auf Ehrenamt mit Konzept und detaillierter Hausordnung zustimmte. Oder war es gerade die rigide Hausordnung, die Gemüter bestach, die sich im Grunde der Tragweite einer Gesellschaftsspaltung vor ihrer Haustür nicht bewusst sind?

Verstöße gegen die Regeln sollen bei zweiter Abmahnung zur fristlosen Kündigung, d.h. zur Wiedereinweisung in einen Container führen. Regel 4 verbietet Besitz und Konsum von illegalen Drogen und gebranntem Alkohol sowie Betreten des Sozialzentrums oder Aufenthalt im Haus im Vollrausch. Regel 8 verlangt, dass Besuch oder nächtliche Abwesenheit grundsätzlich angemeldet sein müssen. Regel 10 verbietet Waffen und Gewalt, aber auch schon Gewaltandrohung. Wohl sollen in der Probephase bis Ende des Jahres lediglich drei bis vier Männer im Sozialzentrum einquartiert werden. Trotzdem drängt sich die Frage auf, wie in den geplanten fünf bis sechs Stunden wöchentlich zu leistender ehrenamtlicher Sozialarbeit solch prägnanten Forderungen überhaupt Kontrollen, geschweige denn Überzeugungsarbeit oder Mitwirkmoti-vation entgegen gesetzt werden könnte.

Ist ein Jojo-Effekt geplant, um im Nachhinein doch Richtigkeit der Anschaffung der Container zu bestätigen? Ich neige nicht zu bösartigen Unterstellungen. Vielmehr glaube ich, da ich mit eigenen Ohren dem Dank einer SPD Stadträtin an die Freiwilligen lauschen durfte, dass die Lebenswelten von gutsituierten Bürgern und Armutsbevölkerung sich schon heute um Lichtjahre entfernt haben. Ich stelle mir ein Gespräch zwischen Tanja und der Stadträtin vor: Beide hätten sich stundenlang, tagelang gutwillig zuhören müssen, um auch nur im Ansatz etwas dazu gelernt zu haben.

Es ist Zeit, Brücken zu schlagen. Brücken waren Dekan Franz Doleschal, dem Namensgeber für das neue Müllheimer Sozialzentrum immer wichtig. Wichtig waren ihm vor allem auch die Menschen, die zu schwach waren, aus eigener Kraft neue Ufer zu erreichen. Gestern, also noch ehe ich diesen Artikel abgeben konnte, ist mir von einem weiteren Verstorbenen berichtet worden: Manni. Ich kenne selbst nur seinen Rufnamen und weiß, dass auch er eine Notwohnung inne gehabt haben soll. Ihn hat man vor kurzem noch auf der Straße gesehen. Einige Menschen beschleunigen ihren Schritt, wenn sie an den „Mannis“ auf der Straße vorübergehen.

Manchmal sehen mich Kunden zweifelnd an, wenn sie mir den FREIeBÜRGER abkaufen. „Sie sind doch aber nicht obdachlos?“ fragen sie. Dann fliegt mein Gefühl zwischen Verlegenheit und Stolz hin und her und ich sage: „Nicht mehr...“ innerlich füge ich hinzu: „...ich züchte jetzt wieder Tomaten auf eigenem Balkon.“

Ella

 



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