Die Strassenzeitung aus Freiburg

Artikel und Beiträge aus einem anderen Blickwinkel

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 


Leistung, Leistung, über alles…

Leistung. Angefangen mit der Schulzeit, fortgesetzt in der Ausbildung und richtig verinnerlicht im Berufsleben – unsere Gesellschaft lebt mit der Verheißung, dass der Weg zu Glück, Geld und Selbstverwirklichung über Leistung führt.

Doch frisst die Leistungsgesellschaft ihre Kinder. Durch immer schärfere Bedingungen in der Arbeitswelt erhöht sich der Leistungsdruck.

Eine Folge: Immer mehr Menschen greifen zu Medikamenten, um weiter funktionieren zu können.

Ein Trend, der mancherorts gar als logische Entwicklung legitimiert wird.

 

©BG-Foto: cc-by-sa Daniel Morris/Flickr, Foto-Montage: Carina

„Ein Kubikzentimeter vertreibt zehn Miesepeter!“

In Aldous Huxleys Utopie „Schöne neue Welt“ dient dieses Sprichwort den Menschen als Aufforderung, die Substanz Soma einzunehmen. Damit sie so funktionieren, wie die Gesellschaft es von ihnen verlangt. Mit Soma verfügt die Gesellschaft über das ultimative Mittel, die Menschen immerzu glücklich und zufrieden auf der einen, fleißig und leistungsfähig auf der anderen Seite zu halten.

Jedes kleine Rädchen im großen Getriebe läuft somit jederzeit rund. Unmöglich, dass die Maschine ins Stocken gerät, nur weil dieses Rädchen aufgrund persönlicher Probleme unkonzentriert oder jenes Rädchen vor Müdigkeit zu langsam ist. Ganz gleich, wo der Schuh drückt, Soma wird es, Soma muss es richten. Denn mittels Soma etwaige Unzulänglichkeiten auszubügeln, ist nicht weniger als eine Bürgerpflicht in der „Schönen neuen Welt“.

Was der britische Schriftsteller vor fast hundert Jahren mit seiner Negativ-Utopie im Sinn hatte, war, zu zeigen, dass die absolute Diktatur nicht diejenige ist, die den Menschen rund um die Uhr überwacht. Sondern die, welche eine solche Überwachung überflüssig macht, weil sie die Gefühle und Gedanken des Menschen kontrolliert, indem sie ihn selbst dazu bringt, jegliches nicht konforme Gefühl im Keim zu ersticken.

Soma ist lediglich ein Teil dieses fiktiven Kontrollapparats. Doch im Gegensatz zu im Reagenzglas gezüchteten Kastenmenschen und anderem, womit „Schöne neue Welt“ aufwartet, weist es eine beunruhigende Nähe zur Gesellschaftsrealität unserer Tage auf.

Nobody is perfect! Das weiß eigentlich jeder. Und doch wird in einer Leistungsgesellschaft wie der unseren zunehmend Druck auf die Menschen ausgeübt, eben doch perfekt zu funktionieren.

Dieser Leistungsdruck hat mehrere Gesichter, er wirkt sowohl direkt als auch indirekt.

Der direkte Leistungsdruck ist nicht schwer auszumachen; nicht zuletzt, da die Medien häufig genug über seine Ursachen berichten. Auf den Punkt gebracht, liegen diese darin, dass die allgemeinen Leistungsanforderungen in den letzten Jahren rapide gewachsen sind – sei es in der Arbeitswelt, an den Schulen oder an den Unis.

Beispiel Arbeitswelt: Der Report des ver.di-Projektes „Faire Arbeit“, der die betrieblichen Ursachen von Leistungsdruck einzugrenzen versucht, benennt als zentralen Faktor die Radikalisierung des Marktes. Sprich, den wirtschaftlichen Trend zu immer mehr Gewinnmaximierung, der sehr häufig Personalabbau nach sich zieht. Die Folge ist ein massiver Anstieg der Arbeitsbelastung für das verbliebene Personal.

In Zusammenhang mit der quantitativen Verschlechterung der Arbeitsbedingungen stehen die qualitativen. So steigt die (Erfolgs-) Kontrolle durch Vorgesetzte, infolge der Einrichtung von so genannten Rang- bzw. Rennlisten innerhalb des Teams (wer die besten Leistungen erbringt) verschlechtert sich das Betriebsklima und zu guter Letzt – durch alle übrigen Faktoren bedingt – wächst die Furcht vor dem Arbeitsplatzverlust.

Dieser Druck bleibt natürlich nicht folgenlos. Durch die Arbeitssituation mitbedingte psychische Erkrankungen sind eine Konsequenz. Beispielsweise verzeichnet die DAK, dass sich die Anzahl durch psychische Störungen verursachter Krankschreibungen zwischen 1990 und 2008 verdreifacht hat.

Gleichwohl ist dies, so verheerend es sich auf das Leben des Einzelnen auch auswirken mag, gewissermaßen die natürliche Reaktion auf massiven Leistungsdruck. In der gleichen Situation sehen sehr viele andere Beschäftigte zu, es bloß nicht zur Krankschreibung, also Arbeitsunfähigkeit, kommen zu lassen. Die reelle Sorge, den Arbeitsplatz zu verlieren, lässt sie stattdessen zu Mitteln greifen, den erhöhten Leistungsdruck abzufedern. Die „Wunder“ der Pharma-Industrie machen es möglich, für jeden Problembereich gibt es die Lösung in Form von Tabletten, Hartkapseln oder Pillen.

Aufputschmittel, um auch nach zehn Stunden Arbeitsstress fit und leistungsfähig zu sein. Beruhigungsmittel, um nach Feierabend wieder runterzukommen. Antidepressiva und andere stimmungsaufhellende Mittel, um sich bei miesem Betriebsklima „in Watte zu packen“.

Laut ver.di ist die Akzeptanz für pharmazeutische „Schützenhilfe“ in der Beschäftigtenwelt im Übrigen recht hoch: 20 Prozent der (noch) gesunden Beschäftigten sollen damit kein Problem haben.

Die Zahlen belegen das. Im Jahr 2008 wurden 53 Millionen Tagesdosen an Antidepressiva, Amphetaminen und anderen Psychopharmaka verschrieben; zehn Jahre zuvor waren es gerade einmal gute 7 Millionen.

Ein Mittel, das in Zusammenhang mit Leistungsdruck in den letzten Jahren verstärkt im Fokus der Aufmerksamkeit ist, ist das Amphetaminderivat Methylphenidat, besser bekannt unter seinem Handelsnamen Ritalin. Eigentlich ein Medikament, das zur Behandlung von Kindern zugelassen ist, die unter dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) leiden.

Die offizielle Umsatzsteigerung des Pharma-Riesen Novartis durch Ritalin bezifferte sich allein zwischen 2007 und 2008 auf satte 218 Prozent. Es müssen in diesem Zeitraum wohl sehr viele Kinder entweder neu an ADS erkrankt oder endlich behandelt worden sein, angesichts dieser Zahlen. Oder wurde die Diagnose ADS gar über Gebühr häufig gestellt und der zappelige Nachwuchs mit Pillen traktiert?

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

Denn Ritalin, das offiziell nur auf Betäubungsmittelrezept erhältlich ist, erfreut sich zunehmender Beliebtheit auch bei so manchen Eltern. Kurzum: Bei all denen, die trotz Stress und Leistungsdruck auf Dauer geistig fit sein wollen bzw. müssen. Studierende, die wegen Einführung von Studiengebühren und Umstellung auf die arbeitsintensiveren Master- und Bachelorstudiengänge verstärkt unter Druck stehen, sind genauso betroffen wie Ärzte, die sich auch nach langer, nervenaufreibender Schicht keine Fehler erlauben dürfen oder Journalisten, die innerhalb kurzer Zeit hochwertige Artikel produzieren sollen.

Nicht nur, dass es wachmacht – das schafft auch Koffein – es steigert die geistige Leistungsfähigkeit im Grundsätzlichen ganz enorm. Konzentration und Auffassungsvermögen werden gepusht, sodass ein 12- bis 14-Stundentag über Wochen kein Problem mehr darstellt.

Der Erfahrungsbericht eines Studenten, in voller Länge zu finden auf Zeit Online, liest sich in Auszügen so:

„Ich nehme also eine Pille. (…) Die Dinge entwickeln eine seltsame Singularität: Ich sitze auf meinem Sofa und lese. Nach einer Weile merke ich, dass der Fernseher läuft – ich hatte ihn gar nicht gehört. Ich vergesse nicht, was um mich herum geschieht, es interessiert mich nur nicht mehr. Ich sehe die Dinge einzeln, eines nach dem anderen. Andere Drogen bewirken einen Rausch, Ritalin macht sehr nüchtern. (…)“

Ritalin ist demnach trotz seiner Ähnlichkeit zu Kokain – beide wirken durch die Wiederaufnahmehemmung des Hirnbotenstoffs Dopamin stark aktivierend auf den Körper – keine Rauschdroge. Wer Ritalin oder Vigil (ein Medikament, das gegen chronischen Schlafzwang verordnet wird) einnimmt, muss nicht befürchten, er oder sie könne auffallen – allenfalls positiv, durch bessere Leistungen.

Was also soll man davon halten, wenn Menschen sich dopen, damit sie dem Leistungsdruck nicht nur standzuhalten, sondern überdies noch Höchstleistungen erbringen?

Was als rhetorische Frage anmutet, auf die man ein ganz klares „Gar nichts!“ als Antwort erwartet, wird stattdessen zunehmend kontrovers diskutiert.

Kritikern wie Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, der wegen gravierender Nebenwirkungen davor warnt, psychoaktive Arzneimittel bei Gesunden anzuwenden, stehen hierzulande immer mehr Forscher gegenüber, die für einen liberaleren Umgang mit leistungssteigernden Substanzen plädieren. Solange gesundheitliche Schäden ausgeschlossen seien, spreche grundsätzlich nichts dagegen.

Dabei geht es Richter zufolge nicht bloß um gesundheitliche Folgen für den Betroffenen. „Die Wirkung der Amphetaminderivate kann auch dazu führen, dass Menschen schneller und bedenkenloser entscheiden.“ Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich auszumalen, wohin das etwa bei einem Arzt führen kann, der stundenlang im OP steht.

Doch beginnt man sich inzwischen auch an höchster Stelle für die möglichen Vorzüge zu interessieren. So hat das Bundesforschungsministerium einem interdisziplinären Forschungsprojekt der Uni Münster den Auftrag erteilt, der Sache auf den Grund gehen, welche Vor- und Nachteile „Hirn-Doping“ mit sich bringt.

Das Liebäugeln mit geistiger Fitnesssteigerung ist ein Trend, der – wie so vieles andere – in den USA seinen Ursprung hat, wo Ritalin & Co. schon länger jenseits der eigentlichen Anwendungsgebiete in Gebrauch sind.

Für sehr viele US-Akademiker ist „Neuro-Enhancement“ – frei übersetzt „Hirnverbesserung“ – nicht weniger als der nächste konsequente Schritt im menschlichen Bestreben nach Verbesserung. So sieht es beispielsweise Philip Campbell, Chefredakteur des renommierten Wissenschaftsmagazins „Nature“ (übrigens ein „geläuterter“ Kritiker des „Neuro-Enhancement“). Genauso wie Herzschrittmacher, künstliche Hüftgelenke oder die banale Brille Entwicklungen darstellen, welche die menschliche „Hardware“ verbessern halfen, sollen „Neuro-Enhancer“ die menschliche „Software“ tunen.

Was hinter den wohlklingenden Absichtserklärungen steht, dem Menschen durch Verbesserung letztlich Gutes zu tun, sind natürlich handfeste finanzielle Interessen der Pharma-Industrie. Derzeit scheffelt diese ihre beträchtlichen Gewinne durch Medikamente für Kranke. Was, wenn erst der Markt für Gesunde richtig erschlossen ist?

Die sozialen Folgen finden wie so oft wenig Beachtung, lassen sich zum Teil aber aufgrund der heutigen Situation erschließen. Würden die Arbeitnehmer, der akademische Nachwuchs, wer auch immer – würden all diese Menschen wegen des stetig wachsenden Leistungsdrucks ab einem kritischen Punkt der Reihe nach umkippen, stünde das Fortleben der Volkswirtschaft auf dem Spiel. Zwangsläufig müsste man einige Gänge herunterschalten, demzufolge wirtschaftliche Einbußen in Kauf nehmen.

Da dies, so die erwartbare Rechtfertigung seitens der Wirtschaft, der internationalen Wettbewerbsfähigkeit schade, ist es leider nur zu wahrscheinlich, dass Neuro-Enhancement in den nächsten Jahren immer mehr Fuß fassen wird.

Je mehr Menschen ihre Fitness künstlich anheben und mit den derzeitigen Leistungsanforderungen dank Ritalin & Co. plötzlich keine großen Probleme mehr haben, umso wahrscheinlicher ist es, dass das Leistungsniveau dem ganz flugs angepasst, sprich, noch weiter erhöht wird. Die Folge ist ein Teufelskreis aus immer höheren Anforderungen, die mit immer mehr Pharmazeutika aufgefangen werden sollen. „Ungetunt“ kommt dann kaum einer mehr durchs Leben.

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Durch Leistung allein, dies wird den Menschen, überspitzt ausgedrückt, mit der Muttermilch eingeflößt, kann man all die schönen Dinge im Leben erreichen. Es ist die alte Mär vom Tellerwäscher zum Millionär. Diese fragwürdige Ideologie durchdringt dieser Tage das gesamte gesellschaftliche Leben. Ein wesentlicher Faktor, der sie am Leben hält, sind die Medien. Tagein, tagaus flimmern Bilder schöner und erfolgreicher und ewig gutgelaunter Menschen über den Äther. Man kann innerhalb einiger Wochen mitverfolgen, wie ein durchschnittliches Mädel von nebenan von Madame Klum auf die Titelseite des „Cosmopolitan“ gepeitscht wird.

Die Botschaft: Du musst nur immer gut drauf und immer leistungsbereit sein, dann kannst du das auch. Hierin liegt der indirekte Leistungsdruck begründet. Einfach mal der Müdigkeit, der schlechten Laune nachgeben und sich für ein paar Tage einigeln – das geht ja gar nicht.

Zu groß ist die diffuse Furcht, man könne bald nicht mehr dazugehören zu den Erfolgreichen und Glücklichen dieser Gesellschaft, man könne als Loser gelten. Und am Ende mit traurigem Gesicht als Hartz IV-Empfänger in einer Talkshow sitzen, um sich gönnerhafte Ratschläge von Deutschlands Übermutti Ursula von der Leyen anzuhören.
Nein, lieber eine Pille, und beruflich wie privat ist alles wieder im Lot.

„Ein Tablettelein und dein Leben wird erfolgreich sein…“

Was muss geschehen, damit Huxleys Utopie nicht in Teilen Wirklichkeit wird?

Wie so oft ist es leicht, sich über ein Problem auszulassen. Eine Lösung zu finden dagegen schwer.

Vielleicht hilft es, sich vor Augen zu führen, was viele Menschen berichten, die trotz diverser Hilfsmittel unter dem Leistungsdruck zusammenbrachen und einen Burnout erlitten. Danach war das Leben auf der Erfolgsspur vorüber, alles wurde kleiner, gewöhnlicher. Aber es fühlte sich echter an.

PETER

 

 

 

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