Die Strassenzeitung aus Freiburg

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Oktober 2008











Avantgarde Bettler


Während einer Radiosendung, in der unsere letzte Ausgabe vorgestellt wurde, traf ich auf die Intendantin des Freiburger Stadttheaters, Barbara Mundel und wir vertieften uns vor laufendem Mikrofon in ein sehr interessantes Gespräch. Sie erzählte mir von der Idee, die Bettler-Oper neu aufzuführen und fragte mich, ob das Thema nicht auch für den FREIeBÜRGER spannend wäre.

Sie erklärte mir, dass dieses Projekt so angedacht ist, das neben einigen Schauspielern auch Laien auftreten sollen, die aus der Obdachlosen- bzw. Bettlerszene kommen.

Ich war von dieser Vorstellung begeistert und trug den Plan am nächsten Tag den Kollegen in der Redaktion vor, die natürlich auch sofort dabei waren, so dass wir unsere Mitarbeit anboten.

 

 

Diese sollte zunächst darin bestehen, das Projekt publik zu machen und den ein oder anderen aus unserem Bekanntenkreis zum Mitwirken zu bewegen. Vor ein paar Monaten wurden wir schon einmal angesprochen, ob wir an einem Theaterprojekt von Wohnungslosen mitarbeiten wollen, haben aber damals aus Zeitmangel abgelehnt und dafür Kontakte zwischen Initiator und anderweitigen Einrichtungen vermittelt.

Inzwischen hat eben jener Initiator Michael Labres mit den Leuten von KUNSTHARTZ eine kleine Theatergruppe auf die Beine gestellt, die regelmäßig im Ferdi-Weiß-Haus probt und mittlerweile auch schon eine kleine Aufführung hatte.

Also nahmen wir Kontakt zu ihm auf und hörten erfreut, dass er schon Bescheid wusste und das seine kleine Truppe auch mitmachen will.

Schon ein paar Tage später nahm das Stadttheater dann telefonisch Kontakt zu uns auf und wir vereinbarten dann auch gleich ein Treffen für die darauf folgende Woche, zum gegenseitigen Kennenlernen.

Daran nahm auch Regisseur Christoph Frick teil, der gemeinsam mit Frau Mundel und der Dramaturgin Carolin Hochleichter die Idee zu dem Stück hatte.

Ebenfalls dabei war die bekannte Sängerin Bernadette la Hengst, die für die Aufführung die Musikstücke schreiben und komponieren will und natürlich auch singen wird. Leute aus Michaels Theaterteam nahmen auch daran teil, so dass es eine interessante Runde war und der Nachmittag dann auch ziemlich lang wurde.

Da die Sängerin nur für ein Wochenende in Freiburg war und danach gleich wieder nach Berlin musste, vereinbarten wir ein weiteres Treffen, an dem dann die Leute teilnehmen sollten, die aktiv bei der Aufführung mitwirken wollen. Hier erfuhren wir dann Details darüber, wie die Mitarbeit der Laienschauspieler aussehen soll und wie der Zeitplan bis zur Aufführung ist.

Zurzeit ist das Stück noch in Arbeit, das heißt die Bettleroper wird modernisiert und auf Probleme der Gegenwart umgeschrieben. Im November findet dann ein weiteres Treffen statt, bei dem dann eventuell der Inhalt schon vorgestellt werden kann.

BETTLER-OPER

Die Bettler-Oper ist eine 1728 in London uraufgeführte Oper von John Gay (Text) und Johann Christoph Pepusch (Musik). Der Titel „The Beggar’s Opera“ und bedeutet „Des Bettlers Oper“, nicht wie häufig wiedergegeben Bettleroper. Denn in diesem Originalstück trat ein Bettler vor das Publikum und erzählte eine Geschichte.

Mit seinem Stück wollte der Autor das Großbürgertum im England des 18. Jahrhundert parodieren. Mit der Figur des Peachum, die sich an den bekanntesten Verbrecher jener Zeit anlehnt, wollte Gay gleichzeitig den damaligen britischen Premier karikieren.

Brecht nahm das Stück als Vorlage für seine berühmte Dreigroschenoper, welche genau 100 Jahre später, 1928 mit der Musik von Kurt Weil aufgeführt wurde.

Dabei können auch schon die ersten Proben stattfinden, bei denen dann auch ausgewählt wird, wer sich für den Chor und wer sich als Laienschauspieler eignet.

Diese Anfangsproben finden wahrscheinlich im Ferdinand-Weiß-Haus statt und ab Dezember wird es dann ernst, dann geht es ins Stadttheater zum Üben.

Spätestens ab da wird das Ganze dann ziemlich arbeitsintensiv, so dass die Teilnehmenden mit einigen Stunden pro Tag rechnen können, weil für das Einstudieren des Stückes nun nur noch acht Wochen Zeit verbleiben.

In dem Stück sollen bis zu sechs professionelle Schauspieler, sowie ein Bettlerchor in dem nur Laien singen und sprechen werden.

 

Die Premiere der neuen Bettleroper soll am 31. Januar 2009 stattfinden und insgesamt sind zehn Aufführungen geplant. Hoffen wir, dass alle Beteiligten Spaß an ihrer ungewohnten Arbeit haben werden und das das Stück gut ankommt und das Theater voll wird!

 

Im Folgenden führte ich ein Interview mit Bernadette la Hengst, um mehr über die Hintergründe zu erfahren.

 

Wie ist die Idee entstanden, die Bettleroper neu zu inszenieren und wie kamt ihr dazu, Laien mitspielen zu lassen?

  • Barbara Mundel und Christoph Frick hatten die Idee, wollten aber ursprünglich die Dreigroschenoper als Vorlage nehmen. Hier gab es aber die Schwierigkeit, dass die Erben von Brecht und Weil es nicht zulassen, dass an den Werken der beiden irgendetwas geändert wird. So beschlossen sie, den Vorgänger zu nehmen und aus unserem Team heraus kam dann der Vorschlag, die neue Armut darzustellen und zwar mit authentischen Darstellern, also mit Menschen die unmittelbar betroffen sind.

Warum ist dir die Arbeit an diesem Projekt so wichtig und vor allem die Arbeit mit Laien?

  • Ganz einfach, Armut kann jeden treffen und es kann verdammt schnell gehen, dass man ganz unten landet. Ich selbst habe da persönliche Erfahrungen, denn ich habe jahrelang selbst Straßenmusik gemacht. Die Arbeit mit Laien ist für mich nichts Neues, ich habe auch schon in einem Seniorenheim mit Laienmusikern gearbeitet und auch an sozialen und politischen Kunstprojekten mitgewirkt. Außerdem ist es mir wichtig, dass die Darsteller realistisch rüberkommen und nicht ein Schauspieler einen Armen spielt.

Was hältst du persönlich von Hartz IV und den Folgen für die davon Betroffenen?

  • Ich selbst habe in meinem Bekanntenkreis auch einige, die davon betroffen sind und stelle fest, dass diese Menschen einer wahnsinnigen Tortur unterzogen werden. Die ständigen Ämterwege, die Meldepflicht und die Bettelei nach jedemCent finde ich schlimm. Die Menschen sind dadurch extrem abhängig und an das Amt gekettet. Allein durch die ganze Rennerei wegen den verschiedenen Ämtern entsteht bei manchen Menschen schon die Illusion, eine Arbeit zu haben, weil sie den ganzen Tag beschäftigt sind. Deswegen halte ich von Hartz IV gar nichts und bin für das bedingungslose Grundeinkommen!

Welchen Erfolg erwartet ihr von dem Projekt und kann man damit etwas an der Armut ändern?

  • Das Thema Armut ist immer mehr von Interesse. Ich hoffe, dass sich die einzelnen Besucher des Stückes, danach vielleicht etwas mehr damit beschäftigen, aber an konkrete Resultate denke ich vorher nicht. Interessanter ist es für mich, wie sich die Darsteller während der Arbeiten entwickeln und was sie dem Zuschauer letztendlich vermitteln können.

Wer kann alles mitmachen und wo können sich Interessenten melden?

  • Mitmachen kann grundsätzlich jeder, der Lust hat am Theaterspielen oder an der Musik. Melden kann man sich im Ferdinand-Weiß-Haus bzw. beim FREIeBÜRGER.

 

 

BERNADETTE LA HENGST

Die vielfältige Künstlerin wurde 1967 im Kurort Bad Salzuflen als Bernadette Hengst geboren. Bereits mit 19 Jahren veröffentlichte sie erste Musikstücke auf verschiedenen Cassetten-Samplern. Mit Anfang 20 zog sie dann nach Berlin, um dort als Schauspielerin zu arbeiten. Im Wendejahr 1989 ging Bernadette la Hengst nach Hamburg, wo sie ein Jahr später die Band „Die Braut Haut Ins Auge“ gründete. In den nächsten zehn Jahren produziert die Band, in der Bernadette Sängerin und Gitarristin ist, vier Alben, mit feinem Indie-Rock.

Nachdem sich die Band im Jahre 2000 auflöste, versuchte sie sich eine zeitlang in anderen Bereichen, bevor sie 2002 ihr erstes Solo-Album produzierte. Anschließend folgte eine Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. 2003 bekam sie für ihre Arbeit den Künstlerpreis von NRW. Ein Jahr später verlegte sie ihren Wohnsitz zurück nach Berlin, wo sie dann eine Tochter zur Welt brachte. Ein Jahr später brachte sie ihr zweites Soloalbum „La Beat“ heraus, wieder gefolgt von einer längeren Tournee, welche die Künstlerin diesmal sogar bis London führte. Inzwischen ist ihr drittes Soloalbum „Machinette“ erschienen.

Carsten

 

 

 

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