| Die meisten Bettler, die in einer für sie neuen Stadt
ankommen, werden deshalb die Innenstadt erst einmal aus der Sicht
eines Bettlers erkunden, um so den für sich geeigneten Platz
zu finden.
Diese Stadterkundung beginnt nicht ohne Grund am Bahnhof. In
den meisten Städten ist dies der Eingang zur Innenstadt und
das ist ein Vorteil, denn man ist der erste Bettler, den die Passanten
sehen. Hier sind sie noch nicht genervt vom Einkaufsstress oder
dem zehnten Bettler/Schnorrer, der sie um etwas Kleingeld bittet
und deshalb gibt es noch eine gewisse Spendierbereitschaft, sozusagen
ihr persönliches Eintrittsgeld für die Innenstadt.
Ein
geeigneter Platz ist schnell gefunden, das alte Postgebäude
bietet sich als idealer Ort an. Hier ist eine Wand die dem Bettler
Schutz bietet, denn direkt in einer Schaufensterfront zu sitzen
macht unseren Bettler nervös. Man fühlt sich irgendwie
immer beobachtet. Mittags wird er dann feststellen, dass dieser
Platz zum Betteln nicht mehr geeignet ist, weil sich hier ab ca.
13 Uhr die Drogenszene trifft und die Passanten ihn deshalb auch
damit in Verbindung bringen. „Der gibt sein Geld ja eh nur
für Drogen aus“, denken ab diesem Zeitpunkt die meisten.
Weiter geht es in die Rathausgasse und hier wird es schon schwieriger.
Wegen dem Bächle, kann er die eine Seite komplett vergessen,
denn das ist eine magische Grenze zu seiner Kundschaft. Entweder
fällt das Geld neben die Schale ins Bächle oder die
Kundschaft bekommt nasse Füße. Die andere Seite sieht
auch nicht besser aus: Eine Fensterfront neben der anderen und
wenn er dann mal eine freie Wand gefunden hat, schaut unser Bettler
direkt in das gegenüberliegende Geschäft hinein. Jetzt
fühlt sich das Personal permanent beobachtet.
Kurz vor dem Rathausplatz findet er seinen Platz, allerdings
laufen hier nachmittags die Menschenmassen durch und er geht dann
einfach unter. Also auch nicht der geeignete Arbeitsplatz. In
der Kajo wird es dann noch schlimmer: Wieder eine Fensterfront
nach der anderen und wenn dann endlich mal ein Stück Mauer
vorhanden ist, wird sie von einer dieser vielen Stelltafeln der
Geschäfte zugestellt. An der Sparkasse angekommen, gibt es
eine Wand, allerdings befinden sich hier die Geldautomaten und
die Kundschaft fühlt sich beim Anblick des Bettlers irgendwie
bedroht, obwohl er gar nichts Böses vorhat.
Die gegenüberliegende Seite der Kajo ist ebenfalls nicht
geeignet: Am Kaufhaus Breuninger gibt es genug Platz zum Betteln,
allerdings haben seine lieben „Kollegen“ diesen Platz
mit ihren Saufgelagen und dem zurückgelassenen Müll
selbst kaputt gemacht.
Die Se-curity wird ihn deshalb darauf hinweisen, dass Betteln
hier nicht erwünscht ist und er sich bitte einen anderen
Platz suchen soll.
Strittig dabei ist: Sind die Arkaden öffentlicher Raum oder
Privatgelände? Leider hat der Bettler nicht das notwendige
Geld, um dies rechtlich klären zu lassen.
Beim ehemaligen Cafe Steinmetz sieht es auch nicht anders aus.
Der Brillenladen hat die Schaufensterfront vergrößert
und das Stückchen Wand an der unser Bettler sitzen könnte,
ist zu schmal und außerdem ist er hier auch nicht nur ein
Störfaktor, sondern auch ein Verkehrshindernis, denn Passanten,
die um die Ecke von der Schusterstraße kommen, könnten
über ihn stolpern. Bis zum Martinstor wird unser Bettler
das gleiche Szenario vorfinden.
Bleiben ihm noch die Seitenstraßen. Die Rückseite
vom Kaufhof ist ideal. Der Arbeitsplatz ist überdacht und
bietet, damit einen sicheren Schutz vor Regen. Dies haben auch
einige der einheimischen Straßenmusiker entdeckt und sind
nun der Meinung, direkt neben dem Bettler spielen zu müssen.
|
Hinterlassen
Sie doch einen Kommentar!
- Markieren Sie eine beliebige Textstelle
in diesem Artikel um sie zu kommentieren
- Klicken Sie nun auf das grüne Kreuz, das neben
dem Maus-Cursor erscheint
- Verfassen Sie Ihren Kommentar in dem aufgehendem Formular
Um alle Kommentare lesen zu können...
- klicken Sie auf das schwebende grüne Kreuz in der
Ecke Ihres Browser-Fensters.
|
Nun gibt es allerdings auch in diesem Berufsstand eine Art ungeschriebenes
Gesetz oder Ehrenkodex, in dem ein paar Verhaltensregeln üblich
sind. So ist es eigentlich normal, wenn an diesem Platz schon
jemand ist, dass sich der andere einen anderen Platz sucht und
auch eine gewisse Distanz zum Konkurrenten einhält, damit
jeder sein Geld machen kann. Als der Bettler einen von ihnen darauf
anspricht, bekommt er folgende lapidare Antwort. „Ich mach
doch was anderes und außerdem ist hier ’ne gute Akustik.
Kannst dir ja ’nen anderen Platz suchen!“. Nach einer
halben Stunde gibt der Bettler leicht genervt auf und begibt sich
auf die Suche nach dem nächsten Platz.
Wie man sieht, ist es für einen Bettler gar nicht so einfach
einen passenden Arbeitsplatz in einer Stadt zu finden und ich
habe hier absichtlich einige Sachen nicht erwähnt. Denn wenn
es Sie interessieren sollte, mal an einer etwas anderen Stadtführung
teilnehmen zu wollen, rufen Sie doch einfach bei uns an!
Uli
|