Sie richteten eine Schreiberwerkstatt ein, stellten den Leuten
von der Straße einen Platz für Straßenpoesie
zur Verfügung und machten sich auf die Suche nach Obdachlosen,
die den UHUDLA verkaufen wollten.Später dann trafen die
beiden Journalisten auf eine Gruppe von Studenten der Sozialakademie,
die ein neues soziales Projekt starten wollten und zusammen
mit dieser Gruppe gründeten sie die Straßenzeitung
„Augustin“ - Sozialprojekt und Medium.
Diese Mischung war perfekt, denn Sommer und Wachter wussten,
wie man eine Zeitung macht und die Sozialarbeiter wussten um
die Probleme im Sozialbereich. Allen Beteiligten des Projektes
Augustin war es von Anfang an wichtig, auf eine finanzielle
Förderung, ob nun aus öffentlicher oder kirchlicher
Hand, zu verzichten um möglichst unabhängig zu bleiben.
Das ist auch heute, nach 10 Jahren, noch so. Mittlerweile ist
die Wiener Straßenzeitung, neben der Hamburger Hinz&Kunzt,
mit einer monatlichen Auflage von derzeit ca. 70.000 Exemplaren
die auflagenstärkste Zeitung im deutschsprachigen Raum
und gehört wohl eher mit zu der „unbequemen Sorte“
Straßenzeitung.
Die Balance des Augustin zwischen Sozialkritik, parteilichem
Journalismus und einer gewissen Sozialromantik, wie manche Kritiker
meinen, ist eine prekäre.
So muss Robert Sommer, der auf der regelmäßig erscheinenden
„Heroes“-Seite des Augustin immer wieder Augustin-VerkäuferInnen
portraitiert, gelegentlich die Schelte diverser Ämter in
Kauf nehmen, wenn er die Sicht der Benachteiligten unverstellt
wiedergibt.
Auch die politische Einmischung ist dem Augustin wichtig, vor
allem, wenn es darum geht, individuelles Elend in Gesellschaftskritik
und politische Forderungen zu verwandeln. Die Politik, die der
Augustin betreibt, ist allerdings fern aller Parteiprogramme,
eher geht es dem Augustin um den einzelnen Menschen.
Der Augustin stellt politische Forderungen wie z.B. Freifahrt
für Obdachlose oder Verbesserung der Lebensbedingungen
für Asylbewerber.
Er benutzt auch die politische Sprache und gängige politische
Mittel wie Demos oder Flugblätter, lässt dann den
Staat aber wieder Staat sein und schaut, dass sich die Menschen
besser vertragen.
„Wir bemühen uns, ein Klima zu erzeugen, wo
die Schwächsten nicht als Sündenböcke herhalten
müssen“, umreißt Sommer eines der Ziele
des Augustin.
An Leuten, die beim Augustin mitarbeiten wollen, mangelt es
wahrhaftig nicht, denn es gibt eine Menge Leute, die aus diesem
Hamsterrad von Leistung, Stress und der Jagd nach Geld heraus
wollen und ebenso viele, die schon – mehr oder weniger
lange – draußen sind.
Die unverwechselbare Mischung, die den Augustin ausmacht, besteht
u. a. darin, dass sich dort Texte von Obdachlosen, Leuten aus
dem Häfen**, Asylbewerbern,
Arbeitslosen, Künstlern, professionellen Journalisten und
Experten aus dem Sozialbereich in gleicher Weise nebeneinander
wiederfinden. Und Chefredakteur Robert Sommer meint: „Einer
meiner Aufgaben liegt darin, den Leuten Mut zum Schreiben zu
machen. Ich erkenn selber keine journalistischen Regeln an und
lass daher auch bei anderen sehr viel gelten, auch Texte, die
sehr unbeholfen sind“.
Ihm kommt es darauf an, dass diejenigen zum Schreiben ermutigt
werden, die sonst nicht gehört werden, weil sie sich nicht
so gut ausdrücken können. Wie ja bereits erwähnt,
erscheint der Augustin heute mit einer monatlichen Auflage von
fast 70.000 Exemplaren. Dass das so ist, ist einem ausgedehnten
Netz von Straßenverkäufern zu verdanken.
Auch hat der Augustin im Vergleich zu anderen Straßenzeitungen
in Deutschland, der Schweiz oder auch in Osteuropa einen relativ
hohen Anteil von Asylbewerbern im Straßenverkauf. Das
hat sich auch auf die Zeitung ausgewirkt. Es hat das Image des
Augustin als eine reine Obdachlosenzeitung verändert.
Ein Drittel der Verkäufer sind Afrikaner. Diese Entwicklung,als
Ausdruck von Globalisierung, als ein Zusammenrücken der
Welt, führte zu einem Blick über den eigenen Tellerrand.
Antirassismus wurde mit den schwarzen Verkäufern beim Augustin
zu einem wichtigen Thema. Teile der festen Leserschaft konnten
anfangs diese neue Buntheit nicht akzeptieren, wollten sie mit
dem Augustin doch vor allem die „eigenen Armen“
unterstützt sehen.
Doch der Augustin ist kein Integrationsprojekt nur für
Wiener, sondern eines für alle Menschen, die in Wien leben,
egal woher sie kommen. Wobei der Augustin in seiner Arbeit den
Begriff „Integration“ ganz sicher nicht mit „Eingliederung“
definiert, umso weniger, wenn Integration z.B. Eingliederung
in den regulären Arbeitsmarkt bedeutet.
Eine so eng verstandene Integration ist für den Augustin
kein Kriterium, zumal die ökonomischen Rahmenbedingungen,
die solche Wiedereingliederungen ermöglichen sollen, immer
ungünstiger werden. Ziel des Augustin ist vielmehr, bisher
Ohnmächtige zu ermächtigen, in Zukunft eigene, selbstgewählte
Wege zu gehen und dabei so wenig wie möglich auf die Hilfe
Dritter angewiesen zu sein.
Ob diese Menschen ihr Leben nun innerhalb oder außerhalb
der regulären Arbeitswelt, innerhalb oder außerhalb
der gesellschaftlichen Normen suchen, bleibt ihnen überlassen.
Unterstützt werden sie allemal. Ein weiteres Ziel des Augustin
ist auch, Berührungspunkte zwischen sozialen Milieus zu
schaffen, die ansonsten wie durch eine „chinesische Mauer“
getrennt sind. Der Augustin bietet sich als „Fenster“
an, das den Menschen den Einblick in die jeweils andere Welt
gewährt:
Der „Normalgesellschaft“ in die Welt der „Randgruppen“,
den „Außenseitern“ in die Welt der „Dazugehörenden“.
Eine Untersuchung der internationalen Straßenzeitungsszene
unterscheidet zwischen den eher aufklärungs- und den eher
verkaufsorientierten Straßenzeitungen. Der Augustin verfolgt
beide Richtungen.
Einerseits betreibt er eine Interessenvertretung für die
benachteiligten Randgruppen unserer Gesellschaft, informiert
über die Tätigkeiten sozialer Projekte und Initiativen,
versteht sich als gesellschaftskritische Tribüne; andererseits
wendet er sich mit einem gewinnorientierten Journalismus (Schreibstil,
Themenvielfalt, Service-Angebote, Anti- Horoskop, Leserbindungs-Elemente,
wie Rätsel usw.) an ein Massenpublikum. Wiens Straßenzeitung
wurde im September 1995 nach dem Vorbild anderer internationaler
Straßenzeitungen gegründet, war im ersten Jahrgang
24 Seiten stark und erschien monatlich in einer Auflage von
6.000 bis 10.000 Exemplaren, die von einem Duzend obdachloser
Menschen verkauft wurden.
Mittlerweile erscheint der Augustin 14-tägig mit 48 Seiten
in einer Auflage von durchschnittlich 34.000 Exemplaren (also
68.000 monatlich) und wird von rund 400 Verkäufern (Obdachlosen,Langzeit-Erwerbslosen,
Drogenkonsumenten, Flüchtlingen u. a.) vertrieben. Erfolgsdruck
gibt es dabei keinen, denn jeder Einzelne kann für sich
allein bestimmen, wie viele Zeitungen er verkaufen will.
Auch gibt es keine festgelegten Verkaufsplätze.
Die Verkäufer selbst bezahlen einen Euro pro Zeitung
und verkaufen sie dann auf der Straße zu einem Festpreis
von zwei Euro. Neueinsteiger bekommen erst mal 15 Zeitungen
umsonst, damit sie ausprobieren können, ob ihnen eine Verkäufertätigkeit
liegt.
Diese Einstiegshilfe ist mit ein Grund dafür, dass seit
Zeitungsgründung bis heute an die 3000 Wiener Obdachlose
Kontakt zum Augustin aufgenommen haben. Das nicht subventionierte
Projekt „Augustin“ finanziert sich zu 95% selbst
aus den Zeitungseinnahmen (die restlichen 5% sind private Spenden)
und kann nebenbei noch zehn Leuten zumindest eine (Teilzeit-)Arbeit
garantieren. Darunter befinden sich diplomierte Sozialarbeiter,
Journalisten und Grafiker, ie ein festes Team beim Augustin
und gleichzeitig auch den Vorstand des gemeinnützigen Herausgebervereins
„Sand & Zeit“ bilden.
*Wiener Ausdruck für Obdachlose
**Dem Häfen - Bezeichnung für Gefängnis
Das Interview
| Sodele, das waren bis
jetzt ja schon reichlich viele Informationen über die
Wiener Straßenzeitung. Da wir aber selbst Straßenzeitungshersteller
sind, interessieren wir uns natürlich noch für
ein paar andere Dinge. Deswegen werden wir die Augustin-Macher
zu guter Letzt noch mit ein paar Fragen malträtieren.
Hallo Leute, seid ihr denn die einzige Straßenzeitung
in Österreich?
Nein, natürlich nicht. Es gibt auch noch in Tirol,
Innsbruck, Salzburg, Linz, Graz und in Wiener Neustadt
Straßenzeitungen. Außerdem gibt es neben dem
Augustin in Wien noch die „Bunte“, die ausschließlich
von Schwarzafrikanern verkauft wird.
Hat einer aus euerm festen Redaktionsteam schon
selbst mal die Zeitung verkauft?
Nein.
Habt ihr in eurer Redaktion regelmäßig
Kontakt zu den Verkäufern?
Ja, aber natürlich nicht in dem Ausmaß wie
im Vertriebsbüro, wo die Zeitungen ausgegeben werden.
Wie viele obdachlose Verkäufer habt ihr
zurzeit? Und,wie viele Menschen leben momentan ausschließlich
vom Augustin-Verkauf?
Im Moment haben wir so ca. 250 VerkäuferInnen,
die keine eigene Wohnung haben. Wer ausschließlich
vom Augustin Verkauf lebt, lässt sich nicht wirklich
überprüfen.
Euer festes Redaktionsteam bildet auch gleichzeitig
den Vorstand. Wächst euch diese zweifache Aufgabe
nicht ab und zu über den Kopf?
Diese Doppelaufgabe ist Voraussetzung unserer hierarchielosen
Organisation und bereichert zudem auch die Arbeit. Unsere
Redakteure und Sozialarbeiter sind somit für mehr
als nur ihren eigenen Bereich zuständig. Natürlich
ist es manchmal auch recht belastend!
Bei rund 400 Verkäufern kommt es doch sicherlich
auch mal zu Reibereien, z.B. um Verkaufsplätze. Wie
geht ihr damit um?
Die Vermittlung bei Konflikten um Verkaufsplätze
geschieht durch die Kommunikation im Vertriebsbüro
und durch Kontrolle auf der Straße seitens unserer
Sozialarbeiter.
Ein Drittel eurer Verkäufer sind afrikanische Asylbewerber.
Wie kam es dazu?
Die Verschärfung der staatlichen Asylpolitik machte
immer mehr Asylbewerber mittellos und durch den Verkauf
der Straßenzeitung können sie sich zumindest
ein paar Euro für Existenzielles „verdienen“.
Haben bei euch die Asylbewerber denn das Recht
dazu, ihr eigenes Geld zu verdienen? Bei uns haben das
die meisten leider nicht. Falls das bei euch auch so ist:
Wie habt ihr das für eure Leute geregelt?
Unsere Definition dazu: Augustin verkaufen gilt nicht
als Beschäftigung im herkömmlichen Sinn oder
laut Gesetz. Im Moment läuft ein Gerichtsverfahren,
in dem genau dies thematisiert wird und bei dem wir auf
einen Ausgang zu unseren Gunsten hoffen.
Wie viele Menschen leben zurzeit in Wien auf
der Straße? (Ungefähr)
Laut Caritas ca. 1000 Menschen, wobei wir glauben, dass
die Dunkelziffer weit höher ist.
Gibt es, eurer Meinung nach, genügend Hilfsangebote
für diese Menschen?
Zu wenig Hilfsangebote gibt es vor allem für Drogenkranke,
Alkoholiker, obdachlose Frauen, Asylbewerber mit Ablehnungsbescheid
und psychisch Kranke.
Wie „sicher“ leben WieneObdachlose?
Gibt es bei euch gewalttätige Übergriffe auf
obdachlose Menschen?Bezüglich physischer
Gewalt leben Wiener Obdachlose relativ sicher. Relativ
unsicher dagegen in Bezug auf Aufenthaltsrecht im öffentlichen
Raum.
Bei uns gibt es die Tendenz, dass immer mehr
Minderjährige und Menschen mit psychischen Problemen
auf der Straße landen. Ist das bei euch auch so?
Ja, das deckt sich mit unseren Erfahrungen.
Ihr habt ja im September letzten Jahres euer
10-jähriges Bestehen gefeiert. Wie sieht eure Zwischenbilanz
aus? Seid ihr zufrieden mit dem, was ihr in diesen 10
Jahren bewirkt habt?
Zufrieden sind wir, was die Auflagensteigerung betrifft,
aber auch über die innere Dynamik, durch die sich
viele Projekte innerhalb des Projektes gebildet haben.
(Radio, Radiowerkstatt, Schreibwerkstatt, Fußball,
Obdachlosen-Chor, Theatergruppe und seit 22.12.05 gibt
es auf einem Wiener Sender auch Augustin-TV.)
Zufrieden sind wir auch, was die Akzeptanz in der Bevölkerung
betrifft, d.h., der Augustin ist aus Wien nicht mehr wegzudenken.
Als alternatives, sozialkritisches Medium und als Sozialprojekt,
wo Menschen, die woanders keine Möglichkeit haben,
ein paar Euro verdienen können. Wir bedanken uns
ganz herzlich für dieses Interview und sämtliche
Informationen und wünschen euch auch weiterhin ein
erfolgreiches Schaffen!
Spezieller Dank noch an Angela, die so viel Geduld mit
mir hatte! |
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