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Mai 2009

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FREIBURG AUS DER SICHT EINES BETTLERS

Die etwas andere Stadtführung... auf Wunsch und gegen Spende

Redaktion FREIeBÜRGER
Tel. 0761 - 319 65 25

 

 

Bettler-Tour


Schon seit einigen Jahren kann man beobachten, wie sich das Innenstadtbild verändert. Immer mehr alteingesessene Geschäfte schließen ihre Pforten. Sie machen Platz für neue Läden, die die Attraktivität der Innenstadt erhöhen sollen. Als Tee-Peter seine Filiale in der Kaiser-Joseph-Straße schließen musste, ist in diesen Geschäftsräumen der x-te Telefonladen Freiburgs eingezogen.

Dieser Trend hat auch Auswirkungen auf Menschen, die am Rande dieser Gesellschaft leben. Die Kajo wird immer mehr zu einer durchgehenden Fensterfront. Für Bettler wird es deshalb immer schwieriger einen geeigneten Platz zu finden, denn welcher Geschäftsinhaber möchte schon direkt vor seinem Schaufenster mit Armut konfrontiert werden, schließlich soll sich die Kundschaft ungestört die Auslagen im Schaufenster anschauen können.

Betteln ist nämlich mehr, als sich einfach nur irgendwohin zu setzen und die Hand oder Bettelschale hinzuhalten, wie die meisten Passanten glauben. Betteln gehört mit zu den ältesten Berufen der Welt und deshalb ist es für einen Bettler wichtig, seinen ganz persönlichen Arbeitsplatz zu finden, an dem er sich wohl fühlt, also genauso wie jeder andere Mensch auch.

 

 

 

Die meisten Bettler, die in einer für sie neuen Stadt ankommen, werden deshalb die Innenstadt erst einmal aus der Sicht eines Bettlers erkunden, um so den für sich geeigneten Platz zu finden.

Diese Stadterkundung beginnt nicht ohne Grund am Bahnhof. In den meisten Städten ist dies der Eingang zur Innenstadt und das ist ein Vorteil, denn man ist der erste Bettler, den die Passanten sehen. Hier sind sie noch nicht genervt vom Einkaufsstress oder dem zehnten Bettler/Schnorrer, der sie um etwas Kleingeld bittet und deshalb gibt es noch eine gewisse Spendierbereitschaft, sozusagen ihr persönliches Eintrittsgeld für die Innenstadt.

Ein geeigneter Platz ist schnell gefunden, das alte Postgebäude bietet sich als idealer Ort an. Hier ist eine Wand die dem Bettler Schutz bietet, denn direkt in einer Schaufensterfront zu sitzen macht unseren Bettler nervös. Man fühlt sich irgendwie immer beobachtet. Mittags wird er dann feststellen, dass dieser Platz zum Betteln nicht mehr geeignet ist, weil sich hier ab ca. 13 Uhr die Drogenszene trifft und die Passanten ihn deshalb auch damit in Verbindung bringen. „Der gibt sein Geld ja eh nur für Drogen aus“, denken ab diesem Zeitpunkt die meisten.

Weiter geht es in die Rathausgasse und hier wird es schon schwieriger. Wegen dem Bächle, kann er die eine Seite komplett vergessen, denn das ist eine magische Grenze zu seiner Kundschaft. Entweder fällt das Geld neben die Schale ins Bächle oder die Kundschaft bekommt nasse Füße. Die andere Seite sieht auch nicht besser aus: Eine Fensterfront neben der anderen und wenn er dann mal eine freie Wand gefunden hat, schaut unser Bettler direkt in das gegenüberliegende Geschäft hinein. Jetzt fühlt sich das Personal permanent beobachtet.

Kurz vor dem Rathausplatz findet er seinen Platz, allerdings laufen hier nachmittags die Menschenmassen durch und er geht dann einfach unter. Also auch nicht der geeignete Arbeitsplatz. In der Kajo wird es dann noch schlimmer: Wieder eine Fensterfront nach der anderen und wenn dann endlich mal ein Stück Mauer vorhanden ist, wird sie von einer dieser vielen Stelltafeln der Geschäfte zugestellt. An der Sparkasse angekommen, gibt es eine Wand, allerdings befinden sich hier die Geldautomaten und die Kundschaft fühlt sich beim Anblick des Bettlers irgendwie bedroht, obwohl er gar nichts Böses vorhat.

Die gegenüberliegende Seite der Kajo ist ebenfalls nicht geeignet: Am Kaufhaus Breuninger gibt es genug Platz zum Betteln, allerdings haben seine lieben „Kollegen“ diesen Platz mit ihren Saufgelagen und dem zurückgelassenen Müll selbst kaputt gemacht.

Die Se-curity wird ihn deshalb darauf hinweisen, dass Betteln hier nicht erwünscht ist und er sich bitte einen anderen Platz suchen soll.

Strittig dabei ist: Sind die Arkaden öffentlicher Raum oder Privatgelände? Leider hat der Bettler nicht das notwendige Geld, um dies rechtlich klären zu lassen.

Beim ehemaligen Cafe Steinmetz sieht es auch nicht anders aus. Der Brillenladen hat die Schaufensterfront vergrößert und das Stückchen Wand an der unser Bettler sitzen könnte, ist zu schmal und außerdem ist er hier auch nicht nur ein Störfaktor, sondern auch ein Verkehrshindernis, denn Passanten, die um die Ecke von der Schusterstraße kommen, könnten über ihn stolpern. Bis zum Martinstor wird unser Bettler das gleiche Szenario vorfinden.

Bleiben ihm noch die Seitenstraßen. Die Rückseite vom Kaufhof ist ideal. Der Arbeitsplatz ist überdacht und bietet, damit einen sicheren Schutz vor Regen. Dies haben auch einige der einheimischen Straßenmusiker entdeckt und sind nun der Meinung, direkt neben dem Bettler spielen zu müssen.

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Nun gibt es allerdings auch in diesem Berufsstand eine Art ungeschriebenes Gesetz oder Ehrenkodex, in dem ein paar Verhaltensregeln üblich sind. So ist es eigentlich normal, wenn an diesem Platz schon jemand ist, dass sich der andere einen anderen Platz sucht und auch eine gewisse Distanz zum Konkurrenten einhält, damit jeder sein Geld machen kann. Als der Bettler einen von ihnen darauf anspricht, bekommt er folgende lapidare Antwort. „Ich mach doch was anderes und außerdem ist hier ’ne gute Akustik. Kannst dir ja ’nen anderen Platz suchen!“. Nach einer halben Stunde gibt der Bettler leicht genervt auf und begibt sich auf die Suche nach dem nächsten Platz.

Wie man sieht, ist es für einen Bettler gar nicht so einfach einen passenden Arbeitsplatz in einer Stadt zu finden und ich habe hier absichtlich einige Sachen nicht erwähnt. Denn wenn es Sie interessieren sollte, mal an einer etwas anderen Stadtführung teilnehmen zu wollen, rufen Sie doch einfach bei uns an!
Uli

 

 

 

 



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