DIE WERKSTÄTTEN
Faremondi
-Sammelstelle für Rohstoffe
-Kleine Transporte bei Räumungen und Umzügen
-Recycling von Holz und Metall
-Sammelstelle für Möbel, Einrichtungsgegenstände,
Haushaltsartikel, Kleidung u. a.
-Tischler- und Restaurierungswerkstatt, Wiederherstellung,
Montage
-Reparatur und Restaurierung der Möbel aus der Sammelstelle
Das Fahrradzentrum
-Sammelstelle für alte Fahrräder
-Reparatur und individuelle Gestaltung von Fahrrädern
-Kurse zur Fahrradreparatur
-Verkauf von gebrauchten Fahrrädern
-Reparatur auch per Hausbesuch
Die Schneiderei
-Sammelstelle für gebrauchte Kleidung
-Kleidung und Decken für Obdach- und Wohnungslose
-Secondhand-Verkauf
-Stickerei und Stoffmalerei
-Ausbesserungsarbeiten an Kleidungsstücken
-Herstellung von Theaterkostümen
DAS THEATER
„La Fraternal Compagnia di Piazza Grande“ entstand
1999 aus einem Projekt der „Intercultura Sociale“
mit dem Ziel, Werkstätten zu schaffen, in denen von sozialer
Ausgrenzung betroffene Menschen eng mit Außenstehenden
zusammenarbeiten können. Dieses Projekt unterhielt am
Anfang eine Theaterwerkstatt und ein journalistisches Laboratorium.
Aus der Theaterwerkstatt entstand später die Schauspieltruppe
„La Fraternal Compagnia“, die innerhalb von vier
Jahren vier Theaterstücke aufgeführt hat, außerdem
entstanden bisher zwei Videos. Bei beiden Videos handelt es
sich um Dokumentationen, die sich mit den Werkstätten
befassen.
Bis heute hat die Schauspieltruppe vier Theaterkurse abgehalten
und sich darüber hinaus in der „Commedia dell´Arte“
spezialisiert. In diesem Bereich wurden auch Intensivkurse
angeboten.
Des Weiteren gibt es das Netzwerkprojekt „Oltre la Strada“
(Jenseits der Straße), dass mehrere unterschiedliche
Kooperativen und Verbände mit einbezieht und zum Ziel
hat, ein alternatives Modell der Integration zu bilden. Hierbei
handelt es sich nicht um eine Arbeit mit Selbstzweck, sondern
um ein Projekt, das versucht, bei allen seinen Mitarbeitern
deren eigene Fähigkeiten und Antriebe hervorzubringen.
Das gleiche gilt für das Projekt „Prova e Riprova“
(Probe und Gegenprobe), einer Werkstatt für Handwerk,
in der Menschen, die sich in sozial prekären Situationen
befinden, arbeiten und sich mit der Herstellung von Masken
aus Leder und Pappmachee beschäftigen, welche dann bei
Theateraufführungen benutzt werden.
DIE INITIATIVEN
Mobiler Service der Unterstützung
Freiwillige Helfer, von denen viele selbst Erfahrung mit dem
Leben auf der Straße gemacht haben, fahren abends durch
die Stadt, um Menschen zu treffen, die auf der Straße
schlafen. Diese Helfer versorgen die Obdachlosen nicht nur
mit wichtigen Informationen und Hilfsangeboten, sondern auch
mit Essen, Kleidung und warmen Getränken.
Die wandernde Redaktion - „La Redazione di
Strada“
„La Redazione di Strada“ bildet mittlerweile eine
feste Seite in der Straßenzeitung „Piazza Grande“.
Die Idee zu dieser Seite entstand aus dem Bedürfnis heraus,
wieder ein intensiveres Verhältnis zwischen den Redaktionsmitgliedern
und den Obdachlosen herzustellen, da in den letzten Jahren
die Beiträge der Obdachlosen zu der Arbeit der Redaktion
aus verschiedenen Gründen nachgelassen hatte.
Die Arbeit der „wandernden Redaktion“ sieht heute
konkret so aus, dass die Redaktionsmitglieder regelmäßig
an mehreren Tagen in der Woche direkt in die Notunterkünfte
gehen, um die Betroffenen zu einer eventuellen Mitarbeit anzuregen
oder um einfach nur verschiedene Beiträge wie Poesie,
Briefe oder Erzählungen der Wohnungslosen zusammenzutragen.
Diese Beiträge erscheinen dann unter der festen Rubrik
„dal basso verso l`alto“ (von unten nach oben).
Ab und zu geht die „Redazione di Strada“ auch
mit einem Info-Stand an die Öffentlichkeit.
Und nun zum Schluss das, zumindest für mich, eindrucksvollste
Projekt des Verbandes:
Der Anwalt der Straße
Dieses Projekt wurde in Bologna Ende 2000 vom Verband „Amici
di P.G.“ ins Leben gerufen und hat sich zum Ziel gesetzt,
die Rechte von Obdachlosen zu schützen, welche tagtäglich
Schikanen und Übergriffen aller Art ausgesetzt sind,
ohne sich dagegen wehren zu können.
Das Projekt entstand aus der Notwendigkeit heraus qualifizierte
juristische Hilfe für die Menschen anzubieten, die sich
ihrer Grundrechte entzogen sahen. Schon eine ganze Zeit lang
hatten Sozialarbeiter und andere Leute, die im sozialen Bereich
arbeiteten, auf eine kontinuierliche Verschärfung der
Situation hingewiesen, die sich sowohl in einer Erstarrung
der Institutionen als auch bei den Menschen dieser so genannten
Randgruppen bemerkbar machte.
Das Projekt „Der Anwalt der Straße“ wurde
am Anfang von dem bolognesischen Verein „Nuovamente
- persone e progetti per la citta´“ (Ein Verein,
der verschiedene Projekte für die Stadt Bologna realisiert)
unterstützt, welcher mit den „Anwälten der
Straße“ über die Machbarkeit ihres Vorhabens
diskutierte, sie bei der öffentlichen Präsentation
tatkräftig unterstützte, ihnen bei der konkreten
Realisierung half und eigene Anwälte zur Verfügung
stellte.
Die Beratungsstelle des Projektes „Anwalt der Straße“,
die von dem Anwalt Antonio Mumolo geleitet wird, beschäftigt
überwiegend Anwälte und Absolventen der Universität,
die Menschen, die sich in prekären Situationen befinden,
unentgeltlich Beratung und juristische Hilfe anbieten. An
der Arbeit der Beratungsstelle beteiligen sich außerdem
nach dem Rotationsprinzip mehrere Anwälte des Amtsgerichtes
von Bologna. Diese Anwälte stellen ihre Zeit zur Verfügung
und vertreten gratis die Fälle von mehreren Obdachlosen
im Jahr.
Häufig kommen Menschen ohne feste Unterkunft aus ganz
Italien in der Beratungsstelle an, auf der Suche nach einer
Lösung ihrer juristischen Probleme. Deswegen ist es oft
nötig sich zur Lösung dieser juristischen Verfahren
an andere italienische Städte zu wenden. Aus diesem Grund
bedient sich die Beratungsstelle kompetenter Rechtsanwälte
des Gerichtes, wobei von Fall zu Fall auch die Hilfe anderer
Organisationen in Italien in Anspruch genommen wird. Auf diese
Weise üben die Anwälte der Straße ihre Arbeit
auf nationaler Ebene aus, obwohl der juristische Streitfall
auf bolognesischem Territorium verbleibt.
Bis heute haben die Anwälte der Straße 473 Fälle
aus allen juristischen Bereichen verhandelt. Die Anzahl der
Beratungen wurde bisher nicht festgehalten, es gab derer aber
sehr viele.
Einer der verhandelten Fälle war von ganz besonders großer
Wichtigkeit für die Ziele und Aufgaben des Projektes:
Die Gruppe der Anwälte führte einen Musterprozess
gegen die Stadt Bologna zur Annerkennung des Rechtes auf Wohnsitz.
Diese juristische Intervention wurde nötig, nachdem sich
die städtische Verwaltung geweigert hatte, einem Obdachlosen,
das ihm von der Verfassung garantierte Recht auf Wohnsitz,
zuzugestehen. Ein Problem, das bis dahin viele Obdachlose
in Italien betraf. Der Fall endete damit, dass das Gericht
den Anwälten der Straße Recht gab und die Stadt
Bologna zudem dazu verurteilte, die Prozesskosten dieses Verfahrens
zu tragen.
Dieses Urteil, bis zum damaligen Zeitpunkt einzigartig in
Italien, begründete einen fundamentalen neuen Rechtsanspruch:
In Folge dieses Urteils haben heute alle Obdachlosen in allen
italienischen Provinzen das Recht, eine Meldeadresse (nicht
nur Postadresse) in einem Nachtasyl, einem Schlafsaal oder
bei irgendeiner Organisation zu erhalten.
Das Ergebnis dieses Musterprozesses wird umso wichtiger, wenn
man bedenkt, dass in Italien eine eingetragene Meldeadresse
die unentbehrliche Voraussetzung dafür ist, um die nationale
Gesundheitsfürsorge in Anspruch nehmen zu können,
um das Wahlrecht auszuüben, um sich in die Listen des
Arbeitsamtes eintragen zu können, um eine Steuernummer
für die Umsatzsteuer zu bekommen, etc., um also ganz
allgemein Zugang zu den Leistungen des Sozialstaates zu erhalten.
Im März 2004 brachten das Projekt „Der Anwalt der
Straße“ und der Verein „Nuovamente...“
gemeinsam eine Informationsbroschüre heraus, die sich
an Menschen richtet, die in Bologna auf der Straße leben
oder die ohne Geld in der Stadt ankommen. Die Broschüre
ist natürlich kostenlos und wird am Bahnhof, in den Nachtasylen
und Schlafsälen und an anderen Plätzen, an denen
sich Obdachlose aufhalten, verteilt.
Ein weiteres Problem, das von den Anwälten der Straße
angegangen wurde, ist das der obdachlosen Menschen die minderjährige
Kinder haben. Diese Kinder werden zumeist auf den Rat von
Sozialarbeitern hin und aufgrund von Entscheidungen des Jugendgerichtes,
unerbittlich zur Adoption freigegeben.
Die Sozialarbeiter und das Jugendgericht vergessen dabei jedoch
sehr häufig, dass auch Menschen, die auf der Straße
leben und sich in schwierigen Situationen befinden (Alkoholismus,
Drogensucht oder ganz einfach Armut) normalerweise noch Familienangehörige
haben und es oft besser wäre, die Kinder übergangsweise
diesen Familienangehörigen anzuvertrauen. Auf diese Weise
würde den Eltern Zeit gegeben, um sich zu erholen, damit
sie danach wieder mit ihren Kindern zusammenleben können.
Dieser Weg ermöglicht den Eltern nicht nur, ihre Kinder
nicht für immer zu verlieren, er hat zudem auch noch
den Vorteil, dass die Eltern stärker dazu motiviert werden,
sich aus ihrer schwierigen Situation zu befreien.
In zwei Fällen legten die Anwälte der Straße
Einspruch gegen die Adoption von Kindern obdachloser Eltern
ein und in beiden Fällen gelang es ihnen, die betroffenen
Kinder bei Familienangehörigen der Eltern unterzubringen.
In einem Fall kamen die Kinder zu den Großeltern und
im anderen Fall zu der Schwester der Mutter.
Währenddessen gingen die Eltern in Entziehungskuren um
damit anzufangen ihre Suchtprobleme zu bekämpfen.
Für die weitere Zukunft hat sich das Projekt „Der
Anwalt der Straße“ folgende Ziele gesetzt: Den
Kampf gegen die soziale Ausgrenzung von Obdachlosen in alle
italienischen Städte zu tragen und Wege zu finden, die
Grundrechte dieser Menschen gegen Schikanen, gegen Amtsmissbrauch
und gegen die Kränkungen der Armut zu verteidigen. Es
gilt, ein Netz von Organisationen und Verbänden aufzubauen,
die zusammenarbeiten, um Amtsmissbräuche zu dokumentieren,
um sich auszutauschen, um Informationsmaterial zu sammeln
und um öffentliche Initiativen gegen die tagtägliche
Diskriminierung Obdachloser ins Leben zu rufen.
Das Projekt „Der Anwalt der Straße“ wird
von der Stiftung „Unidea“ der Bank UniCredit unterstützt
und wurde im Jahr 2001 von der „Fondazione Italiana
per il Volontariato“ (Italienische Stiftung für
ehrenamtliche Arbeit) mit dem Preis des besten italienischen
Projektes des Jahres ausgezeichnet.
Wohl zu Recht! Respekt vor dem Engagement dieser Anwälte!
Es ist schon beeindruckend, was da in Bologna von einem einzigen
Verein auf die Beine gestellt wurde. So etwas sollte Schule
machen.
Wir wünschen dem Verband auch für die Zukunft viel
Erfolg und dass er den sozial schwachen Menschen noch lange
zur Seite stehen möge. |