Die Strassenzeitung aus Freiburg

Guten Morgen! Heute ist Donnerstag, der 09. September 2010

 


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Dezember 2007

 

 


Besser spät als nie!


Nach einer Untersuchung des Statistischen Bundesamtes ist jeder achte Einwohner in Deutschland von Armut bedroht; er muss also mit weniger als 60 Prozent des bundesweiten mittleren Einkommens in Höhe von 1427 Euro netto im Monat auskommen. Knapp 13 Prozent der arbeitenden Menschen haben gerade einmal 856 Euro monatlich zur Verfügung.

Herr A. ist einer von ihnen. Er geht jeden Tag arbeiten, zahlt von seinem Lohn die Miete für seine Wohnung und nachdem er alle weiteren laufenden Nebenkosten (Strom, Telefon, Monatskarte usw.) bezahlt hat, bleiben ihm gerade einmal 310,- Euro zum Leben.
Davon muss er (genau wie ein ALG-II-Empfänger) für einmalige Anschaffungen (Bekleidung, Kühlschrank usw.) Rücklagen bilden. Da Herr A. seine Wohnung mit Holz/Kohle heizen muss und ihm dafür das Geld fehlt, geht er Anfang Oktober zur ARGE um dort einen Antrag auf Brennstoffbeihilfe zu stellen.

 






Nachdem er eine Wartenummer aus dem Automaten gezogen hat und feststellt, dass noch 30 Leute vor ihm dran sind, stellt er sich auf eine längere Wartezeit ein. Erstaunlicherweise wird er schon nach einer guten halben Stunde aufgerufen und zur Kundentheke gebeten. Dort gibt er dann seinen Antrag und die notwendigen Unterlagen (Verdienstbescheinigung, Mietvertrag und die Kontoauszüge der letzten 3 Monate) ab. Die Sachbearbeiterin macht sich Kopien von den Unterlagen und erklärt Herrn A., dass war es schon und der Bescheid würde ihm zugeschickt.

Schon eine Woche später liegt Post von der ARGE im Briefkasten und Herr A. kann nicht verstehen, warum immer wieder über die ARGE geschimpft wird, dass sie so langsam arbeitet.
Er öffnet den Brief um dort Folgendes zu lesen: „…hiermit bestätigen wir Ihren formlosen Antrag auf Brennstoffbeihilfe. Um diesen bearbeiten zu können, ist es notwendig, einen formellen Antrag zu stellen“. Ein solcher Antrag liegt dem Schreiben allerdings nicht bei und Herr A. nimmt sich noch einmal einen halben Tag frei und geht erneut zur ARGE. Nach einer halben Stunde Wartezeit steht er erneut vor der Kundentheke und zeigt der Sachbearbeiterin das Schreiben. Er möchte bitte in den Wartebereich Nummer 007 gehen und dort würde man ihn dann aufrufen.

Hier warten ca. 30 Leute und die meisten stehen irgendwo rum oder laufen nervös auf und ab, denn die Bestuhlung ist hier knapp bemessen. Links und rechts an der Wand stehen Schreibtische mit einem Monitor, PC, Tastatur und Maus. Diese Technik kann allerdings nicht genutzt werden um die Wartezeit zu verkürzen, denn die PCs sind nicht angeschlossen und der Monitor ist zur Wand ausgerichtet. Immer wieder schaut einer der Wartenden auf die Uhr und schimpft leise vor sich hin.

Gut 10 Büros gibt es in diesem Wartebereich, allerdings wird anscheinend nur in 3 Büros gearbeitet, denn die anderen Türen öffnen sich nur, wenn sich einmal einer der SachbearbeiterInnen, immer mit einem Schlüssel bewaffnet, sich auf den Weg zur Personaltoilette begibt. Nach 45 Minuten wird Herr A. aufgerufen und der nette Herr erklärt ihm, dass er hier völlig falsch sei. Er möchte bitte noch einmal an die Kundentheke gehen und die würden ihn dann in das zuständige Sachgebiet weiterleiten. Die Dame an der Kundentheke drückt ihm ein Formular in die Hand, welches er bitte ausfüllen soll und leitet ihn dann in den Wartebereich 008 weiter.

Glücklicherweise gibt es in diesem Bereich ausreichend Stühle und Tische um das Formular auszufüllen. Beim Durchlesen des Antrages wird Herr A. stutzig, dass er seinen Namen, seine Adresse und sein Geburtsdatum angeben soll, leuchtet ihm ein. Was aber die Fragen nach gesundheitlichen Einschränkungen - wenn ja Grad der Behinderung - , ob er eine Hochschule besuche, einen pflegebedürftigen Angehörigen betreue oder Schulden bzw. eine Suchterkrankung habe, mit seinem Antrag auf Brennstoffbeihilfe zu tun hat, leuchtet ihm nicht ganz ein.

Etwas irritiert schaut sich Herr A. die Schilder an den Türen an und erfährt, dass sich auf der linken Seite die Integrationsstelle und auf der rechten Seite die Clearingstelle befindet.
Die Integrationsstelle hat 9 Büros, allerdings öffnet sich in der ganzen Zeit nur eine einzige Türe. In der Clearingstelle mit drei Büros geht es anscheinend schneller – kann Herr A. der während des Wartens feststellen. Für ihn stellt sich jetzt nur noch die Frage, wer hier für ihn zuständig ist? Seit 25 Jahren lebt Herr A. in Freiburg und ist der Meinung, dass er sich als linker Niederrheiner sehr gut integriert hat in dieser Stadt. Also ist seine logische Schlussfolgerung, dass wohl die Clearingstelle für ihn zuständig ist.

Allerdings läuft dort eine Frau - intensiv in lautem Selbstgespräch vertieft - nervös auf und ab. Als dann noch ein Mann aus diesem Büro herauskommt, ihr erklärt, dass alles okay sei und er müsse nur noch seine Papiere aus dem PLK Emmendingen holen, versteht Herr A. gar nichts mehr.

Ansonsten das gleiche wie im Bereich 007, die anderen Türen öffnen sich nur, wenn einer der SachbearbeiterInnen zur Toilette gehen will. Vielleicht ist dort ja auch die Raucherecke, sinniert Herr A. so vor sich hin. Nach einer guten Stunde Warterei wird sein Name aufgerufen und eine Frau mittleren Alters, Typ verständnisvolle Diplompsychologin, bittet ihn in ihr Büro hinein. Als erstes erklärt sie Herrn A., dass sie eigentlich keine Anträge bearbeitet und nicht weiß, warum er bei ihr gelandet ist. Sie schlägt ihm deshalb vor, einen kompletten Antrag auf ALG II zu stellen, denn er hätte ja Anspruch darauf und dann wiederzukommen. Herr A. macht einen Gegenvorschlag: Sie möge doch bitte die zuständige Sachbearbeiterin, die dieses Schreiben an ihn geschickt hat, anrufen um mit ihr abzuklären was das Ganze soll.
Sie bedrängelt ihn immer wieder, doch bitte, bitte das Geld, was ihm zustehe, zu beantragen und wie schon gesagt, ist sie für solche Sachen überhaupt nicht zuständig. Sicherheitshalber kopiert sie noch einmal die mitgebrachten Unterlagen.

Herr A. erklärt der Dame ruhig, aber bestimmt, dass er diese 37,- Euro nicht haben möchte, sondern nur die ihm zustehende Brennstoffbeihilfe. Nach ca. einer Viertelstunde fällt der verständnisvollen Psychologin das T-Shirt von Herrn A. auf und sie kommt zu dem Ergebnis: „Ach so, Sie sind ein FREIeBÜRGER und möchten überhaupt keine Leistungen von uns“.
„Genau“ entgegnet Herr A. „und jetzt rufen Sie bitte die Verfasserin dieses Schreibens an, damit ich meinen Antrag nun endlich abgeben kann. Ich bin berufstätig und kann nicht am laufenden Band auf das Amt rennen“. Das leuchtet der verständnisvollen Frau ein und sie greift zum Telefon um zu erfahren das Frau A. schon außer Hauses (Mittagspause) ist.

Eine Woche später begibt sich Herr A. erneut auf den Weg zur ARGE. Zielstrebig will er auf den Nummernautomaten zugehen, allerdings wird ihm der Zugang durch eine große Hinweistafel versperrt. „Wegen Arbeitsüberlastung ist das Sachgebiet Buchstabe A – H für den Publikumsverkehr nicht geöffnet, bei dringenden Anfragen wenden Sie sich bitte an die Kundentheke B12“. Irgendwie sonderbar, die Arbeitslosenzahlen gehen zurück und die ARGE-Mitarbeiter sind überlastet, denkt Herr A. und zieht sich eine Wartenummer aus dem Automaten. Kaum hat er seinen Rucksack geöffnet um die notwendigen Unterlagen herauszuholen, erscheint auch schon seine Nummer auf dem Display. Eine nette Dame nimmt die Unterlagen entgegen und geht schnurstracks zum Kopierer. Danach soll er wieder im Wartebereich 007 Platz nehmen und warten bis er aufgerufen wird.

Heute sitzen hier nur 6 Leute und die PCs stehen immer noch zur Wand ausgerichtet. Eine Frau steckt eine Karte in den Bargeldautomaten, der Automat reagiert nicht - stattdessen verschluckt er die Karte. Verwirrt geht sie wieder und erscheint nach fünf Minuten mit einem sachkundigen Mitarbeiter. Dieser schließt den Automaten auf, tippt einige Sachen ein und verschließt den Automaten. Auch der zweite Versuch scheitert und ein jüngerer Mann meint ironisch: „Kauft euch doch mal vernünftige Karten und nicht immer diese Sonderposten! Übrigens, letzte Woche hattet ihr schon das gleiche Problem.“. Der Mitarbeiter lässt sich nicht beirren und gibt der Frau den guten Rat, noch einmal ins Sachgebiet zu gehen um sich eine neue Karte geben zu lassen. Sie erklärt ihm, dass dies bereits die zweite Karte ist, mit der sie versucht Geld aus diesem Automaten abzuheben. Eine andere Frau will es nun mit ihrer Karte versuchen, allerdings mit dem gleichen Ergebnis.
Was nun?

Der Mitarbeiter erklärt den beiden Frauen, dass er da leider auch nichts machen kann, denn die Geldautomaten werden über Nürnberg gesteuert und die müssen den Fehler beheben, „Das könne allerdings etwas länger dauern“, merkt er noch an.
Ein anderer Kunde betritt den Raum mit den Worten: „Wenn ich heute wieder kein Geld bekomme, gibt es einen Toten!“, der Jüngere stimmt ihm zu und meint nur „am besten ist es sowieso, den ganzen Laden direkt in die Luft zu sprengen!“

Herr A. unterhält sich ein bisschen mit dem jungen Mann und erfährt, dass dieser eigentlich nichts Bestimmtes auf dem Amt will. Er sei einfach nur so da, um etwas Stimmung in den Laden zu bringen und das mache er regelmäßig, so einmal die Woche. „Hab ja sonst nicht zu tun“, erklärt er Herrn A., „denn Spaß muss sein“.
Nach einer Stunde Warterei wird Herrn A. langsam ungeduldig und er klopft zögerlich an die Tür der unbekannten Briefeschreiberin. Nachdem er ihr sein Anliegen erklärt hat, bekommt er nur die barsche Antwort: „Für Antragsbearbeitung bin ich nicht zuständig!“ Auch sein Einwurf, sie sei doch die Verfasserin dieses Schreibens, fruchtet nicht und er wird mit der gleichen Antwort abgespeist.
Als Herr A. erneut nachhakt, dass sie doch dieses Schreiben an ihn verfasst habe und er nun endlich wissen will wo er seinen Antrag abgeben kann, droht sie ihm an: „Falls Sie nicht unverzüglich das Büro verlassen, sehe ich mich gezwungen den Sicherheitsdienst zu rufen!“. Entnervt verlässt er diesen gastlichen Raum und geht nochmals zur Kundentheke, um nachzufragen ob man ihn vergessen habe.

Zwei Minuten später wird endlich sein Name aufgerufen, die Sachbearbeiterin begleitet ihn in ihr Büro. Auf dem Weg dorthin brummelt sie kichernd folgende Worte vor sich hin: „Mann, heute ist schon wieder einer dieser verrückten Tage und das schon morgens um kurz vor zehn“.
In ihrem Büro angekommen, schaut sie sich kurz die Unterlagen an und kann auch nicht verstehen, warum Herr A. einen kompletten ALG II-Antrag stellen muss. Sie läuft zum Kopierer um die Unterlagen nochmals, „damit nun nichts mehr schief gehen kann“, zu kopieren und verspricht Herrn A., dass der Antrag zügig bearbeitet wird.

Schon nach vier Tagen lag der Bewillungsbescheid bei Herrn A. im Briefkasten und raten Sie mal, wer ihn unterschrieben hatte!
Genau, die Sachbearbeiterin, die für solche Sachen angeblich nicht zuständig ist!
Uli




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