|
Im Juni 1998 erschien die erste Ausgabe
der FREIeBÜRGER. Zeit genug um einmal rückzublicken,
was so alles in diesen „wilden sieben Jahren“ passiert
ist. Verständlicherweise können dies nur meine ganz
persönlichen, subjektiven Eindrücke aus diesen bewegten
Jahren sein und ich werde einfach chronologisch vorgehen und mal
schauen, ob ich nichts vergessen habe.
Genaueres wie der Verein gegründet wurde und
wie das Logo des FREIeBÜRGERs entstand, können Sie in
den Artikel von H. M. Schemske
und dem Interview von
Claus nachlesen.
Juni 1998
Strömender Regen, skeptisch nehme ich die
ersten 20 Exemplare des FREIeBÜRGER in die Hand und Uwe,
der Initiator dieses Projektes, wünscht mir viel Erfolg.
Die meisten Passanten laufen vorbei und den Stammkunden aus meiner
bisherigen Zeit des Bettelns muss ich kurz erklären, was
ich da mache, allerdings kaufen sie mir trotzdem keine Zeitung
ab. Na ja, nach einer Stunde werfe ich das Handtuch und bettle
erst mal solange, bis mich die Polizei wieder darauf hinweist,
dass Betteln verboten ist und „wenn wir Sie heute noch einmal
erwischen, geht`s ab aufs Revier Nord!“
Frustriert gehe ich ans Rotteckdenkmal um hier in
Ruhe zu überlegen, wie der Tag weitergehen soll und ob es
sich wirklich lohnt den FREIeBÜRGER zu verkaufen. Den meisten
Verkäufern geht es nicht anders als mir, allerdings hat der
Verkauf einen entscheidenden Vorteil: Diese Tätigkeit ist
vom Ordnungsamt erlaubt und die Ordnungshüter müssen
uns, ob sie es wollen oder nicht, in Ruhe lassen.
Die nächsten Tage laufen besser und so langsam
spricht es sich auch unter den Freiburgern herum, dass es nun
auch in Ihrer Stadt eine Straßenzeitung gibt. Täglich
treffen wir uns mittags am Denkmal, zählen unsere Tageseinnahme
und stellen fest, davon kann man gut leben. Unter den Bettlern
und Schnorrern spricht sich das schnell herum und es werden immer
mehr Verkäufer.
Da der FREIeBÜRGER noch kein eigenes Büro
hatte, fand der Vertrieb im Essenstreff statt. Vielen war der
Weg bis dahin allerdings wegen ein paar Zeitungen zu weit und
so organisierten wir einen eigenen Vertrieb. Noch bis heute trage
ich im Normalfall so 200 Zeitungen täglich durch die Gegend
und an meinem Verkaufsplatz in der Eisenstraße kommen die
Verkäufer vorbei um die Zeitungen abzuholen.
Am Anfang war es schon ein komisches Gefühl,
da zu sitzen und das Geld der Verkäufer-Kollegen anzunehmen,
denn ich möchte nicht wissen, was manch ein Passant gedacht
hat, wenn mir ein Verkäufer Hundert Mark gibt und ich sogar
noch wechseln kann. Diese Vertriebsform findet auch heute noch
statt und meine Kundschaft weiß mittlerweile auch, dass
dies die Außenstelle vom FREIeBÜRGER ist.
Die damaligen Macher des FREIeBÜRGER wollten
schon immer hoch hinaus und so wurde in der Ausgabe Nr. 2 direkt
eine ganze Fabrikhalle gesucht. Ende des Jahres hatte der FREIeBÜRGER
dann endlich ein eigenes Büro in der Wallstraße und
zur Eröffnungsfeier wurde der Partywagen der VAG gemietet.
Im September kam der damalige Chefredakteur und
1. Vorsitzende auf die geniale Idee eine Aufräumaktion zu
starten. Mit Traktor, Hänger und einigen Verkäufern
ging`s zum Hirzberg. Hier haben wir den Müll von mindestens
5 Jahren eingesammelt und entsorgt. Leider hat sich die örtliche
Presse nicht, wie erhofft, für diese Aktion interessiert.
1999
Im März zog die Redaktion in die Hebelstraße
um und hier kam es auch schon zu den ersten Differenzen unter
den damaligen Vorstandsmitgliedern. Uwe stieg dann, im April komplett
aus und er verlangte eine Offenlegung der Bücher wegen mehrfachen
Ungereimtheiten bei den Abrechnungen Im Impressum wurde der Ausstieg
Uwes elegant mit „In Urlaub“ umschrieben.
Es folgten mehrere Vereinssitzungen, in denen wir
als neu eingetretene Mitglieder (noch sehr unerfahren und blauäugig)
wiederholt durch Ausreden und Vertröstungen einfach keine
konkreten Aussagen über die finanzielle Situation des Vereins
bekamen. Im Mai kam es zu einem zweitägigen Verkäuferstreik,
da die Ausgabe grottenschlecht und voller Rechtschreibfehler war.
Zu diesem Zeitpunkt stiegen auch die ersten Verkäufer des
jetzigen Redaktionsteams aktiv in die Arbeit ein. Danach gab es
dann endlich auch öffentliche Redaktionssitzungen und wir
bekamen dadurch auch mehr Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung
unserer Zeitung.
2000
war ein sehr turbulentes Jahr: Im März zogen
wir in die jetzigen Redaktionsräume in der Ensisheimerstraße
um. Der damalige 1. Vorsitzende ließ sich immer weniger
in der neuen Redaktion blicken und ein paar Tage vor Druckabgabe
erhielten wir einen Anruf aus der Druckerei, der uns wie ein Schlag
traf. Wir erfuhren, dass der FREIeBÜRGER ab sofort nur noch
gegen Vorkasse gedruckt wird, da die Außenstände mittlerweile
auf 8.147,00 DM angestiegen waren, obwohl der 1.Vorsitzende mehrmals
versprochen hatte, die ausstehenden Rechnungen zu bezahlen.
Innerhalb eines Tages organisierten wir ca. 2.000
DM - das meiste Geld kratzten wir privat zusammen da die vorhandenen
Bargeldbestände aus dem Zeitungsverkauf nicht ausreichten.
Bis zu diesem Zeitpunkt wussten wir nichts über das damalige
(äußerst leere) Vereinskonto, noch hatten wir Zugriffsrechte
auf dieses. In drei völlig chaotischen Tagen und Nächten
haben wir dann irgendwie die Aprilausgabe fertig gemacht. Kalle
hatte damals gerade mal minimale Grundkenntnisse im Layout und
der Bildbearbeitung. Artikel mussten auf die Schnelle geschrieben
werden und am Donnerstagmorgen, als die Ausgabe fertig war, lagen
wir uns erleichtert in den Armen.
Wir hatten es erstmals alleine geschafft! Jetzt
musste nur noch das heikle Gespräch, wie wir die Druckerei
überzeugen sollten, uns trotz der Misere weiterhin als Kunden
zu akzeptieren, geführt werden. Es klappte, die Druckerei
kam uns sehr entgegen und ließ uns 3 Monate Zeit, um einen
realistischen Rückzahlungsbetrag für die Altschulden
vorzuschlagen. Allerdings wurde uns dieses Problem glücklicherweise
genommen, da ein anonymer Spender unsere gesamten Druckschulden
bezahlte und zudem den Druck der folgenden Ausgabe. Danach fuhren
Kalle und ich total übernächtigt nach Hannover, denn
hier wurde am 1. April der Bundesverband Soziale Straßenzeitungen
gegründet. Hier wurde ich dann in den Vorstand als Verkäufervertreter
gewählt
Zurück in Freiburg haben wir erst einmal eine
Krisensitzung einberufen, denn mittlerweile hatten wir erfahren,
dass der bisherige Vorstand dem Verein FREIeBÜRGER auch noch
über 12.000 DM Mietschulden beschert hatte. Insgesamt beliefen
sich die Gesamtschulden auf ca. 30.000 DM (der Gerichtsvollzieher
gehörte schon fast mit zum Team) und unsere Fotoausrüstung
mussten wir in der Pfandleihe auslösen. Obwohl zu dieser
Zeit ein Schock den andern jagte, musste etwas passieren!
Da gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder
wir hören auf und der alte Vorstand haftet für die Schulden
oder wir übernehmen diesen Scherbenhaufen und wählen
einen neuen Vorstand, der allerdings auch für die gesamten
Schulden aufkommen muss. Da der FREIeBÜRGER für uns
mittlerweile sehr wichtig geworden war, entschieden wir uns spontan
fürs Weitermachen.
Nun hatten wir neben der Zeitungsarbeit auch noch
die ganze Vereinsarbeit am Hals, und das, obwohl wir damals weder
von dem einen, noch von dem anderen viel Plan hatten. Bis zum
heutigen Tag haben wir allerdings viel dazugelernt, sind routinierter
geworden und meistern zu fünft mit (fast) denselben Leuten
auch weiterhin die gesamte Redaktions- und Vereinsarbeit –
wohlgemerkt zum größten Teil alles ehrenamtlich und
unentgeltlich!
Unser Zeichner, ein sensibler Künstler, ließ
uns dann nach der Sommerausgabe ganz ohne Vorwarnung im Stich!
Ab jetzt mussten wir auch noch das Titelbild selber machen und
wir entschlossen uns, nachdem uns auch noch ein Ersatzzeichner
im Stich ließ, ab jetzt nur noch Fotos für die Titelseite
zu machen. Die letzten Woche vor Abgabe arbeiteten wir oft Nächte
lang durch und kurz vor Schluss kam dann fast immer der übliche
Schrei von Kalle: „Mist, uns fehlt noch ´ne Seite!“.
So ging das Jahr 2000 auch zu Ende.
2001
Das Jahr beginnt erfreulich, wir bekommen von der
Stadt Freiburg einen monatlichen Mietkostenzuschuss. Das allgemeine
Chaos geht weiter bis zum Sommer 2002, Kalle verlässt den
FREIeBÜRGER und zieht nach Erfurt. Wir stehen schon wieder
ohne Layouter da und R. ein KOLA-Mitarbeiter springt ein, allerdings
ist das auch schon wieder so ein sensibler Künstler und am
Ende des Jahres trennten wir uns wieder von ihm.
Wie bei vielen anderen Straßenzeitungen, kommt
es auch bei uns zu einem Verkaufseinbruch und im Dezember stehen
wir dadurch vor dem finanziellen Aus! Wieder entwickeln wir auf
einer Krisensitzung ein neues Konzept, welches wir dann auf einer
Pressekonferenz bekannt geben. Der FREIeBÜRGER erscheint
ab 2003 zweimonatlich, um Druckkosten einzusparen. Als diese Nachricht
erscheint, erfahren wir eine große Solidarität aus
der Bevölkerung und es gehen viele Spenden ein.
2003
Wir haben einen neuen Layouter, der voll ins Team
passt. Carina, die bisher nur wenig Layoutkenntnisse hatte, lernt
durch Micky ´ne ganze Menge. Die Zeiten der Nachtschichten
haben ein Ende und durch den neuen Rhythmus müssen wir auch
die Schrift verkleinern, da sich in zwei Monaten jede Menge Artikel
ansammeln, die wir veröffentlichen wollen. Am Ende des Jahres
können wir sagen, es ist geschafft, der FREIeBÜRGER
kommt ab 2004 wieder monatlich heraus.
Da die meiste Arbeit vom Redaktionsteam ehrenamtlich
geleistet wird, entwickeln wir mit Hilfe einer Kennerin ein Arbeitsplatzkonzept.
Diese Idee stellen wir unseren Lesern vor und verschicken 200
Briefe an eventuelle Anzeigenkunden. Im April haben wir unser
Ziel erreicht, die Finanzierung ist für 1 Jahr gesichert
und wir können Carina auf 400-Euro-Basis einstellen, die
kurz zuvor das Layout übernimmt.
Es gäbe noch ´ne Menge zu erzählen,
aber für heute soll´s mal gut sein.
Die letzten Jahre
Rückblickend
kann man sagen: diese Arbeit hat sich gelohnt! Bis auf ca. 1.500
Euro (Mietschulden) haben wir alle Altlasten abgezahlt und stehen
heute finanziell relativ stabil da.
Dies wäre ohne die Unterstützung unserer
Leser und Anzeigenkunden nicht möglich gewesen. Auch die
Stadt Freiburg hat unsere Arbeit unterstützt.
Nachtrag März 2007
Juhuuu! Endlich: Wir haben es geschafft! Wir sind
schuldenfrei!!!
Nachtrag Juni 2008
10 Jahre sind geschafft
|