In der Wartburg traf ich im gleichen Jahr auch
den Uli, unseren heutigen
Chefredaktör, der gerade aus Krefeld kam. Wir wurden
ziemlich schnell gute Freunde und mit ihm bin ich dann im
Frühjahr‘84 das erste Mal richtig „auf Straße“
gegangen. Die ersten Jahre nach Frankreich, später auch
nach Italien.
1989 lernte ich dann die Liebe meines Lebens
kennen, wurde sesshaft und führte 8 Jahre lang so was
wie ein „normales“ Leben. Mitte Mai`98 war ich
dann wieder solo, 2 Wochen vor dem Erscheinen derersten Ausgabe
des FREIeBÜRGERS
.Als mir Uwe, ein alter Freund und Mitbegründer
unserer Straßenzeitung,das erste Mal von diesem Projekt
erzählte, war ich sofor t begeistert. Damals herrschte
bei uns ja noch das „Bettelverbot“, wodurch den
Menschen von der Straße das Leben erheblich erschwert
wurde. Jeder von ihnen befand sich oftmals in einer Situation,
in der er hilflos den Ordnungshütern ausgeliefert war.
Wenn man Glück hatte, wurde man nur verscheucht; wenn
man etwas weniger Glück hatte, wurde man mitgenommen
aufs nächste Polizeirevier, auf welchem einem dann sämtliche
erbettelte Gelder abgenommen wurden und wenn man ganz wenig
Glück hatte, wurde einem nicht nur das Geld abgenommen:
Nein, man bekam auch noch einen Bußgeldbescheid wegen
„verbotener Bettelei“ gratis dazu. Aufgrund dieser
stetigen Drangsalierung und Hilflosigkeit heraus ist dann
die Idee eine Straßenzeitung zu machen entstanden.
Ich hab immer noch einen Heidenrespekt davor,
wie die Leute es geschafft haben, ohne jegliche Erfahrung,
im völligen Chaos und mit wenig zur Verfügung stehenden
Hilfsmitteln, die ersten Ausgaben des FREIeBÜRGER hinzukriegen.
Und das auch noch regelmäßig!
Mit dem Entstehen und Verkauf dieser Straßenzeitung
hatten die Menschen von der Straße, endlich, nicht nur
Ruhe vor den Ordnungshütern, sie bekamen mit dieser Zeitung
auch erstmals ein eigenes Sprachrohr.
Bei mir selbst verging allerdings noch ein
weiterer Monat, bevor ich mich, nach 8 Jahren, wieder traute,
mich auf den öffentlichen „Präsentierteller“
zu begeben. Somit habe ich erst bei der 2.Ausgabe des FREIeBÜRGER
mit dem Verkauf angefangen, ab da aber regelmäßig.
Ungefähr ein Jahr später bekam ich
dann eine Kolamaßnahme 500 (so was wie ´ne ABM-Stelle
für Arme) beim FREIeBÜRGER bewilligt und seitdem
bin ich eigentlich mit dabei.
Nach der ersten schweren Krise im Frühjahr‘2000,
als der erste Vorstand des FREIeBÜRGER abgewählt
wurde und sämtliche Aufgaben neu verteilt werden mussten,
habe ich einen Teil des Verwaltungs-und Buchhaltungsbereichs
übernommen.
Des Weiteren bin ich dafür verantwortlich,
dass kleine krabbelnde Tierchen, die in menschlichen Behausungen
nichts zu suchen haben, unseren Büroräumen fern
bleiben und dass sich unangenehme Gerüche, die unsere
Besucher belästigen könnten, erst gar nicht verbreiten.
Ja, und seit ca. 2 Jahren schreib ich ab und
zu auch mal was.
Mir persönlich ist der FREIeBÜRGER
sehr wichtig, vor allem wenn ich sehe, wie viel Menschen sich,
unabhängig von irgendwelchen Ämtern, ihren Lebensunterhalt
durch den Verkauf unserer Zeitung sichern können. Und
genauso wichtig ist, dass viele so genannte „Normalbürger“
durch das regelmäßige Lesen unserer Zeitung damit
angefangen haben, über die Situation von Menschen, die
auf der Straße leben, nachzudenken.
Für die Zukunft des FREIeBÜRGER wünsche
ich mir, dass natürlich immer mehr Leute unsere Zeitung
lesen, aber noch mehr wünsche ich mir, dass wir unsere
Träume nicht verlieren und dass wir niemals die Entstehungsgeschichte
unserer Zeitung vergessen. Dass wir immer eine Zeitung bleiben,
die Sprachrohr ist, für die Obdachlosen und andere soziale
Randgruppen unserer Gesellschaft. Und dass man endlich damit
aufhören möge, uns als„Obdachlosenzeitung“
zu bezeichnen:
Wir sind eine „Straßenzeitung“,
die jeder Mensch, der sich in einer finanziell schwachen Situation
befindet, verkaufen kann.
Micha
(Vorgestellt in der Ausgabe März 2005)