Die Strassenzeitung aus Freiburg

Artikel und Beiträge aus einem anderen Blickwinkel

 


 

 

 

 


Von flugunfähigen Vögeln und anderen Irrtümern


Wie verläuft das Leben derjenigen, welche von der Hauptstraße abgekommen sind – oder, erst gar nicht die Auffahrt finden?

BUNT und auffällig gekleidet wie ein entwischter Papagei sitzt der Mann am Rande des kalten, steingrauen Bahnhofsplatzes.

Ihm hat vor langer Zeit ein Schicksal seine Sprache geraubt.

Als er noch ein leitender Angestellter gewesen ist, mied er die Menschen nicht – und sie nicht ihn. Möglich, dass er bewusst heute ein Aussehen wählt, das ihn dem Sankt Georgs Heim zuordnet, wo er aber nicht wohnt, da er seine Angelegenheiten durchaus noch selbständig im Griff hat.

 

 

 

„Ich will eine Familie und einen Beruf, der mir Spaß macht.“

 

Doch, was kann da nicht alles dazwischen kommen?

 

 

Auf diese Weise erspart er sich jedenfalls die gestammelten, sinnentleerten Halbsätze, die jedes Gegenüber stets in Verlegenheit bringen.An wärmeren Tagen sitzt er manchmal neben den Trinkern des Ortes im Park. Die kennen sein Handicap und fragen nicht viel.

DIE STIMME rollt wie eine Lautsprecherdurchsage über die Essenden hinweg, sodass manch ein Besteck erschrocken in der Schwebe bleibt. Ihr heftiges Gefuchtel, das Vitalität vorgaukeln soll, gilt der Tischgenossin. Deren ausdauerndes pickendes Nicken nimmt die Sprechende als Zustimmung zu ihren Aussagen, nicht bemerkend, dass es ein „Tick“ der anderen ist, ein Nervenleiden.

Hektisch flößt sie selbst sich ein paar Löffel von der Suppe ein, probiert dann mit spitzen, nikotingelben Fingern ein halbes Dutzend Stäbchen Pommes Frites und schiebt auch schon ihrem jungen Begleiter, einem fahlen Drogensüchtigen, den Teller zu.

Sie zündet eine Zigarette an, schmettert noch eine Bemerkung hierhin und dorthin, drückt fahrig den mehrfach wieder angezündeten Stummel aus und steht auf. Kopfschütteln in der Wärmestube, als das weibliche Gegenstück von Karl Lagerfeld hinaus gehuscht ist.

Hat Guido Westerwelle die Wirklichkeit seiner „Arbeitsunwilligen“ schon einmal aus der Nähe gesehen? Wohl kaum. Nur zwei Prozent ihrer „Kunden“ kämen mit einer Bewerbungsmappe, hat in einer großen Tageszeitung eine Beraterin für Hartz IV-Empfänger beklagt. Sie sehe viel zu häufig, dass Menschen ihr zur Arbeitsvermittlung geschickt würden, deren vordringliche Hindernisse zur Arbeitsaufnahme in die Zuständigkeit von medizinischen oder rechtsberatenden Fachstellen gehörten und die sie nicht lösen könne.

Sprach’s,... wusch sich die Hände in Unschuld und griff nach dem Katalog mit Sanktionen. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! Aber wer bestimmt denn, welche Voraussetzungen, Talente und Eigenschaften so erwünscht sind, dass sie entlohnt werden? Nicht allein der Wunsch, Erfolg zu haben führt in „Rüttgers Club“.

Fragte man ABC-Schützen vor gut einem halben Jahrhundert nach ihrer Lebensplanung, so trat ein hochmotiviertes Heer künftiger Lokomotiv- und Kranführer vor. Der weibliche Teil des Nachwuchses teilte sich im Wesentlichen die Absicht, als Lehrerin oder „Mutti“ eine erfüllte Zukunft zu suchen. Wenn Sie Gelegenheit dazu finden, stellen Sie die Frage: „Was willst du einmal werden?“ heutzutage einem sechsjährigen Kind: Manche verstehen nicht, was gemeint ist, andere wiederum antworten, als hätten sie den Aufsatz eines Zehnjährigen auswendig gelernt.

Opa und Oma spielten „Aufbau“ inmitten einer Umwelt, die zerstört, renovierungs- und reparaturbedürftig war. Einfachheit war gewünscht, auch, weil sie unverfänglich schien. Es gab viel zu tun und jeder glaubte zu wissen, was das wäre. Es gelang den Deutschen, die Welt durch Tatkraft und Gestaltungswillen zu beeindrucken.

Vor allem gelang aber den Menschen Beruf- und Familienziel – oder zumindest eines von beidem – zu erreichen.

Zwei Generationen später flattern verunsicherte Individuen ohne Gegenwarts- und Zukunftsvisionen wie durch ein Labyrinth, das sie Staat nennen, ohne sich jedoch mit diesem Gebilde noch zu identifizieren. Satte, ignorante und verkommene Manager und Politiker bestimmen die Regeln.

Das macht drei von zehn Bürgern zu abgehobenen Gewinnern und mindestens eine Person zum Lazerus der Gesellschaft. Anabolika, Kokain, Schnaps – nicht nur mit dem Etikett in der Jacke drückt man aus... ja, was eigentlich? Psychische Auffälligkeiten und Erkrankungen grassieren wie Seuchen.

Ich möchte behaupten, dass vorrangig die Benennung Ursache ist, weshalb die Mehrheit zögert, sich mit den Störungen zu befassen. Die Auswirkungen treffen die Allgemeinheit dennoch: Gewaltbereitschaft, Bandenkriminalität, Betrug, Phobien, Manien, Suchtverhalten und – nicht zu vergessen, die aktuell heftig beschimpfte Leistungsverweigerung. Psyche – da schwingt das große Klingeling von Seele, Wohlgefühl und Geist, Genius mit. Lassen wir das weg, ist das Gehirn der Körperteil mit Steuerungsfunktion. So hört es sich ein wenig naiv und rotzig an, nimmt aber Vorbehalte.

Auch mein Gehirn geriet schon „out of order“ und gerade dieser Erfahrung liegt meine distanzärmere Sichtweise zugrunde. Passiert ist mir der „Stromausfall“ während eines Aufenthalts in der Abteilung für innere Medizin. Jeder Dritte war wenigstens zeitweise völlig gaga, sprich: verhielt sich unangemessen und irrational.

Da wurde gekreischt, Patienten verliefen sich, vergaßen Bekleidungsstücke usw. Das war aber das Helios in Müllheim und nicht das PK-Emmendingen! Die Ärztin erklärte es mir geduldig: Unser Gehirn schaltet vorübergehend weniger notwendige Anwendungen ab, wenn Lebensgefahr besteht. So betrachtet, ist ein Koma oder ein künstlich eingeleitetes Koma quasi ein Stand-by. Genaugenommen existiert damit aber auch latent ein Risiko, dass sich das Gehirn nach einer Störung nicht genauso wie vorher organisiert.

Noch ist das Gehirn nicht vollständig begriffen, aber Spezialisten können inzwischen weit mehr als nur die Auswirkungen seiner Tätigkeit auf beispielsweise den Blutdruck oder die Schweißabsonderung messen, wie es durch den so genannten „Lügendetektor“ möglich ist.

Neueste Computertomographen machen die jeweils aktive Hirnregion sichtbar. Der Arzt ist somit in der Lage zu beurteilen, ob der Patient während einer Filmsequenz, in der jemand eine Auster schlürft, Ekel oder Appetit empfindet. Anhand der Hirnaktivitäten ist ablesbar, wo die Steuerung einer Greifbewegung nach einem Schlaganfall nicht reagiert.

Solches Wissen führt zu effektiven Therapien z.B. dass sprachgeschädigte Schlaganfallpatienten durch Singen einfacher Melodien diese Fähigkeit wieder neu erlernen. Unser Gehirn verfügt also über Umgehungsstraßen, um ausgefallene Funktionen zurückzuholen. Allerdings greifen sowohl eine Art elektronischer, wie daneben auch chemische und physikalische Prozesse ineinander.

Schon banale Experimente zeigen es: Chemie: langsam kauen! – Ergebnis ist, die Speise wird vor-fermentiert – unsere Schaltzentrale im Kopf meldet: satt! So ist Gewichtskontrolle möglich. Physik: Schlafen bei Dunkelheit ist erholsamer. Datenverarbeitung: ein Kind plappert ein Gedicht schon nach zwei- oder dreimaligem Hören nach; der Fünfzigjährige liest es sich dreißigmal laut vor und hat noch immer Mühe, es sich zu merken. Während das Kinderhirn direkt verschaltet, berücksichtigt es beim Älteren dessen gespeicherte Erfahrungen. Seine „Organisation“ ist also viel umfangreicher.

Die Hirnforschung erbringt zwangsläufig eine neue Sicht auf „geistige Behinderung“. Faszinierung lösen beispielsweise die „Savants“ (die „Wissenden“) aus. Einige wurden in den Medien mit exorbitanten Leistungen im Addieren/Subtrahieren und/oder Multiplizieren und Dividieren bekannt.

Auch verblüffende Gedächtnisleistungen wurden bereits medial verbreitet. Ein ehemals gesunder, normal begabter Sportler wurde bekannt dadurch, dass er seit einem Unfall mit Schädelbruch von jedem Kalendertag sagen kann, was er getan und erlebt hat. Ein anderer Mann wiederum kann einen Stadtplan nach einem Spaziergang durch ein vorher nicht gekanntes Quartier zeichnen. Sein räumliches Vorstellungsvermögen ist absolut herausragend. Tatsache ist allerdings auch, dass keiner von ihnen zu einem Alltag ohne Hilfestellung befähigt ist.

Der Anteil an psychisch Auffälligen ist am Gesellschaftsrand höher als in anderen Schichten – oder vielleicht ist er auch nur sichtbarer, da diese Menschen ein ungeschützteres Privatleben leben müssen. Von den ursprünglichsten Bedürfnissen bleiben manche unbefriedigt. Mit Interesse habe ich als Betroffene daher einen Vortrag mit dem Titel „Macht Hartz IV psychisch krank?“ vom ökomenischen Bildungswerk angehört. Was Wege in Depression, Burn-out, Manie oder Sucht ebnet, ist die Ausgrenzung, das Stigma, die Hetzkampagnen in der Öffentlichkeit, die jeweils erfolgende Beargwöhnung aus der Bevölkerung. Ältere und schwache Betroffene lassen sich einschüchtern, jüngere reagieren mit Aggression.

TYPISCH! Wie sie dort wieder hinter dem Bahnhof “abhängen“, die Jugend, die reichlich Freizeit, jedoch wenig Unternehmungsgeist zu haben scheint. Vier der sechs Gesichter kann ich bereits zuordnen: In Müllheim geht man an ihnen vorbei, sie drücken sich in Heitersheim rum und in Bad Krozingen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihren Lehrern die Gesichter weniger vertraut sind, ist hoch. Komisch – oft, wenn ich sie gesehen habe, ist am Bahnhof der Aufzug kaputt. Heute fährt er noch. .

Obwohl viel Wissen darüber existiert, welche Einflüsse erwünschte und welche negative Wirkungen auf die Psyche haben, entzieht die Gesellschaft gerade der Jugend die Grundlagen. Das ist der wahre Skandal. Um der Raffgier einiger Weniger zu dienen, verarmen Kommunen, verwahrlosen Schulen, treibt man Eltern in Lethargie.

Die Gemeinde Auggen streicht eine bewährte Jugendsozialarbeit, weil dafür kein Geld da ist. Für wen rechnet sich so was?

Wieso rechnet die Zeitung „Die Welt“ vor, ein Kellner mit acht Kindern sei mit Hartz VI besser gestellt, als er es durch eigene Arbeit sein könnte?

Erstens sind 3.000 Euro für einen Zehn-Personen-Haushalt weißgott knapp;

Und zweitens hätte er schon bei einem derzeit geforderten Mindestlohn trotz 900 Euro Miete immerhin 60 Euro für jedes seiner Sprösslinge mehr –Trinkgelder unberücksichtigt!

Ich meine, wer Worte wie „Leitkultur“ in seiner Rede zu führen wagt, sollte sich doch tunlichst erst einmal grundlegend von kulturrelevanten Gedanken leiten lassen.

Schon ein preiswertes Buch – wie wäre es mit „Das kleine Buch vom Gehirn“ von Michael Madeja, oder von Hans-Georg Gadamer, oder von Richard von Weizsäcker? – würde manchen „Liberalen“ weiter bringen als sein Porsche, Maserati oder Maybach.

Im Deutschland der Anfänge verstand auch ein CDU-Kanzler Adenauer unter christlicher Demokratie „Wir wollen nicht, dass bei einer immer größeren Konzentration der Wirtschaft zu Großbetrieben, das Volk aus einer kleinen Schicht von Herrschern über einer großen Masse von Abhängigen besteht.“ Frau Merkel – immerhin ein gutes Zeichen – macht nicht mit beim manischen Gefuchtel um Wählerstimmen, Parteispenden, Aktienkursen und Popularität. Dekadenz ist dort zu finden, wo echte Mentoren fehlen. Die tatsächlichen heutigen Leistungserbringer zwischen 20 und 60 haben Anspruch auf verantwortungsbewusste Führung als Gegenleistung von den Eliten.

Ella

 

 

 

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