Die Strassenzeitung aus Freiburg
  

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Mahlzeit! Heute ist Sonntag, der 01. August 2010


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Der Augustin – Die Straßenzeitung aus Wien


„Dass eine Straßenzeitung in Wien Augustin’ heißen würde, war naheliegend. In der Wiener Legende ist der Augustin der erste bekannte Sandler*, ein Alkoholiker, der so betrunken war, dass er sogar die Pest überlebte“, erzählt Robert Sommer, Chefredakteur und Mitbegründer des Augustin.

Seit über 30 Jahren ist Sommer im Journalismus tätig, davon verbrachte er fast 20 Jahre bei der „Volksstimme“, einer parteieigenen Zeitung der Kommunistischen Partei Österreichs. Bei dieser Zeitung arbeitete Sommer mit Max Wachter zusammen und gemeinsam gaben sie, neben ihrer Tätigkeit bei der Volksstimme, den „UHUDLA“ heraus, eine alternative Zeitung aus dem Burgenland, die auch heute noch in Wien verbreitet wird.



Weitere Infos im Internet unter: www.augustin.or.at

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Mit der Zeit wurde der UHUDLA zu einer Art Testlabor für eine zukünftige Straßenzeitung, die die beiden unbedingt machen wollten.

Sie richteten eine Schreiberwerkstatt ein, stellten den Leuten von der Straße einen Platz für Straßenpoesie zur Verfügung und machten sich auf die Suche nach Obdachlosen, die den UHUDLA verkaufen wollten.Später dann trafen die beiden Journalisten auf eine Gruppe von Studenten der Sozialakademie, die ein neues soziales Projekt starten wollten und zusammen mit dieser Gruppe gründeten sie die Straßenzeitung „Augustin“ - Sozialprojekt und Medium.

Diese Mischung war perfekt, denn Sommer und Wachter wussten, wie man eine Zeitung macht und die Sozialarbeiter wussten um die Probleme im Sozialbereich. Allen Beteiligten des Projektes Augustin war es von Anfang an wichtig, auf eine finanzielle Förderung, ob nun aus öffentlicher oder kirchlicher Hand, zu verzichten um möglichst unabhängig zu bleiben.

Das ist auch heute, nach 10 Jahren, noch so. Mittlerweile ist die Wiener Straßenzeitung, neben der Hamburger Hinz&Kunzt, mit einer monatlichen Auflage von derzeit ca. 70.000 Exemplaren die auflagenstärkste Zeitung im deutschsprachigen Raum und gehört wohl eher mit zu der „unbequemen Sorte“ Straßenzeitung.

Die Balance des Augustin zwischen Sozialkritik, parteilichem Journalismus und einer gewissen Sozialromantik, wie manche Kritiker meinen, ist eine prekäre.

So muss Robert Sommer, der auf der regelmäßig erscheinenden „Heroes“-Seite des Augustin immer wieder Augustin-VerkäuferInnen portraitiert, gelegentlich die Schelte diverser Ämter in Kauf nehmen, wenn er die Sicht der Benachteiligten unverstellt wiedergibt.

Auch die politische Einmischung ist dem Augustin wichtig, vor allem, wenn es darum geht, individuelles Elend in Gesellschaftskritik und politische Forderungen zu verwandeln. Die Politik, die der Augustin betreibt, ist allerdings fern aller Parteiprogramme, eher geht es dem Augustin um den einzelnen Menschen.

Der Augustin stellt politische Forderungen wie z.B. Freifahrt für Obdachlose oder Verbesserung der Lebensbedingungen für Asylbewerber.

Er benutzt auch die politische Sprache und gängige politische Mittel wie Demos oder Flugblätter, lässt dann den Staat aber wieder Staat sein und schaut, dass sich die Menschen besser vertragen.

„Wir bemühen uns, ein Klima zu erzeugen, wo die Schwächsten nicht als Sündenböcke herhalten müssen“, umreißt Sommer eines der Ziele des Augustin.

An Leuten, die beim Augustin mitarbeiten wollen, mangelt es wahrhaftig nicht, denn es gibt eine Menge Leute, die aus diesem Hamsterrad von Leistung, Stress und der Jagd nach Geld heraus wollen und ebenso viele, die schon – mehr oder weniger lange – draußen sind.

Die unverwechselbare Mischung, die den Augustin ausmacht, besteht u. a. darin, dass sich dort Texte von Obdachlosen, Leuten aus dem Häfen**, Asylbewerbern, Arbeitslosen, Künstlern, professionellen Journalisten und Experten aus dem Sozialbereich in gleicher Weise nebeneinander wiederfinden. Und Chefredakteur Robert Sommer meint: „Einer meiner Aufgaben liegt darin, den Leuten Mut zum Schreiben zu machen. Ich erkenn selber keine journalistischen Regeln an und lass daher auch bei anderen sehr viel gelten, auch Texte, die sehr unbeholfen sind“.

Ihm kommt es darauf an, dass diejenigen zum Schreiben ermutigt werden, die sonst nicht gehört werden, weil sie sich nicht so gut ausdrücken können. Wie ja bereits erwähnt, erscheint der Augustin heute mit einer monatlichen Auflage von fast 70.000 Exemplaren. Dass das so ist, ist einem ausgedehnten Netz von Straßenverkäufern zu verdanken.

Auch hat der Augustin im Vergleich zu anderen Straßenzeitungen in Deutschland, der Schweiz oder auch in Osteuropa einen relativ hohen Anteil von Asylbewerbern im Straßenverkauf. Das hat sich auch auf die Zeitung ausgewirkt. Es hat das Image des Augustin als eine reine Obdachlosenzeitung verändert.

Ein Drittel der Verkäufer sind Afrikaner. Diese Entwicklung,als Ausdruck von Globalisierung, als ein Zusammenrücken der Welt, führte zu einem Blick über den eigenen Tellerrand. Antirassismus wurde mit den schwarzen Verkäufern beim Augustin zu einem wichtigen Thema. Teile der festen Leserschaft konnten anfangs diese neue Buntheit nicht akzeptieren, wollten sie mit dem Augustin doch vor allem die „eigenen Armen“ unterstützt sehen.

Doch der Augustin ist kein Integrationsprojekt nur für Wiener, sondern eines für alle Menschen, die in Wien leben, egal woher sie kommen. Wobei der Augustin in seiner Arbeit den Begriff „Integration“ ganz sicher nicht mit „Eingliederung“ definiert, umso weniger, wenn Integration z.B. Eingliederung in den regulären Arbeitsmarkt bedeutet.

Eine so eng verstandene Integration ist für den Augustin kein Kriterium, zumal die ökonomischen Rahmenbedingungen, die solche Wiedereingliederungen ermöglichen sollen, immer ungünstiger werden. Ziel des Augustin ist vielmehr, bisher Ohnmächtige zu ermächtigen, in Zukunft eigene, selbstgewählte Wege zu gehen und dabei so wenig wie möglich auf die Hilfe Dritter angewiesen zu sein.

Ob diese Menschen ihr Leben nun innerhalb oder außerhalb der regulären Arbeitswelt, innerhalb oder außerhalb der gesellschaftlichen Normen suchen, bleibt ihnen überlassen. Unterstützt werden sie allemal. Ein weiteres Ziel des Augustin ist auch, Berührungspunkte zwischen sozialen Milieus zu schaffen, die ansonsten wie durch eine „chinesische Mauer“ getrennt sind. Der Augustin bietet sich als „Fenster“ an, das den Menschen den Einblick in die jeweils andere Welt gewährt:

Der „Normalgesellschaft“ in die Welt der „Randgruppen“, den „Außenseitern“ in die Welt der „Dazugehörenden“.

Eine Untersuchung der internationalen Straßenzeitungsszene unterscheidet zwischen den eher aufklärungs- und den eher verkaufsorientierten Straßenzeitungen. Der Augustin verfolgt beide Richtungen.

Einerseits betreibt er eine Interessenvertretung für die benachteiligten Randgruppen unserer Gesellschaft, informiert über die Tätigkeiten sozialer Projekte und Initiativen, versteht sich als gesellschaftskritische Tribüne; andererseits wendet er sich mit einem gewinnorientierten Journalismus (Schreibstil, Themenvielfalt, Service-Angebote, Anti- Horoskop, Leserbindungs-Elemente, wie Rätsel usw.) an ein Massenpublikum. Wiens Straßenzeitung wurde im September 1995 nach dem Vorbild anderer internationaler Straßenzeitungen gegründet, war im ersten Jahrgang 24 Seiten stark und erschien monatlich in einer Auflage von 6.000 bis 10.000 Exemplaren, die von einem Duzend obdachloser Menschen verkauft wurden.
Mittlerweile erscheint der Augustin 14-tägig mit 48 Seiten in einer Auflage von durchschnittlich 34.000 Exemplaren (also 68.000 monatlich) und wird von rund 400 Verkäufern (Obdachlosen,Langzeit-Erwerbslosen, Drogenkonsumenten, Flüchtlingen u. a.) vertrieben. Erfolgsdruck gibt es dabei keinen, denn jeder Einzelne kann für sich allein bestimmen, wie viele Zeitungen er verkaufen will.

Auch gibt es keine festgelegten Verkaufsplätze.

Die Verkäufer selbst bezahlen einen Euro pro Zeitung und verkaufen sie dann auf der Straße zu einem Festpreis von zwei Euro. Neueinsteiger bekommen erst mal 15 Zeitungen umsonst, damit sie ausprobieren können, ob ihnen eine Verkäufertätigkeit liegt.

Diese Einstiegshilfe ist mit ein Grund dafür, dass seit Zeitungsgründung bis heute an die 3000 Wiener Obdachlose Kontakt zum Augustin aufgenommen haben. Das nicht subventionierte Projekt „Augustin“ finanziert sich zu 95% selbst aus den Zeitungseinnahmen (die restlichen 5% sind private Spenden) und kann nebenbei noch zehn Leuten zumindest eine (Teilzeit-)Arbeit garantieren. Darunter befinden sich diplomierte Sozialarbeiter, Journalisten und Grafiker, ie ein festes Team beim Augustin und gleichzeitig auch den Vorstand des gemeinnützigen Herausgebervereins „Sand & Zeit“ bilden.

*Wiener Ausdruck für Obdachlose
**Dem Häfen - Bezeichnung für Gefängnis

Das Interview
Sodele, das waren bis jetzt ja schon reichlich viele Informationen über die Wiener Straßenzeitung. Da wir aber selbst Straßenzeitungshersteller sind, interessieren wir uns natürlich noch für ein paar andere Dinge. Deswegen werden wir die Augustin-Macher zu guter Letzt noch mit ein paar Fragen malträtieren.

Hallo Leute, seid ihr denn die einzige Straßenzeitung in Österreich?

Nein, natürlich nicht. Es gibt auch noch in Tirol, Innsbruck, Salzburg, Linz, Graz und in Wiener Neustadt Straßenzeitungen. Außerdem gibt es neben dem Augustin in Wien noch die „Bunte“, die ausschließlich von Schwarzafrikanern verkauft wird.

Hat einer aus euerm festen Redaktionsteam schon selbst mal die Zeitung verkauft?

Nein.

Habt ihr in eurer Redaktion regelmäßig Kontakt zu den Verkäufern?

Ja, aber natürlich nicht in dem Ausmaß wie im Vertriebsbüro, wo die Zeitungen ausgegeben werden.

Wie viele obdachlose Verkäufer habt ihr zurzeit? Und,wie viele Menschen leben momentan ausschließlich vom Augustin-Verkauf?

Im Moment haben wir so ca. 250 VerkäuferInnen, die keine eigene Wohnung haben. Wer ausschließlich vom Augustin Verkauf lebt, lässt sich nicht wirklich überprüfen.

Euer festes Redaktionsteam bildet auch gleichzeitig den Vorstand. Wächst euch diese zweifache Aufgabe nicht ab und zu über den Kopf?

Diese Doppelaufgabe ist Voraussetzung unserer hierarchielosen Organisation und bereichert zudem auch die Arbeit. Unsere Redakteure und Sozialarbeiter sind somit für mehr als nur ihren eigenen Bereich zuständig. Natürlich ist es manchmal auch recht belastend!

Bei rund 400 Verkäufern kommt es doch sicherlich auch mal zu Reibereien, z.B. um Verkaufsplätze. Wie geht ihr damit um?

Die Vermittlung bei Konflikten um Verkaufsplätze geschieht durch die Kommunikation im Vertriebsbüro und durch Kontrolle auf der Straße seitens unserer Sozialarbeiter.


Ein Drittel eurer Verkäufer sind afrikanische Asylbewerber. Wie kam es dazu?

Die Verschärfung der staatlichen Asylpolitik machte immer mehr Asylbewerber mittellos und durch den Verkauf der Straßenzeitung können sie sich zumindest ein paar Euro für Existenzielles „verdienen“.

Haben bei euch die Asylbewerber denn das Recht dazu, ihr eigenes Geld zu verdienen? Bei uns haben das die meisten leider nicht. Falls das bei euch auch so ist: Wie habt ihr das für eure Leute geregelt?

Unsere Definition dazu: Augustin verkaufen gilt nicht als Beschäftigung im herkömmlichen Sinn oder laut Gesetz. Im Moment läuft ein Gerichtsverfahren, in dem genau dies thematisiert wird und bei dem wir auf einen Ausgang zu unseren Gunsten hoffen.

Wie viele Menschen leben zurzeit in Wien auf der Straße? (Ungefähr)

Laut Caritas ca. 1000 Menschen, wobei wir glauben, dass die Dunkelziffer weit höher ist.

Gibt es, eurer Meinung nach, genügend Hilfsangebote für diese Menschen?

Zu wenig Hilfsangebote gibt es vor allem für Drogenkranke, Alkoholiker, obdachlose Frauen, Asylbewerber mit Ablehnungsbescheid und psychisch Kranke.

Wie „sicher“ leben WieneObdachlose? Gibt es bei euch gewalttätige Übergriffe auf obdachlose Menschen?Bezüglich physischer Gewalt leben Wiener Obdachlose relativ sicher. Relativ unsicher dagegen in Bezug auf Aufenthaltsrecht im öffentlichen Raum.

Bei uns gibt es die Tendenz, dass immer mehr Minderjährige und Menschen mit psychischen Problemen auf der Straße landen. Ist das bei euch auch so?

Ja, das deckt sich mit unseren Erfahrungen.

Ihr habt ja im September letzten Jahres euer 10-jähriges Bestehen gefeiert. Wie sieht eure Zwischenbilanz aus? Seid ihr zufrieden mit dem, was ihr in diesen 10 Jahren bewirkt habt?

Zufrieden sind wir, was die Auflagensteigerung betrifft, aber auch über die innere Dynamik, durch die sich viele Projekte innerhalb des Projektes gebildet haben. (Radio, Radiowerkstatt, Schreibwerkstatt, Fußball, Obdachlosen-Chor, Theatergruppe und seit 22.12.05 gibt es auf einem Wiener Sender auch Augustin-TV.)

Zufrieden sind wir auch, was die Akzeptanz in der Bevölkerung betrifft, d.h., der Augustin ist aus Wien nicht mehr wegzudenken. Als alternatives, sozialkritisches Medium und als Sozialprojekt, wo Menschen, die woanders keine Möglichkeit haben, ein paar Euro verdienen können. Wir bedanken uns ganz herzlich für dieses Interview und sämtliche Informationen und wünschen euch auch weiterhin ein erfolgreiches Schaffen!

Spezieller Dank noch an Angela, die so viel Geduld mit mir hatte!

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