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.Das Gerangel um die Neunutzung des ehemaligen Gründerzentrums und vor
allem um die Zuständigkeit für die nachbarschaftsunverträglichen
Bürger, die vor rund fünf Jahren aus städtischen
Unterkünften in Container am Rande des Industriegebiets umgesiedelt
worden waren, zog und zieht sich in die Länge. Wären
da nicht die Medien und einige Sozialdienstleister vor Ort aufgestanden,
Stadtverwaltung und Gemeinderat hätten das Problem wohl totgeschwiegen.
Doch nicht für alle ist die Wahlperiode das Maß für
Handlungsspielräume. Einwohner und einige Bürgervertreter
erkannten, dass Verdrängung die falsche Strategie gegen Vandalismus,
Zunahme von Suchtproblematiken und Verwahrlosung im Stadtbild
wie in der menschlichen Begegnung sein würde.
Man wurde sich einig: Da musste Rat her – Rat, der strukturell
und langfristig wirksam wird. Ein Arbeitskreis, zusammengesetzt
aus Fachkompetenz in sozialen Fragen und kommunalpolitischer Entscheidungsfähigkeit,
brachte die Planung für einen sozialen Stützpunkt hervor:
Jugendwerkstatt, Verkaufsraum der Markgräfler Tafel und Wohnheim
auf Zeit für Müllheimer, die sich mit der Gemeinschaft
überworfen haben – alles unter einem Dach. Soweit,
so friedvoll!
Doch,
während „Jugend und Beruf“ und die „Tafel“
etablierte, bereits funktionierende Organisationen sind, braucht
das Aufnahmeprojekt ein Betreuungskonzept. Schon vor den Sommerferien
2007 bedankte sich Bürgermeister Lohs bei der Arbeitsgruppe
„Unterbringung Wohnungsloser“ für Geleistetes
zwischen und in fünf Arbeitsitzungen, wobei er das Thema
„Container“ als „weitgehend gelöst“
bezeichnete.
In der Folge genehmigte der Gemeinderat den Umbau des ehemaligen
Gründerzentrums Klosterrunsstraße 17. Doch was Ernst
Behringer, Stadtrat der Freie Wähler Gruppe und ebenfalls
Teilnehmer des Arbeitskreises, optimistisch in „Der Sonntag“
verlautbaren ließ, nämlich, dass in einem viertel bis
halben Jahr etwas geschehen werde, erfüllte sich ansonsten
nicht: Die Bank, auf welche die Lösung geschoben werden sollte,
erwies sich als besonders lange – viel zu lang für
die Menschen, denen inzwischen vier Frost- und vier Hitzeperioden
in Verpackungscontainern zugemutet worden sind.
In eigener „handverlesener“ Beratergruppe erörterte
der Bürgermeister nach Entlassen des Arbeitskreises weiterhin
Fragen, die hinsichtlich der schwer Integrierbaren aufgetaucht
waren. Die Stadt werde auch nach Einweihung des Wohntraktes im
Sozialzentrum die Container nicht verkaufen, um Kapazitätsengpässen
oder Eingliederungswiderständen begegnen zu können,
hatte er den AK im Juli 2007 noch wissen lassen.
Erst im Oktober 2008 ging an die Arbeitsgruppe „Unterbringung
Wohnsitzloser“ erneut eine Einladung von der Stadtverwaltung
aus. Schul-Dekan Hauser brachte zu dieser Besprechung eine Grundkonzeption
zur Betreuung ein, die Hermann Assies von der AGJ Wohnungslosenhilfe
mit den anderen engagierten Fachkräften zu einem konkretisierten
Leistungskatalog ausgestalten sollte. Was er tat, doch erst im
Dezember vorstellen durfte.
Unter den Container-Insassen breiteten sich hoffnungsvolle Gerüchte
aus. Irgendwas tut sich, das war bis zu ihnen durchgedrungen.
Und fälschlicherweise nahmen einige an, man werde sie noch
vor Wintereinbruch umsiedeln. Doch weit gefehlt!
Andere Ereignisse hatten das Rathaus beschäftigt: Aufgrund
einer personellen Veränderung war die Zuständigkeit
für eingewiesene Personen an die Verwaltung für Bauwesen
und Gebäudemanagement bei Amtsleiter Schilling eingegliedert
worden. Er gibt im November letzten Jahres die Zahl von 24 eingewiesenen
Personen in städtischen Notunterkünften an, davon 8
bzw. 7 in der Containersiedlung. Endlich hat die letzte Sitzung
des Jahres die Beratung und Beschlussfassung der Konzeption und
der personellen Betreuung im Sozialzentrum auf der Tagesordnung.
Hier heißen die Gremien zwar die Konzeption grundsätzlich
gut, können sich zur Finanzierung der Betreuung jedoch noch
immer nicht einigen. Der Finanzausschuss tagt daraufhin in nichtöffentlicher
Sitzung und das Ergebnis lässt im Januar viele erstaunt aufhorchen...
TOD REIMT SICH AUF NOT
Es ist Zeit, sich zu verabschieden. Viele Menschen in Müllheim
haben Tanja Höfer gekannt. Immerhin ist eine Gruppe ihr nach
Heiterheim gefolgt, wo sie nach dem Wunsch ihrer Angehörigen
ein letztes Mal begleitet werden konnte. Wir begleiten sie bis
zu einer Mauer, in deren Nische ihre Urne verschwindet. Vor der
Nische kein Sims, um Blumenschmuck abzulegen. Es ist nicht selbstverständlich,
dass einer in Armut Verstorbenen Aufmerksamkeit nachgetragen wird.
So werden einige Blumensträuße auf dem Boden platziert,
als sei es eine Unfallstelle.
War es nicht auch ein Unfall? – Ihr ganzer letzter Lebensabschnitt
– war er nicht ein einziger Unfall? Tanja gehörte zu
den Eingewiesenen in städtischer Notunterkunft. Eine Weile
hat auch sie zu den Containerinsassen gezählt. Nach einer
Haftverbüßung, heißt es, kam sie in die Bärenfelsstrasse
zurück in Müllheims Innenstadt. Ihr Pech war die Umstrukturierung
der Zuständigkeit für Sozialfälle im Rathaus.
Als es noch ein eigener Amtsbereich gewesen ist, sagen die Nachbarn,
sei mindestens einmal monatlich in den Notunterkünften nach
dem Rechten geschaut worden. Die Nachbarn – sie haben alle
mit sich selbst Probleme, sie sind mit einer Übertragung
der Verantwortung füreinander völlig überfordert.
Tanja hat angeblich bereits Wochen ihren Wohnraum nicht verlassen,
ehe sich jemand entschloss, bei der AGJ Hilfe für die junge
Frau anzufordern. Die Hilfe kam zu spät: Zu alt waren die
Wundliegemale auf schmutziger Unterlage. Im Krankenhaus konnte
die Blutvergiftung nicht aufgehalten werden.
Der Schutz von Leib und Leben obdachlos gewordener Personen ist
eine ortspolizeiliche Aufgabe. Da es sich bei den untergebrachten
Menschen eben nicht um ein, zwei oder drei entgleiste Einzelfälle
in einem intakten Kleinstädtchen handelt, wie es Verwaltung
und auch viele Bürger Müllheims gern sehen möchten,
ist die Bedenkzeit jetzt abgelaufen. Die Stadt muss sich entscheiden:
sozial oder gemeinschaftsschädigend. Die Verantwortung der
Stadt ist sogar gesetzlich vorgeschrieben.
Die Einweihung des Sozialzentrums am 6. Juni wird Kräfte
freisetzen. So oder so. Auch, wenn die Halbherzigkeit bis dato
noch andauert: zuletzt beschlossen vom Finanzausschuss im Dezember!
Dieser hat in breiten Teilen die Überlegungen von Gremienmitgliedern,
Fachleuten sowie hinzu geladenen Berichterstattern anderer sozialer
Einrichtungen seit Januar 2007 ignoriert und die Verwaltung beauftragt,
ein neues Konzept für die Betreuung der künftigen Sozialzentrumsbewohner
zu entwickeln. Die haushaltsschonende Variante sieht Betreuung
auf ehrenamtlicher Basis vor. Diese wird sich auf die Fachkompetenz
eines einzelnen Rentners stützen.
Dass
Ernst Mann eine solche Aufgabe noch schultern will, obwohl er,
willenskräftig bewiesenermaßen und so auch Initialzünder
für die Markgräfler Tafel, doch aus Gesundheitsgründen,
wie man sich erzählt, sich dort aus der Vereinsarbeit inzwischen
zurückgezogen hat, das verwundert. Doch fast mehr noch erstaunt
darum, dass der Gemeinderat am 19. Januar der Betreuung auf Ehrenamt
mit Konzept und detaillierter Hausordnung zustimmte. Oder war
es gerade die rigide Hausordnung, die Gemüter bestach, die
sich im Grunde der Tragweite einer Gesellschaftsspaltung vor ihrer
Haustür nicht bewusst sind?
Verstöße gegen die Regeln sollen bei zweiter Abmahnung
zur fristlosen Kündigung, d.h. zur Wiedereinweisung in einen
Container führen. Regel 4 verbietet Besitz und Konsum von
illegalen Drogen und gebranntem Alkohol sowie Betreten des Sozialzentrums
oder Aufenthalt im Haus im Vollrausch. Regel 8 verlangt, dass
Besuch oder nächtliche Abwesenheit grundsätzlich angemeldet
sein müssen. Regel 10 verbietet Waffen und Gewalt, aber auch
schon Gewaltandrohung. Wohl sollen in der Probephase bis Ende
des Jahres lediglich drei bis vier Männer im Sozialzentrum
einquartiert werden. Trotzdem drängt sich die Frage auf,
wie in den geplanten fünf bis sechs Stunden wöchentlich
zu leistender ehrenamtlicher Sozialarbeit solch prägnanten
Forderungen überhaupt Kontrollen, geschweige denn Überzeugungsarbeit
oder Mitwirkmoti-vation entgegen gesetzt werden könnte.
Ist ein Jojo-Effekt geplant, um im Nachhinein doch Richtigkeit
der Anschaffung der Container zu bestätigen? Ich neige nicht
zu bösartigen Unterstellungen. Vielmehr glaube ich, da ich
mit eigenen Ohren dem Dank einer SPD Stadträtin an die Freiwilligen
lauschen durfte, dass die Lebenswelten von gutsituierten Bürgern
und Armutsbevölkerung sich schon heute um Lichtjahre entfernt
haben. Ich stelle mir ein Gespräch zwischen Tanja und der
Stadträtin vor: Beide hätten sich stundenlang, tagelang
gutwillig zuhören müssen, um auch nur im Ansatz etwas
dazu gelernt zu haben.
Es ist Zeit, Brücken zu schlagen. Brücken waren Dekan
Franz Doleschal, dem Namensgeber für das neue Müllheimer
Sozialzentrum immer wichtig. Wichtig waren ihm vor allem auch
die Menschen, die zu schwach waren, aus eigener Kraft neue Ufer
zu erreichen. Gestern, also noch ehe ich diesen Artikel abgeben
konnte, ist mir von einem weiteren Verstorbenen berichtet worden:
Manni. Ich kenne selbst nur seinen Rufnamen und weiß, dass
auch er eine Notwohnung inne gehabt haben soll. Ihn hat man vor
kurzem noch auf der Straße gesehen. Einige Menschen beschleunigen
ihren Schritt, wenn sie an den „Mannis“ auf der Straße
vorübergehen.
Manchmal sehen mich Kunden zweifelnd an, wenn sie mir den FREIeBÜRGER
abkaufen. „Sie sind doch aber nicht obdachlos?“ fragen
sie. Dann fliegt mein Gefühl zwischen Verlegenheit und Stolz
hin und her und ich sage: „Nicht mehr...“ innerlich
füge ich hinzu: „...ich züchte jetzt wieder Tomaten
auf eigenem Balkon.“
Ella
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