| Auf diese Weise erspart er sich jedenfalls
die gestammelten, sinnentleerten Halbsätze, die jedes
Gegenüber stets in Verlegenheit bringen.An wärmeren
Tagen sitzt er manchmal neben den Trinkern des Ortes im Park.
Die kennen sein Handicap und fragen nicht viel.
DIE STIMME rollt wie eine Lautsprecherdurchsage über
die Essenden hinweg, sodass manch ein Besteck erschrocken
in der Schwebe bleibt. Ihr heftiges Gefuchtel, das Vitalität
vorgaukeln soll, gilt der Tischgenossin. Deren ausdauerndes
pickendes Nicken nimmt die Sprechende als Zustimmung zu ihren
Aussagen, nicht bemerkend, dass es ein „Tick“
der anderen ist, ein Nervenleiden.
Hektisch flößt sie selbst sich ein paar Löffel
von der Suppe ein, probiert dann mit spitzen, nikotingelben
Fingern ein halbes Dutzend Stäbchen Pommes Frites und
schiebt auch schon ihrem jungen Begleiter, einem fahlen Drogensüchtigen,
den Teller zu.
Sie zündet eine Zigarette an, schmettert noch eine Bemerkung
hierhin und dorthin, drückt fahrig den mehrfach wieder
angezündeten Stummel aus und steht auf. Kopfschütteln
in der Wärmestube, als das weibliche Gegenstück
von Karl Lagerfeld hinaus gehuscht ist.
Hat Guido Westerwelle die Wirklichkeit seiner „Arbeitsunwilligen“
schon einmal aus der Nähe gesehen? Wohl kaum. Nur zwei
Prozent ihrer „Kunden“ kämen mit einer Bewerbungsmappe,
hat in einer großen Tageszeitung eine Beraterin für
Hartz IV-Empfänger beklagt. Sie sehe viel zu häufig,
dass Menschen ihr zur Arbeitsvermittlung geschickt würden,
deren vordringliche Hindernisse zur Arbeitsaufnahme in die
Zuständigkeit von medizinischen oder rechtsberatenden
Fachstellen gehörten und die sie nicht lösen könne.
Sprach’s,... wusch sich die Hände in Unschuld
und griff nach dem Katalog mit Sanktionen. Wer nicht arbeitet,
soll auch nicht essen! Aber wer bestimmt denn, welche Voraussetzungen,
Talente und Eigenschaften so erwünscht sind, dass sie
entlohnt werden? Nicht allein der Wunsch, Erfolg zu haben
führt in „Rüttgers Club“.
Fragte man ABC-Schützen vor gut einem halben Jahrhundert
nach ihrer Lebensplanung, so trat ein hochmotiviertes Heer
künftiger Lokomotiv- und Kranführer vor. Der weibliche
Teil des Nachwuchses teilte sich im Wesentlichen die Absicht,
als Lehrerin oder „Mutti“ eine erfüllte Zukunft
zu suchen. Wenn Sie Gelegenheit dazu finden, stellen Sie die
Frage: „Was willst du einmal werden?“ heutzutage
einem sechsjährigen Kind: Manche verstehen nicht, was
gemeint ist, andere wiederum antworten, als hätten sie
den Aufsatz eines Zehnjährigen auswendig gelernt.
Opa
und Oma spielten „Aufbau“ inmitten einer Umwelt,
die zerstört, renovierungs- und reparaturbedürftig
war. Einfachheit war gewünscht, auch, weil sie unverfänglich
schien. Es gab viel zu tun und jeder glaubte zu wissen, was
das wäre. Es gelang den Deutschen, die Welt durch Tatkraft
und Gestaltungswillen zu beeindrucken.
Vor allem gelang aber den Menschen Beruf- und Familienziel
– oder zumindest eines von beidem – zu erreichen.
Zwei Generationen später flattern verunsicherte Individuen
ohne Gegenwarts- und Zukunftsvisionen wie durch ein Labyrinth,
das sie Staat nennen, ohne sich jedoch mit diesem Gebilde
noch zu identifizieren. Satte, ignorante und verkommene Manager
und Politiker bestimmen die Regeln.
Das macht drei von zehn Bürgern zu abgehobenen Gewinnern
und mindestens eine Person zum Lazerus der Gesellschaft. Anabolika,
Kokain, Schnaps – nicht nur mit dem Etikett in der Jacke
drückt man aus... ja, was eigentlich? Psychische Auffälligkeiten
und Erkrankungen grassieren wie Seuchen.
Ich möchte behaupten, dass vorrangig die Benennung Ursache
ist, weshalb die Mehrheit zögert, sich mit den Störungen
zu befassen. Die Auswirkungen treffen die Allgemeinheit dennoch:
Gewaltbereitschaft, Bandenkriminalität, Betrug, Phobien,
Manien, Suchtverhalten und – nicht zu vergessen, die
aktuell heftig beschimpfte Leistungsverweigerung. Psyche –
da schwingt das große Klingeling von Seele, Wohlgefühl
und Geist, Genius mit. Lassen wir das weg, ist das Gehirn
der Körperteil mit Steuerungsfunktion. So hört es
sich ein wenig naiv und rotzig an, nimmt aber Vorbehalte.
Auch mein Gehirn geriet schon „out of order“
und gerade dieser Erfahrung liegt meine distanzärmere
Sichtweise zugrunde. Passiert ist mir der „Stromausfall“
während eines Aufenthalts in der Abteilung für innere
Medizin. Jeder Dritte war wenigstens zeitweise völlig
gaga, sprich: verhielt sich unangemessen und irrational.
Da wurde gekreischt, Patienten verliefen sich, vergaßen
Bekleidungsstücke usw. Das war aber das Helios in Müllheim
und nicht das PK-Emmendingen! Die Ärztin erklärte
es mir geduldig: Unser Gehirn schaltet vorübergehend
weniger notwendige Anwendungen ab, wenn Lebensgefahr besteht.
So betrachtet, ist ein Koma oder ein künstlich eingeleitetes
Koma quasi ein Stand-by. Genaugenommen existiert damit aber
auch latent ein Risiko, dass sich das Gehirn nach einer Störung
nicht genauso wie vorher organisiert.
Noch ist das Gehirn nicht vollständig begriffen, aber
Spezialisten können inzwischen weit mehr als nur die
Auswirkungen seiner Tätigkeit auf beispielsweise den
Blutdruck oder die Schweißabsonderung messen, wie es
durch den so genannten „Lügendetektor“ möglich
ist.
Neueste Computertomographen machen die jeweils aktive Hirnregion
sichtbar. Der Arzt ist somit in der Lage zu beurteilen, ob
der Patient während einer Filmsequenz, in der jemand
eine Auster schlürft, Ekel oder Appetit empfindet. Anhand
der Hirnaktivitäten ist ablesbar, wo die Steuerung einer
Greifbewegung nach einem Schlaganfall nicht reagiert.
Solches Wissen führt zu effektiven Therapien z.B. dass
sprachgeschädigte Schlaganfallpatienten durch Singen
einfacher Melodien diese Fähigkeit wieder neu erlernen.
Unser Gehirn verfügt also über Umgehungsstraßen,
um ausgefallene Funktionen zurückzuholen. Allerdings
greifen sowohl eine Art elektronischer, wie daneben auch chemische
und physikalische Prozesse ineinander.
Schon banale Experimente zeigen es: Chemie: langsam kauen!
– Ergebnis ist, die Speise wird vor-fermentiert –
unsere Schaltzentrale im Kopf meldet: satt! So ist Gewichtskontrolle
möglich. Physik: Schlafen bei Dunkelheit ist erholsamer.
Datenverarbeitung: ein Kind plappert ein Gedicht schon nach
zwei- oder dreimaligem Hören nach; der Fünfzigjährige
liest es sich dreißigmal laut vor und hat noch immer
Mühe, es sich zu merken. Während das Kinderhirn
direkt verschaltet, berücksichtigt es beim Älteren
dessen gespeicherte Erfahrungen. Seine „Organisation“
ist also viel umfangreicher.
Die Hirnforschung erbringt zwangsläufig eine neue Sicht
auf „geistige Behinderung“. Faszinierung lösen
beispielsweise die „Savants“ (die „Wissenden“)
aus. Einige wurden in den Medien mit exorbitanten Leistungen
im Addieren/Subtrahieren und/oder Multiplizieren und Dividieren
bekannt.
Auch verblüffende Gedächtnisleistungen wurden
bereits medial verbreitet. Ein ehemals gesunder, normal begabter
Sportler wurde bekannt dadurch, dass er seit einem Unfall
mit Schädelbruch von jedem Kalendertag sagen kann, was
er getan und erlebt hat. Ein anderer Mann wiederum kann einen
Stadtplan nach einem Spaziergang durch ein vorher nicht gekanntes
Quartier zeichnen. Sein räumliches Vorstellungsvermögen
ist absolut herausragend. Tatsache ist allerdings auch, dass
keiner von ihnen zu einem Alltag ohne Hilfestellung befähigt
ist.
Der Anteil an psychisch Auffälligen ist am Gesellschaftsrand
höher als in anderen Schichten – oder vielleicht
ist er auch nur sichtbarer, da diese Menschen ein ungeschützteres
Privatleben leben müssen. Von den ursprünglichsten
Bedürfnissen bleiben manche unbefriedigt. Mit Interesse
habe ich als Betroffene daher einen Vortrag mit dem Titel
„Macht Hartz IV psychisch krank?“ vom ökomenischen
Bildungswerk angehört. Was Wege in Depression, Burn-out,
Manie oder Sucht ebnet, ist die Ausgrenzung, das Stigma, die
Hetzkampagnen in der Öffentlichkeit, die jeweils erfolgende
Beargwöhnung aus der Bevölkerung. Ältere und
schwache Betroffene lassen sich einschüchtern, jüngere
reagieren mit Aggression.
TYPISCH! Wie sie dort wieder hinter dem
Bahnhof “abhängen“, die Jugend, die reichlich
Freizeit, jedoch wenig Unternehmungsgeist zu haben scheint.
Vier der sechs Gesichter kann ich bereits zuordnen: In Müllheim
geht man an ihnen vorbei, sie drücken sich in Heitersheim
rum und in Bad Krozingen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihren
Lehrern die Gesichter weniger vertraut sind, ist hoch. Komisch
– oft, wenn ich sie gesehen habe, ist am Bahnhof der
Aufzug kaputt. Heute fährt er noch. .
Obwohl viel Wissen darüber existiert, welche Einflüsse
erwünschte und welche negative Wirkungen auf die Psyche
haben, entzieht die Gesellschaft gerade der Jugend die Grundlagen.
Das ist der wahre Skandal. Um der Raffgier einiger Weniger
zu dienen, verarmen Kommunen, verwahrlosen Schulen, treibt
man Eltern in Lethargie.
Die Gemeinde Auggen streicht eine bewährte Jugendsozialarbeit,
weil dafür kein Geld da ist. Für wen rechnet sich
so was?
Wieso rechnet die Zeitung „Die Welt“ vor, ein
Kellner mit acht Kindern sei mit Hartz VI besser gestellt,
als er es durch eigene Arbeit sein könnte?
Erstens sind 3.000 Euro für einen Zehn-Personen-Haushalt
weißgott knapp;
Und zweitens hätte er schon bei einem derzeit geforderten
Mindestlohn trotz 900 Euro Miete immerhin 60 Euro für
jedes seiner Sprösslinge mehr –Trinkgelder unberücksichtigt!
Ich meine, wer Worte wie „Leitkultur“
in seiner Rede zu führen wagt, sollte sich doch tunlichst
erst einmal grundlegend von kulturrelevanten Gedanken leiten
lassen.
Schon ein preiswertes Buch – wie wäre es mit „Das
kleine Buch vom Gehirn“ von Michael Madeja, oder von
Hans-Georg Gadamer, oder von Richard von Weizsäcker?
– würde manchen „Liberalen“ weiter
bringen als sein Porsche, Maserati oder Maybach.
Im Deutschland der Anfänge verstand auch ein CDU-Kanzler
Adenauer unter christlicher Demokratie „Wir wollen nicht,
dass bei einer immer größeren Konzentration der
Wirtschaft zu Großbetrieben, das Volk aus einer kleinen
Schicht von Herrschern über einer großen Masse
von Abhängigen besteht.“ Frau Merkel – immerhin
ein gutes Zeichen – macht nicht mit beim manischen Gefuchtel
um Wählerstimmen, Parteispenden, Aktienkursen und Popularität.
Dekadenz ist dort zu finden, wo echte Mentoren fehlen. Die
tatsächlichen heutigen Leistungserbringer zwischen 20
und 60 haben Anspruch auf verantwortungsbewusste Führung
als Gegenleistung von den Eliten.
Ella
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