Hildegard trampte nach Hamburg und wurde dort wieder in
die psychiatrische Abteilung des allgemeinen Krankenhauses
eingewiesen und entmündigt. Ihr einziges Glück war
es, dass sie dort endlich rechnen, lesen und schreiben lernte.
Auch hier haute sie immer wieder aus den Anstalten ab, besuchte
Freunde in St. Pauli oder fuhr durch die Gegend, sehr oft
endete die Reise in Paris. Hier in Paris fühlte sie sich
wohl und schätzte den Gemeinschaftssinn der Clochards,
deshalb trampte sie dort auch immer wieder hin und schrieb
ihr Pariser Tagebuch. Ihr sehnlichster Wunsch war es „als
älteste Oma Europas noch einmal nach Paris zu trampen“,
erzählte sie einmal einer Schulklasse in Freiburg.
Hildegard brachte eine Tochter zur Welt, die ihr eine gewisse
Orientierungshilfe in ihrem Leben gab. Von einer Künstlerin,
die ihr beim Betteln auf der Straße begegnete, lernte
sie das Malen. Seitdem malte und zeichnete sie, schrieb Gedichte
und Geschichten und stellte dabei fest, dass sich dadurch
ihr Zustand verbesserte. Seitdem war Malen zu ihrem Lebensinhalt
geworden und die Bilder verkaufte sie auf der Straße,
um sich neue Eddingstifte leisten zu können. Viele ihrer
Bilder verschenkte sie aber auch einfach auf der Straße.
Ihre
Lebensgeschichte: „Bin schizophren, höre Stimmen
und male gerne“, malte sie auf Plakate, die sie sich
beim Betteln für Malmaterial umhängte. Tiere und
Kinder spielten eine wichtige Rolle in ihren grellbunten Bildern.
Wenn sie malte „hörte und sah sie diese Kinder
und lebte mit ihnen“. Allerdings erklärte sie einer
Schulklasse im Freiburger Essentreff im Dezember 1999: „Wenn
ich ganz schlecht drauf bin, male ich die Bilder in schwarz“.
19991 wurde ihre Entmündigung und die Vormundschaft
nach 35 Jahren aufgehoben. Mittlerweile war Hildegard Wohlgemuth
vierfache Großmutter geworden.
1998 erschien das Kinderbuch „Die
Bettlerkönigin“. In diesem Buch erfährt
man mehr über Hildegards Art zu leben. Man erfährt
darin u. a., dass sie als Bettlerin auf der Straße lebte
und entledigt sich beim Lesen problemlos und leicht allen
gängigen Vorstellungen und Klischees über obdachlos
gewordene Menschen.
Gerade Kindern konnte Hildegard sehr gut in einer blumigen
Sprache von ihren treuen Begleitern erzählen. Auf die
Frage, ob sie denn keine Angst gehabt habe, allein auf einer
Parkbank in Paris zu schlafen, antwortete sie dem Jungen ganz
selbstverständlich: „Diese Kinder beschützen
mich, stupsen mich an, wenn etwas nicht stimmt, denn dies
sind doch keine bösen Geister“.
Ab und zu bekäme sie in Bussen und Bahnen Ärger
mit den Mitfahrenden, erklärte sie einmal einer Bekannten,
„denn nicht jeder will oder kann verstehen, dass neben
mir noch einer meiner kleinen Freunde von damals sitzt und
deshalb der Platz neben mir besetzt ist“.
Am 11.11.2003 starb Hildegard
Wohlgemuth im Alter von 70 Jahren in Hamburg.
Als ich im Dezember 1999 Hildegard kurz kennen lernte, saß
vor mir eine kleine, untersetze Frau, mit kurzen grauen Haaren
und ungewöhnlich lebendigen Augen. Von Anfang an war
ich fasziniert von ihrer Art des Erzählens und innerhalb
weniger Minuten schaffte sie es, die anwesenden SchülerInnen
in ihren Bann zu ziehen. So nahm sie ihnen auch die Angst
vor der Begegnung mit einem „kranken und angeblich verrückten“
Menschen. OFF konnte sich keine bessere Namensgeberin für
den von ihnen verliehen Preis aussuchen.
Uli
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