„Ein Kubikzentimeter vertreibt
zehn Miesepeter!“
In Aldous Huxleys Utopie „Schöne neue Welt“
dient dieses Sprichwort den Menschen als Aufforderung, die
Substanz Soma einzunehmen. Damit sie so funktionieren, wie
die Gesellschaft es von ihnen verlangt. Mit Soma verfügt
die Gesellschaft über das ultimative Mittel, die Menschen
immerzu glücklich und zufrieden auf der einen, fleißig
und leistungsfähig auf der anderen Seite zu halten.
Jedes kleine Rädchen im großen Getriebe läuft
somit jederzeit rund. Unmöglich, dass die Maschine ins
Stocken gerät, nur weil dieses Rädchen aufgrund
persönlicher Probleme unkonzentriert oder jenes Rädchen
vor Müdigkeit zu langsam ist. Ganz gleich, wo der Schuh
drückt, Soma wird es, Soma muss es richten. Denn mittels
Soma etwaige Unzulänglichkeiten auszubügeln, ist
nicht weniger als eine Bürgerpflicht in der „Schönen
neuen Welt“.
Was der britische Schriftsteller vor fast hundert Jahren
mit seiner Negativ-Utopie im Sinn hatte, war, zu zeigen, dass
die absolute Diktatur nicht diejenige ist, die den Menschen
rund um die Uhr überwacht. Sondern die, welche eine solche
Überwachung überflüssig macht, weil sie die
Gefühle und Gedanken des Menschen kontrolliert, indem
sie ihn selbst dazu bringt, jegliches nicht konforme Gefühl
im Keim zu ersticken.
Soma ist lediglich ein Teil dieses fiktiven Kontrollapparats.
Doch im Gegensatz zu im Reagenzglas gezüchteten Kastenmenschen
und anderem, womit „Schöne neue Welt“ aufwartet,
weist es eine beunruhigende Nähe zur Gesellschaftsrealität
unserer Tage auf.
Nobody is perfect! Das weiß eigentlich jeder. Und doch
wird in einer Leistungsgesellschaft wie der unseren zunehmend
Druck auf die Menschen ausgeübt, eben doch perfekt zu
funktionieren.
Dieser Leistungsdruck hat mehrere Gesichter, er wirkt sowohl
direkt als auch indirekt.
Der direkte Leistungsdruck ist nicht schwer auszumachen;
nicht zuletzt, da die Medien häufig genug über seine
Ursachen berichten. Auf den Punkt gebracht, liegen diese darin,
dass die allgemeinen Leistungsanforderungen in den letzten
Jahren rapide gewachsen sind – sei es in der Arbeitswelt,
an den Schulen oder an den Unis.
Beispiel Arbeitswelt: Der Report des ver.di-Projektes „Faire
Arbeit“, der die betrieblichen Ursachen von Leistungsdruck
einzugrenzen versucht, benennt als zentralen Faktor die Radikalisierung
des Marktes. Sprich, den wirtschaftlichen Trend zu immer mehr
Gewinnmaximierung, der sehr häufig Personalabbau nach
sich zieht. Die Folge ist ein massiver Anstieg der Arbeitsbelastung
für das verbliebene Personal.
In Zusammenhang mit der quantitativen Verschlechterung der
Arbeitsbedingungen stehen die qualitativen. So steigt die
(Erfolgs-) Kontrolle durch Vorgesetzte, infolge der Einrichtung
von so genannten Rang- bzw. Rennlisten innerhalb des Teams
(wer die besten Leistungen erbringt) verschlechtert sich das
Betriebsklima und zu guter Letzt – durch alle übrigen
Faktoren bedingt – wächst die Furcht vor dem Arbeitsplatzverlust.
Dieser Druck bleibt natürlich nicht folgenlos. Durch
die Arbeitssituation mitbedingte psychische Erkrankungen sind
eine Konsequenz. Beispielsweise verzeichnet die DAK, dass
sich die Anzahl durch psychische Störungen verursachter
Krankschreibungen zwischen 1990 und 2008 verdreifacht hat.
Gleichwohl ist dies, so verheerend es sich auf das Leben
des Einzelnen auch auswirken mag, gewissermaßen die
natürliche Reaktion auf massiven Leistungsdruck. In der
gleichen Situation sehen sehr viele andere Beschäftigte
zu, es bloß nicht zur Krankschreibung, also Arbeitsunfähigkeit,
kommen zu lassen. Die reelle Sorge, den Arbeitsplatz zu verlieren,
lässt sie stattdessen zu Mitteln greifen, den erhöhten
Leistungsdruck abzufedern. Die „Wunder“ der Pharma-Industrie
machen es möglich, für jeden Problembereich gibt
es die Lösung in Form von Tabletten, Hartkapseln oder
Pillen.
Aufputschmittel, um auch nach zehn Stunden Arbeitsstress
fit und leistungsfähig zu sein. Beruhigungsmittel, um
nach Feierabend wieder runterzukommen. Antidepressiva und
andere stimmungsaufhellende Mittel, um sich bei miesem Betriebsklima
„in Watte zu packen“.
Laut ver.di ist die Akzeptanz für pharmazeutische „Schützenhilfe“
in der Beschäftigtenwelt im Übrigen recht hoch:
20 Prozent der (noch) gesunden Beschäftigten sollen damit
kein Problem haben.
Die Zahlen belegen das. Im Jahr 2008 wurden 53 Millionen
Tagesdosen an Antidepressiva, Amphetaminen und anderen Psychopharmaka
verschrieben; zehn Jahre zuvor waren es gerade einmal gute
7 Millionen.
Ein Mittel, das in Zusammenhang mit Leistungsdruck in den
letzten Jahren verstärkt im Fokus der Aufmerksamkeit
ist, ist das Amphetaminderivat Methylphenidat, besser bekannt
unter seinem Handelsnamen Ritalin. Eigentlich ein Medikament,
das zur Behandlung von Kindern zugelassen ist, die unter dem
Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) leiden.
Die offizielle Umsatzsteigerung des Pharma-Riesen Novartis
durch Ritalin bezifferte sich allein zwischen 2007 und 2008
auf satte 218 Prozent. Es müssen in diesem Zeitraum wohl
sehr viele Kinder entweder neu an ADS erkrankt oder endlich
behandelt worden sein, angesichts dieser Zahlen. Oder wurde
die Diagnose ADS gar über Gebühr häufig gestellt
und der zappelige Nachwuchs mit Pillen traktiert?
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…
Denn Ritalin, das offiziell nur auf Betäubungsmittelrezept
erhältlich ist, erfreut sich zunehmender Beliebtheit
auch bei so manchen Eltern. Kurzum: Bei all denen, die trotz
Stress und Leistungsdruck auf Dauer geistig fit sein wollen
bzw. müssen. Studierende, die wegen Einführung von
Studiengebühren und Umstellung auf die arbeitsintensiveren
Master- und Bachelorstudiengänge verstärkt unter
Druck stehen, sind genauso betroffen wie Ärzte, die sich
auch nach langer, nervenaufreibender Schicht keine Fehler
erlauben dürfen oder Journalisten, die innerhalb kurzer
Zeit hochwertige Artikel produzieren sollen.
Nicht nur, dass es wachmacht – das schafft auch Koffein
– es steigert die geistige Leistungsfähigkeit im
Grundsätzlichen ganz enorm. Konzentration und Auffassungsvermögen
werden gepusht, sodass ein 12- bis 14-Stundentag über
Wochen kein Problem mehr darstellt.
Der Erfahrungsbericht eines Studenten, in voller
Länge zu finden auf Zeit Online, liest sich in Auszügen
so:
„Ich nehme also eine Pille. (…) Die Dinge entwickeln
eine seltsame Singularität: Ich sitze auf meinem Sofa
und lese. Nach einer Weile merke ich, dass der Fernseher läuft
– ich hatte ihn gar nicht gehört. Ich vergesse
nicht, was um mich herum geschieht, es interessiert mich nur
nicht mehr. Ich sehe die Dinge einzeln, eines nach dem anderen.
Andere Drogen bewirken einen Rausch, Ritalin macht sehr nüchtern.
(…)“
Ritalin ist demnach trotz seiner Ähnlichkeit zu Kokain
– beide wirken durch die Wiederaufnahmehemmung des Hirnbotenstoffs
Dopamin stark aktivierend auf den Körper – keine
Rauschdroge. Wer Ritalin oder Vigil (ein Medikament, das gegen
chronischen Schlafzwang verordnet wird) einnimmt, muss nicht
befürchten, er oder sie könne auffallen –
allenfalls positiv, durch bessere Leistungen.
Was also soll man davon halten, wenn Menschen sich dopen,
damit sie dem Leistungsdruck nicht nur standzuhalten, sondern
überdies noch Höchstleistungen erbringen?
Was als rhetorische Frage anmutet, auf die man ein ganz
klares „Gar nichts!“ als Antwort erwartet, wird
stattdessen zunehmend kontrovers diskutiert.
Kritikern wie Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer,
der wegen gravierender Nebenwirkungen davor warnt, psychoaktive
Arzneimittel bei Gesunden anzuwenden, stehen hierzulande immer
mehr Forscher gegenüber, die für einen liberaleren
Umgang mit leistungssteigernden Substanzen plädieren.
Solange gesundheitliche Schäden ausgeschlossen seien,
spreche grundsätzlich nichts dagegen.
Dabei geht es Richter zufolge nicht bloß um gesundheitliche
Folgen für den Betroffenen. „Die Wirkung der Amphetaminderivate
kann auch dazu führen, dass Menschen schneller und bedenkenloser
entscheiden.“ Es gehört nicht viel Phantasie dazu,
sich auszumalen, wohin das etwa bei einem Arzt führen
kann, der stundenlang im OP steht.
Doch beginnt man sich inzwischen auch an höchster Stelle
für die möglichen Vorzüge zu interessieren.
So hat das Bundesforschungsministerium einem interdisziplinären
Forschungsprojekt der Uni Münster den Auftrag erteilt,
der Sache auf den Grund gehen, welche Vor- und Nachteile „Hirn-Doping“
mit sich bringt.
Das Liebäugeln mit geistiger Fitnesssteigerung ist
ein Trend, der – wie so vieles andere – in den
USA seinen Ursprung hat, wo Ritalin & Co. schon länger
jenseits der eigentlichen Anwendungsgebiete in Gebrauch sind.
Für sehr viele US-Akademiker ist „Neuro-Enhancement“
– frei übersetzt „Hirnverbesserung“
– nicht weniger als der nächste konsequente Schritt
im menschlichen Bestreben nach Verbesserung. So sieht es beispielsweise
Philip Campbell, Chefredakteur des renommierten Wissenschaftsmagazins
„Nature“ (übrigens ein „geläuterter“
Kritiker des „Neuro-Enhancement“). Genauso wie
Herzschrittmacher, künstliche Hüftgelenke oder die
banale Brille Entwicklungen darstellen, welche die menschliche
„Hardware“ verbessern halfen, sollen „Neuro-Enhancer“
die menschliche „Software“ tunen.
Was hinter den wohlklingenden Absichtserklärungen steht,
dem Menschen durch Verbesserung letztlich Gutes zu tun, sind
natürlich handfeste finanzielle Interessen der Pharma-Industrie.
Derzeit scheffelt diese ihre beträchtlichen Gewinne durch
Medikamente für Kranke. Was, wenn erst der Markt für
Gesunde richtig erschlossen ist?
Die sozialen Folgen finden wie so oft wenig Beachtung, lassen
sich zum Teil aber aufgrund der heutigen Situation erschließen.
Würden die Arbeitnehmer, der akademische Nachwuchs, wer
auch immer – würden all diese Menschen wegen des
stetig wachsenden Leistungsdrucks ab einem kritischen Punkt
der Reihe nach umkippen, stünde das Fortleben der Volkswirtschaft
auf dem Spiel. Zwangsläufig müsste man einige Gänge
herunterschalten, demzufolge wirtschaftliche Einbußen
in Kauf nehmen.
Da dies, so die erwartbare Rechtfertigung seitens der Wirtschaft,
der internationalen Wettbewerbsfähigkeit schade, ist
es leider nur zu wahrscheinlich, dass Neuro-Enhancement in
den nächsten Jahren immer mehr Fuß fassen wird.
Je mehr Menschen ihre Fitness künstlich anheben und
mit den derzeitigen Leistungsanforderungen dank Ritalin &
Co. plötzlich keine großen Probleme mehr haben,
umso wahrscheinlicher ist es, dass das Leistungsniveau dem
ganz flugs angepasst, sprich, noch weiter erhöht wird.
Die Folge ist ein Teufelskreis aus immer höheren Anforderungen,
die mit immer mehr Pharmazeutika aufgefangen werden sollen.
„Ungetunt“ kommt dann kaum einer mehr durchs Leben.
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Durch Leistung
allein, dies wird den Menschen, überspitzt ausgedrückt,
mit der Muttermilch eingeflößt, kann man all die
schönen Dinge im Leben erreichen. Es ist die alte Mär
vom Tellerwäscher zum Millionär. Diese fragwürdige
Ideologie durchdringt dieser Tage das gesamte gesellschaftliche
Leben. Ein wesentlicher Faktor, der sie am Leben hält,
sind die Medien. Tagein, tagaus flimmern Bilder schöner
und erfolgreicher und ewig gutgelaunter Menschen über
den Äther. Man kann innerhalb einiger Wochen mitverfolgen,
wie ein durchschnittliches Mädel von nebenan von Madame
Klum auf die Titelseite des „Cosmopolitan“ gepeitscht
wird.
Die Botschaft: Du musst nur immer gut drauf und immer leistungsbereit
sein, dann kannst du das auch. Hierin liegt der indirekte
Leistungsdruck begründet. Einfach mal der Müdigkeit,
der schlechten Laune nachgeben und sich für ein paar
Tage einigeln – das geht ja gar nicht.
Zu groß ist die diffuse Furcht, man könne bald
nicht mehr dazugehören zu den Erfolgreichen und Glücklichen
dieser Gesellschaft, man könne als Loser gelten. Und
am Ende mit traurigem Gesicht als Hartz IV-Empfänger
in einer Talkshow sitzen, um sich gönnerhafte Ratschläge
von Deutschlands Übermutti Ursula von der Leyen anzuhören.
Nein, lieber eine Pille, und beruflich wie privat ist alles
wieder im Lot.
„Ein Tablettelein und dein Leben wird erfolgreich
sein…“
Was muss geschehen, damit Huxleys Utopie nicht in Teilen
Wirklichkeit wird?
Wie so oft ist es leicht, sich über ein Problem auszulassen.
Eine Lösung zu finden dagegen schwer.
Vielleicht hilft es, sich vor Augen zu führen, was
viele Menschen berichten, die trotz diverser Hilfsmittel unter
dem Leistungsdruck zusammenbrachen und einen Burnout erlitten.
Danach war das Leben auf der Erfolgsspur vorüber, alles
wurde kleiner, gewöhnlicher. Aber es fühlte sich
echter an.
PETER
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