Die Strassenzeitung aus Freiburg

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Hildegard Wohlgemuth

Sie wurde 1933 in Ostpreußen geboren und wurde damals mit vielen anderen Kindern von dort nach Leipzig evakuiert. Entscheidend für ihr Leben und ihre Einstellung zu anderen Menschen war sicher der frühe und besonders schmerzliche Verlust in Kindertagen, als sie die Bombardierung eines Kinderheims als einzige ihrer Kindergruppe überlebte, während sich unter den vielen Opfer alle ihre kleinen Freundinnen und Freunde aus ihrer Heimat befanden. Ihr Glück war es, dass sie an diesem Tag, wie schon des Öfteren, aus der Gruppe ausgerissen war.

Von da an war sie krank, hatte regelmäßige Alpträume, hörte Geisterstimmen und die Schreie der verschütteten Kinder. Die Eltern und ihre vier Geschwister suchte sie nach Kriegsende vergebens. Im Alter von 15 Jahren gelangte sie ins Rheinland.

In Bonn besuchte sie ein katholisches Internat. Sie lief von dort fort, weil man sie in die Psychiatrie stecken wollte – Diagnose: Schizophrenie – denn diese kleinen Spielgefährten hatte sie zeitlebens nicht vergessen können. Ihren Tod konnte sie wohl zuerst nicht verstehen, wollte ihn nicht akzeptieren und so lebten diese Kinder einfach in ihrem Kopf – aber auch konkret in ihrem Leben – weiter.

 

Hildegard trampte nach Hamburg und wurde dort wieder in die psychiatrische Abteilung des allgemeinen Krankenhauses eingewiesen und entmündigt. Ihr einziges Glück war es, dass sie dort endlich rechnen, lesen und schreiben lernte.

Auch hier haute sie immer wieder aus den Anstalten ab, besuchte Freunde in St. Pauli oder fuhr durch die Gegend, sehr oft endete die Reise in Paris. Hier in Paris fühlte sie sich wohl und schätzte den Gemeinschaftssinn der Clochards, deshalb trampte sie dort auch immer wieder hin und schrieb ihr Pariser Tagebuch. Ihr sehnlichster Wunsch war es „als älteste Oma Europas noch einmal nach Paris zu trampen“, erzählte sie einmal einer Schulklasse in Freiburg.

Hildegard brachte eine Tochter zur Welt, die ihr eine gewisse Orientierungshilfe in ihrem Leben gab. Von einer Künstlerin, die ihr beim Betteln auf der Straße begegnete, lernte sie das Malen. Seitdem malte und zeichnete sie, schrieb Gedichte und Geschichten und stellte dabei fest, dass sich dadurch ihr Zustand verbesserte. Seitdem war Malen zu ihrem Lebensinhalt geworden und die Bilder verkaufte sie auf der Straße, um sich neue Eddingstifte leisten zu können. Viele ihrer Bilder verschenkte sie aber auch einfach auf der Straße.

Ihre Lebensgeschichte: „Bin schizophren, höre Stimmen und male gerne“, malte sie auf Plakate, die sie sich beim Betteln für Malmaterial umhängte. Tiere und Kinder spielten eine wichtige Rolle in ihren grellbunten Bildern. Wenn sie malte „hörte und sah sie diese Kinder und lebte mit ihnen“. Allerdings erklärte sie einer Schulklasse im Freiburger Essentreff im Dezember 1999: „Wenn ich ganz schlecht drauf bin, male ich die Bilder in schwarz“.

19991 wurde ihre Entmündigung und die Vormundschaft nach 35 Jahren aufgehoben. Mittlerweile war Hildegard Wohlgemuth vierfache Großmutter geworden.

1998 erschien das Kinderbuch „Die Bettlerkönigin“. In diesem Buch erfährt man mehr über Hildegards Art zu leben. Man erfährt darin u. a., dass sie als Bettlerin auf der Straße lebte und entledigt sich beim Lesen problemlos und leicht allen gängigen Vorstellungen und Klischees über obdachlos gewordene Menschen.

Gerade Kindern konnte Hildegard sehr gut in einer blumigen Sprache von ihren treuen Begleitern erzählen. Auf die Frage, ob sie denn keine Angst gehabt habe, allein auf einer Parkbank in Paris zu schlafen, antwortete sie dem Jungen ganz selbstverständlich: „Diese Kinder beschützen mich, stupsen mich an, wenn etwas nicht stimmt, denn dies sind doch keine bösen Geister“.

Ab und zu bekäme sie in Bussen und Bahnen Ärger mit den Mitfahrenden, erklärte sie einmal einer Bekannten, „denn nicht jeder will oder kann verstehen, dass neben mir noch einer meiner kleinen Freunde von damals sitzt und deshalb der Platz neben mir besetzt ist“.

Am 11.11.2003 starb Hildegard Wohlgemuth im Alter von 70 Jahren in Hamburg.

Als ich im Dezember 1999 Hildegard kurz kennen lernte, saß vor mir eine kleine, untersetze Frau, mit kurzen grauen Haaren und ungewöhnlich lebendigen Augen. Von Anfang an war ich fasziniert von ihrer Art des Erzählens und innerhalb weniger Minuten schaffte sie es, die anwesenden SchülerInnen in ihren Bann zu ziehen. So nahm sie ihnen auch die Angst vor der Begegnung mit einem „kranken und angeblich verrückten“ Menschen. OFF konnte sich keine bessere Namensgeberin für den von ihnen verliehen Preis aussuchen.

Uli

 

 

 

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