Die Strassenzeitung aus Freiburg


Guten Morgen! Heute ist Donnerstag, der 09. September 2010
   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 Besucher online

 

 


Italien mal etwas anders... II. Teil

 


In unserer Septemberausgabe hatten wir Ihnen ja die italienische Straßenzeitung „PiazzaGrande" aus Bologna vorgestellt, welche das erste Projekt des Verbandes „Amici di Piazza Grande” war. Dieser Verband wurde im April 1994 gegründet und seine Mitglieder sind zum größten Teil Obdachlose, Menschen ohne feste Unterkunft und andere sozial Benachteiligte, die sich in diesem Verband selbst organisieren und über ihre Ideen austauschen können.
In seinem nunmehr 11-jährigen Bestehen konnte sich der Verband finanziell soweit festigen, dass es ihm möglich war, im Laufe der letzten Jahre weitere Projekte und Initiativen entstehen zu lassen, die wir Ihnen dieses Mal vorstellen möchten

. Das Interview war in der letzten Ausgabe (Teil1)

 

 



Die Werkstätten

INITIATIVEN

Anwalt der Strasse

Initiativen

 

Der Verband „Amici di Piazza Grande“(Freunde von Piazza Grande)

Nur kurze Zeit nach seiner Gründung entstand bei den Mitgliedern des Verbandes „Amici di P.G.“ die Idee zusätzlich neben dem Projekt Straßenzeitung auch noch die Gründung einer eigenen Firma in Form von Werkstätten zu organisieren. Eine Firma aus „Selbstunternehmern“, deren Arbeit und Ziele in der Satzung des Verbandes festgehalten werden sollten.

Als dann im Jahre 1995 von der europäischen Kommission „Affari Generali“ (Allgemeine Angelegenheiten) die Initiative „Fare Mondi“ (Welten erschaffen) ins Leben gerufen wurde, nahm auch der Verband „Amici di Piazza Grande“ daran teil und stellte in diesem Rahmen seine Idee für das Projekt „Le Officine di Piazza Grande“ (Die Werkstätten von P.G.) vor, in der Hoffnung eine finanzielle Förderung für dieses Projekt zu erhalten.
Diese Hoffnung wurde erfüllt, denn ab Januar 1996 wurde der Verband mit seiner Idee von der europäischen Kommission in ihre Förderung aufgenommen.

Das Projekt „Le Offine di P.G.“ setzte und setzt sich auch heute noch zum Ziel die Teilnahme und Integration von Obdachlosen in den Arbeitsmarkt zu fördern, Arbeit von sozialem Nutzen mit ökologischen Aspekten zu verbinden und einen Ort zu schaffen, an dem sich aufgrund innovativer Aktionen eine umweltbewusste Kultur und ein soziales Unternehmen entwickeln kann, mit dem die Lebensqualität von sozial Schwachen verbessert werden soll.

Von Januar bis September 1996 konnten in diesem Projekt 23 Obdachlose mit vorübergehenden Arbeitsverträgen angestellt werden, weitere vier sogar auf Jahresbasis.

Das Zentrum von „Le Officine...“ befindet sich passenderweise in den so genannten „Werkstätten“, einst ungenutzter Lagerhallen aus dem Bestand der Provincia di Bologna, die früher auch schon dem ATC, dem öffentlichen Nahverkehr in Bologna, als Depot gedient haben.

Für den Verband „Amici di P.G.“ stellen die Werkstätten den Versuch dar, Ausbildung mit produktiver Arbeit zu verbinden. Dieses Projekt, das viele verschiedene Bereiche umfasst, ist ein Sprungbrett zur Entwicklung vieler anderer Aktivitäten und Projekte, die der Verband fördern will, um u. a. die beruflichen Qualitäten der Menschen aufzuwerten und zu unterstützen, die sich in Not befinden und die schlimme Erfahrung machen, auf der Straße leben zu müssen.

DIE WERKSTÄTTEN

Faremondi
-Sammelstelle für Rohstoffe
-Kleine Transporte bei Räumungen und Umzügen
-Recycling von Holz und Metall
-Sammelstelle für Möbel, Einrichtungsgegenstände, Haushaltsartikel, Kleidung u. a.
-Tischler- und Restaurierungswerkstatt, Wiederherstellung, Montage
-Reparatur und Restaurierung der Möbel aus der Sammelstelle

Das Fahrradzentrum
-Sammelstelle für alte Fahrräder
-Reparatur und individuelle Gestaltung von Fahrrädern
-Kurse zur Fahrradreparatur
-Verkauf von gebrauchten Fahrrädern
-Reparatur auch per Hausbesuch

Die Schneiderei
-Sammelstelle für gebrauchte Kleidung
-Kleidung und Decken für Obdach- und Wohnungslose
-Secondhand-Verkauf
-Stickerei und Stoffmalerei
-Ausbesserungsarbeiten an Kleidungsstücken
-Herstellung von Theaterkostümen

DAS THEATER
„La Fraternal Compagnia di Piazza Grande“ entstand 1999 aus einem Projekt der „Intercultura Sociale“ mit dem Ziel, Werkstätten zu schaffen, in denen von sozialer Ausgrenzung betroffene Menschen eng mit Außenstehenden zusammenarbeiten können. Dieses Projekt unterhielt am Anfang eine Theaterwerkstatt und ein journalistisches Laboratorium.
Aus der Theaterwerkstatt entstand später die Schauspieltruppe „La Fraternal Compagnia“, die innerhalb von vier Jahren vier Theaterstücke aufgeführt hat, außerdem entstanden bisher zwei Videos. Bei beiden Videos handelt es sich um Dokumentationen, die sich mit den Werkstätten befassen.
Bis heute hat die Schauspieltruppe vier Theaterkurse abgehalten und sich darüber hinaus in der „Commedia dell´Arte“ spezialisiert. In diesem Bereich wurden auch Intensivkurse angeboten.
Des Weiteren gibt es das Netzwerkprojekt „Oltre la Strada“ (Jenseits der Straße), dass mehrere unterschiedliche Kooperativen und Verbände mit einbezieht und zum Ziel hat, ein alternatives Modell der Integration zu bilden. Hierbei handelt es sich nicht um eine Arbeit mit Selbstzweck, sondern um ein Projekt, das versucht, bei allen seinen Mitarbeitern deren eigene Fähigkeiten und Antriebe hervorzubringen.
Das gleiche gilt für das Projekt „Prova e Riprova“ (Probe und Gegenprobe), einer Werkstatt für Handwerk, in der Menschen, die sich in sozial prekären Situationen befinden, arbeiten und sich mit der Herstellung von Masken aus Leder und Pappmachee beschäftigen, welche dann bei Theateraufführungen benutzt werden.

DIE INITIATIVEN

Mobiler Service der Unterstützung

Freiwillige Helfer, von denen viele selbst Erfahrung mit dem Leben auf der Straße gemacht haben, fahren abends durch die Stadt, um Menschen zu treffen, die auf der Straße schlafen. Diese Helfer versorgen die Obdachlosen nicht nur mit wichtigen Informationen und Hilfsangeboten, sondern auch mit Essen, Kleidung und warmen Getränken.

Die wandernde Redaktion - „La Redazione di Strada“

„La Redazione di Strada“ bildet mittlerweile eine feste Seite in der Straßenzeitung „Piazza Grande“. Die Idee zu dieser Seite entstand aus dem Bedürfnis heraus, wieder ein intensiveres Verhältnis zwischen den Redaktionsmitgliedern und den Obdachlosen herzustellen, da in den letzten Jahren die Beiträge der Obdachlosen zu der Arbeit der Redaktion aus verschiedenen Gründen nachgelassen hatte.
Die Arbeit der „wandernden Redaktion“ sieht heute konkret so aus, dass die Redaktionsmitglieder regelmäßig an mehreren Tagen in der Woche direkt in die Notunterkünfte gehen, um die Betroffenen zu einer eventuellen Mitarbeit anzuregen oder um einfach nur verschiedene Beiträge wie Poesie, Briefe oder Erzählungen der Wohnungslosen zusammenzutragen. Diese Beiträge erscheinen dann unter der festen Rubrik „dal basso verso l`alto“ (von unten nach oben).
Ab und zu geht die „Redazione di Strada“ auch mit einem Info-Stand an die Öffentlichkeit.

Und nun zum Schluss das, zumindest für mich, eindrucksvollste Projekt des Verbandes:

Der Anwalt der Straße

Dieses Projekt wurde in Bologna Ende 2000 vom Verband „Amici di P.G.“ ins Leben gerufen und hat sich zum Ziel gesetzt, die Rechte von Obdachlosen zu schützen, welche tagtäglich Schikanen und Übergriffen aller Art ausgesetzt sind, ohne sich dagegen wehren zu können.
Das Projekt entstand aus der Notwendigkeit heraus qualifizierte juristische Hilfe für die Menschen anzubieten, die sich ihrer Grundrechte entzogen sahen. Schon eine ganze Zeit lang hatten Sozialarbeiter und andere Leute, die im sozialen Bereich arbeiteten, auf eine kontinuierliche Verschärfung der Situation hingewiesen, die sich sowohl in einer Erstarrung der Institutionen als auch bei den Menschen dieser so genannten Randgruppen bemerkbar machte.
Das Projekt „Der Anwalt der Straße“ wurde am Anfang von dem bolognesischen Verein „Nuovamente - persone e progetti per la citta´“ (Ein Verein, der verschiedene Projekte für die Stadt Bologna realisiert) unterstützt, welcher mit den „Anwälten der Straße“ über die Machbarkeit ihres Vorhabens diskutierte, sie bei der öffentlichen Präsentation tatkräftig unterstützte, ihnen bei der konkreten Realisierung half und eigene Anwälte zur Verfügung stellte.

Die Beratungsstelle des Projektes „Anwalt der Straße“, die von dem Anwalt Antonio Mumolo geleitet wird, beschäftigt überwiegend Anwälte und Absolventen der Universität, die Menschen, die sich in prekären Situationen befinden, unentgeltlich Beratung und juristische Hilfe anbieten. An der Arbeit der Beratungsstelle beteiligen sich außerdem nach dem Rotationsprinzip mehrere Anwälte des Amtsgerichtes von Bologna. Diese Anwälte stellen ihre Zeit zur Verfügung und vertreten gratis die Fälle von mehreren Obdachlosen im Jahr.

Häufig kommen Menschen ohne feste Unterkunft aus ganz Italien in der Beratungsstelle an, auf der Suche nach einer Lösung ihrer juristischen Probleme. Deswegen ist es oft nötig sich zur Lösung dieser juristischen Verfahren an andere italienische Städte zu wenden. Aus diesem Grund bedient sich die Beratungsstelle kompetenter Rechtsanwälte des Gerichtes, wobei von Fall zu Fall auch die Hilfe anderer Organisationen in Italien in Anspruch genommen wird. Auf diese Weise üben die Anwälte der Straße ihre Arbeit auf nationaler Ebene aus, obwohl der juristische Streitfall auf bolognesischem Territorium verbleibt.

Bis heute haben die Anwälte der Straße 473 Fälle aus allen juristischen Bereichen verhandelt. Die Anzahl der Beratungen wurde bisher nicht festgehalten, es gab derer aber sehr viele.
Einer der verhandelten Fälle war von ganz besonders großer Wichtigkeit für die Ziele und Aufgaben des Projektes: Die Gruppe der Anwälte führte einen Musterprozess gegen die Stadt Bologna zur Annerkennung des Rechtes auf Wohnsitz. Diese juristische Intervention wurde nötig, nachdem sich die städtische Verwaltung geweigert hatte, einem Obdachlosen, das ihm von der Verfassung garantierte Recht auf Wohnsitz, zuzugestehen. Ein Problem, das bis dahin viele Obdachlose in Italien betraf. Der Fall endete damit, dass das Gericht den Anwälten der Straße Recht gab und die Stadt Bologna zudem dazu verurteilte, die Prozesskosten dieses Verfahrens zu tragen.

Dieses Urteil, bis zum damaligen Zeitpunkt einzigartig in Italien, begründete einen fundamentalen neuen Rechtsanspruch: In Folge dieses Urteils haben heute alle Obdachlosen in allen italienischen Provinzen das Recht, eine Meldeadresse (nicht nur Postadresse) in einem Nachtasyl, einem Schlafsaal oder bei irgendeiner Organisation zu erhalten.
Das Ergebnis dieses Musterprozesses wird umso wichtiger, wenn man bedenkt, dass in Italien eine eingetragene Meldeadresse die unentbehrliche Voraussetzung dafür ist, um die nationale Gesundheitsfürsorge in Anspruch nehmen zu können, um das Wahlrecht auszuüben, um sich in die Listen des Arbeitsamtes eintragen zu können, um eine Steuernummer für die Umsatzsteuer zu bekommen, etc., um also ganz allgemein Zugang zu den Leistungen des Sozialstaates zu erhalten.

Im März 2004 brachten das Projekt „Der Anwalt der Straße“ und der Verein „Nuovamente...“ gemeinsam eine Informationsbroschüre heraus, die sich an Menschen richtet, die in Bologna auf der Straße leben oder die ohne Geld in der Stadt ankommen. Die Broschüre ist natürlich kostenlos und wird am Bahnhof, in den Nachtasylen und Schlafsälen und an anderen Plätzen, an denen sich Obdachlose aufhalten, verteilt.

Ein weiteres Problem, das von den Anwälten der Straße angegangen wurde, ist das der obdachlosen Menschen die minderjährige Kinder haben. Diese Kinder werden zumeist auf den Rat von Sozialarbeitern hin und aufgrund von Entscheidungen des Jugendgerichtes, unerbittlich zur Adoption freigegeben.
Die Sozialarbeiter und das Jugendgericht vergessen dabei jedoch sehr häufig, dass auch Menschen, die auf der Straße leben und sich in schwierigen Situationen befinden (Alkoholismus, Drogensucht oder ganz einfach Armut) normalerweise noch Familienangehörige haben und es oft besser wäre, die Kinder übergangsweise diesen Familienangehörigen anzuvertrauen. Auf diese Weise würde den Eltern Zeit gegeben, um sich zu erholen, damit sie danach wieder mit ihren Kindern zusammenleben können. Dieser Weg ermöglicht den Eltern nicht nur, ihre Kinder nicht für immer zu verlieren, er hat zudem auch noch den Vorteil, dass die Eltern stärker dazu motiviert werden, sich aus ihrer schwierigen Situation zu befreien.

In zwei Fällen legten die Anwälte der Straße Einspruch gegen die Adoption von Kindern obdachloser Eltern ein und in beiden Fällen gelang es ihnen, die betroffenen Kinder bei Familienangehörigen der Eltern unterzubringen. In einem Fall kamen die Kinder zu den Großeltern und im anderen Fall zu der Schwester der Mutter.
Währenddessen gingen die Eltern in Entziehungskuren um damit anzufangen ihre Suchtprobleme zu bekämpfen.

Für die weitere Zukunft hat sich das Projekt „Der Anwalt der Straße“ folgende Ziele gesetzt: Den Kampf gegen die soziale Ausgrenzung von Obdachlosen in alle italienischen Städte zu tragen und Wege zu finden, die Grundrechte dieser Menschen gegen Schikanen, gegen Amtsmissbrauch und gegen die Kränkungen der Armut zu verteidigen. Es gilt, ein Netz von Organisationen und Verbänden aufzubauen, die zusammenarbeiten, um Amtsmissbräuche zu dokumentieren, um sich auszutauschen, um Informationsmaterial zu sammeln und um öffentliche Initiativen gegen die tagtägliche Diskriminierung Obdachloser ins Leben zu rufen.

Das Projekt „Der Anwalt der Straße“ wird von der Stiftung „Unidea“ der Bank UniCredit unterstützt und wurde im Jahr 2001 von der „Fondazione Italiana per il Volontariato“ (Italienische Stiftung für ehrenamtliche Arbeit) mit dem Preis des besten italienischen Projektes des Jahres ausgezeichnet.

Wohl zu Recht! Respekt vor dem Engagement dieser Anwälte!
Es ist schon beeindruckend, was da in Bologna von einem einzigen Verein auf die Beine gestellt wurde. So etwas sollte Schule machen.
Wir wünschen dem Verband auch für die Zukunft viel Erfolg und dass er den sozial schwachen Menschen noch lange zur Seite stehen möge.

Am Schluss möchten wir uns noch mal ganz herzlich bei Franziska Gerhardt bedanken, eine Studentin der Sozialwissenschaften aus Berlin, die zweieinhalb Monate als Praktikantin bei der Straßenzeitung PiazzaGrande gearbeitet hat. Von ihr erhielten wir sämtliche Informationen über das gesamte Projekt Piazza Grande

nach oben