Das Schreiben ist zu zehn Prozent Inspiration,
und zu neunzig Prozent Transpiration, antwortet er, und fährt
fort, tatsächlich träume ich die Geschichten, wie einen
Film, in Farbe, mit Ton. Dann brauche ich nur alles aufzuschreiben.
Aber das Unterbewusstsein lässt sich nicht betrügen,
kein Fleiß, kein Preis, es versiegt, wenn ich nicht gut
schreibe.
Ich habe die erste Folge in die Redaktion gebracht, und sie fand
Anklang, nur wollte das Team den Roman mal lesen.
Es gibt keinen Roman, sagte ich, muss das erst schreiben. Ulli,
Micha, Carsten, alle waren überrascht. Aber sie druckten
die Story.
Und ich konnte die Fortsetzung schreiben, sobald ich die erste
Geschichte im FREIeBÜRGER gedruckt lesen konnte.
So ist es bis heute geblieben, auch nachdem die erste abgeschlossene
Geschichte unter demselben Titel, The Lazy Woman, als Buch erschienen
ist.
H. M. Schemske lehnt sich zurück, schweigt. Ich frage ihn,
wie war denn das, du hast ja den FREIeBÜRGER mit begründet,
damals. Das war harte Arbeit, sagt er, und grinst. Es ist jetzt
sieben Jahre her, unglaublich.
Meine Tochter war zu der Zeit sieben Jahre alt, als meine Frau
mich rausgeschmissen hatte, ich litt sehr unter der Scheidung,
hatte Angst um die Tochter, um meine Zukunft.
Ich kam zurück nach Freiburg, nach dreißig Jahren auf
der Schwäbischen Alb.
Kein Haus, kein Auto, keine Wohnung.
Ich traf Uwe, den Straßenphilosophen (bild links), unter
den Arkaden des Kaufhof, wie er, diese schmale Gestalt, aufrecht
auf seinem Rucksackklappsitz den Unbilden trotzte, und „Informationen
gab oder suchte“, wie es auf seinem handgemalten Schild
stand. Ich fragte ihn, was er wissen wollte.
Wie eine Zeitung gemacht wird, kam es wie aus der Pistole geschossen
aus seinen dünnen Lippen unter dem schütteren Bart hervor.
Was hast du für Material, fragte ich ihn, und Uwe zog einen
Haufen zerfetzter und teils handbeschriebener Papiere hervor.
Das is` alles, meinte Uwe. Ich sagte, du brauchst das auf `ner
Diskette. Uwe sagte, was iss’n `ne Diskette?
Am nächsten Tag brachte ich ihm das Material wieder, alles
sauber ausgedruckt, und die versprochene Diskette zu seinem Platz
am Kaufhof.
Dann überraschte mich Uwe. Er klappte sein Stühlchen
zusammen und zog mich zur Pflasterstube. Redaktionssitzung, murmelte
er geheimnisvoll. Und wirklich, alles saß beisammen, die
Leute der ersten Stunde, ich bekam mehr Material, tippte dann
diese und die nächsten drei Ausgaben der Zeitung auf meinem
Laptop, brachte es ausgedruckt zum Treffpunkt, etwa der Katholischen
Fachhochschule, weil die in den Gängen eine Steckdose hatte,
der Laptop, ein 286er ohne Akku, brauchte so was, und auf den
Bänken klebten wir die Bögen zusammen, bevor wie sie
zur Druckerei brachten.
Dieselbe
Druckerei wie die Badische Zeitung, wir waren ganz stolz darauf,
und sie druckten es im Voraus, es war abgemacht, dass wir nach
dem Verkauf der ersten 3000 Exemplare die Druckkosten bezahlen
würden.
Es dauerte lange, bevor die Zeitung ein Büro hatte, das erste
war in der Wallstraße, und ein paar Mal half auch die Freiburger
Internet-Firma Equinoxe aus, in deren Räumen das Layout gemacht
wurde.
Aber auch hier kam der Schlepptop zum Einsatz, denn alles musste
vom Word-Doc ins RTF-Format umgewandelt werden.
Nie werde ich vergessen, sagt H. M. Schemske nachdenklich, wie
Uwe in der Fachhochschule vor dem Computer saß und seinen
Bart raufte. Dass ich mal so was mache, hätte ich nicht gedacht,
und tippte im Einfinger-Suchverfahren seine Glosse.
Uwe hat durch die Zeitung Selbstvertrauen gewonnen und eine Zeitlang
seine Alkoholprobleme überwunden.
Erst durch echten Stress, ausgerechnet durch den FREIeBÜRGER
ausgelöst, und die großen inneren Schwierigkeiten,
durch die Spielsucht eines Redakteurs, kam Uwe zurück zum
Schnapsen, und er starb an Magendurchbruch auf der Platte vor
dem Crash.
Was macht deine Tochter, frage ich den Autor, der auch Sachbücher über
ätherische Öle schreibt. Sie ist, seit sie zwölf
ist, Literaturkritikerin, publiziert in der ihrer (von Papa gebastelten)
Homepage und geht auf ein Gymnasium in der Nähe von
Stuttgart.
Warum nennst du dich eigentlich mit Initialen, und schreibst deine
Vornamen nicht aus, frage ich neugierig.
Das war so, mein erstes Buch schrieb ich, als meine Tochter noch
klein war.
Immer morgens von vier Uhr an, bis um Sieben das Kindlein krähte.
I
ch war Vollhausmann und es war mir stinklangweilig.
Weil die ätherischen Öle eigentlich ein Frauenthema
sind, meine ersten Vorträge hielt ich im Frauenhaus bei der
Kinderbetreuung, wollte ich nicht als Mann erkennbar sein,
um den Verkauf nicht zu hemmen.
Später hielt ich Vorträge über das Thema, in ganz
Deutschland, stets waren Frauen interessiert, sie waren ganz überrascht,
dass ein Mann den Vortrag hielt.
Mit den Vorträgen kam ich übrigens bis nach China, nach
Hong Kong, und nach Taiwan.
Also zumindest die Beschreibung der Orte ist ganz wahr, versichert
H. M Schemske mit einem Zwinkern.
Und mit der Esoterik, wie ist es damit, frage ich
nach. Das hat mich neulich meine Tochter auch gefragt, lacht der
Autor.
Britney Spears, Kylie Minouge, diese ganzen Berühmtheiten,
sie sind alle mal auf diesem Trip, mal auf jenem, das geht vom
Joga bis zur Kabbala, kritisierte sie. Ich meinte, die Überlieferung
ist wahr, sagt William Blake. Das hat sie überzeugt.
Ich dankte dem Autor für das Interview und
schenkte ihm noch einen Kaffee ein.
Das Interview wurde von Claus Rohde geführt |